17. Februar 2013, 21:58 Uhr

Thema Feiertage: RP Witteck gegen »Rosinenpickerei«

Pohlheim (rge). Ein Plädoyer für die »Entschleunigung« mit Ruhepausen in einer vernetzten und globalisierten Welt für die gesamte Gesellschaft und hier besonders den Feiertagsschutz – nicht nur für Christen – formulierte am Samstag Regierungspräsident Dr. Lars Witteck.
17. Februar 2013, 21:58 Uhr
Diskutierten über Feiertage: Nader Attia, Abraham Tawdorous, Johanna Häfner, Lars Witteck, Bernd Apel und Bernhard Falk. (rge)

Er war auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen (ACK) der Region Gießen-Wetzlar nach Pohlheim in das Thomashaus der evangelischen Kirchengemeinde Watzenborn-Steinberg gekommen. Dort trafen die ACK-Mitglieder von evangelischen, römisch-katholischen und orthodoxen Kirchengemeinden zu ihrem jährlichen Studientag zusammen, um sich zum Thema »Wem gehören die (christlichen) Feiertage?« auszutauschen und zu diskutieren.

Unter Leitung von Pfarrerin Johanna Häfner als ACK-Vorsitzende standen neben dem Vortrag des Regierungspräsidenten die Impulsbeiträge der Diakone Abraham Tawdorous und Nader Attia von der koptisch-orthodoxen St.-Antonius-Gemeinde in Waldsolms, von Altdekan Pfarrer Bernhard Falk von der katholischen Kirche sowie von ACK-Vorstand Pfarrer Bernd Apel von der evangelischen Kirche im Blickpunkt der rund 60 Zuhörer. ACK-Mitglieder sind die Anskar-Gemeinde Wetzlar, die evangelischen Dekanate Gießen, Kirchberg, Hungen, Grünberg und Gladenbach, die Freie evangelische Gemeinde Lich, die evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar, die katholischen Dekanate des Bistums Mainz und Limburg sowie die syrisch-orthodoxen Gemeinden aus Gießen und Pohlheim sowie die koptisch-orthodoxen Christen vom Kloster St. Antonius in Waldsolms.

Respekt erwartet Witteck für die Menschen, die in Ruhe und Frieden ihren Glauben leben möchten. Unter der Überschrift seines Referats »Das Tanzverbot an Karfreitag und der Feiertagsschutz« erinnerte er noch einmal an das Verbot einer Tanzdemo, zu der die Piratenpartei aufgerufen hatte. Das Regierungspräsidium setzte das Verbot bisher durch alle Instanzen durch. »Das Demonstrationsrecht bleibt unangetastet«, so Witteck, denn außer an stillen Feiertagen mit Tanzverbot sind Tanz-Demos möglich.

Auch an diesen stillen Feiertagen wie Karfreitag oder Totensonntag könne man sein Anliegen in Demonstrationen artikulieren, aber nicht durch »provozierende Tanz-Demos«. An diesen Tagen sei nicht »Halli Galli« angesagt, sondern Innehalten in der Trauer der Christen mit dem gekreuzigten Jesu. Das sei weder altmodisch noch spießig, sondern verdiene den Respekt von Atheisten und Andersgläubigen und somit der gesamten Gesellschaft.

Gläubige anderer Kulturen würden mit Unverständnis auf diesen Mangel an Respekt in Deutschland schauen. Kritische Fragen gerade von Jugendlichen müsse man allerdings zulassen. Die Feiertage sollen nach dem Willen des Gesetzgebers auch eine Abkehr vom Alltag sowie Raum und Zeit zum Innehalten bieten, so der RP.

Sonntagsöffnungen im Fokus

Witteck beobachtet auch einen Mangel von dauerhaftem Engagement für die Gesellschaft. Der »Gefällt mir«-Button als Solidarisierungsklick in sozialen Netzwerken sei die Illusion von Engagement, ohne selbst körperlich Handeln zu müssen. Die Gesellschaft bleibe zurück, Individualität, Anonymität und Einzelinteressen würden ohne dauerhaftes Engagement ausgelebt und nicht kritisch hinterfragt. Die ständige Erreichbarkeit im Internet schaffe bei vielen eine Abhängigkeit. Er plädiere daher für Ruhepausen der permanenten Reizüberflutung, in denen man sein Handeln bedenken kann.

Aus dem Plenum gefragt nach immer mehr Sonntagsöffnungen in der Geschäftswelt, antwortete Witteck, dass seine Behörde 80 Prozent der Sonntags-Shopping-Wünsche ablehne. Hier würden die »abstrusesten Gründe« durch die Antragsteller angeführt. Mit Unverständnis reagierte er auch auf die Öffnung der Geschäfte zum »Neujahrsshopping« in Gießen wenige Tage nach Weihnachten. Hier sieht sich Wittek in einem Abwehrkampf der Begehrlichkeiten. Die Gewerkschaften seien im Kampf gegen die Sonntagsöffnung mehr engagiert, als die Kirchen, so seine Beobachtung. Der Druck von Seiten der Wirtschaft werde auch gegenüber dem Regierungspräsidium immer stärker. Er erinnerte daran, dass 2014 das Hessische Feiertagsgesetz überarbeitet werden soll. Davor sind die Kirchen nach ihrer Meinung gefragt.

Es wurde von den Zuhörern an das »Kirchenopfer« des Feiertages Buß- und Bettag an den Staat erinnert, ohne das feststellbare positive Ergebnisse für Deutschland zu verzeichnen seien. Allerdings hätten die christlichen Kirche einiges zu tun, um die Kirche attraktiver für die Menschen zu machen und nicht weiter an Einfluss zu verlieren, wurde aus dem Plenum attestiert. Gerade die Diakone der koptisch-orthodoxen St. Antonius Gemeinde, Abraham Tawdorous und Nader Attia fragten in ihrem Impulsreferat »Warum sind christliche Feiertage wichtig und was ist ihr Sinn?«. Die Kirchen müssen allerdings auch selbst die Identität der Feiertage erhalten. Als Abbild des Lebens und Sterbens Christi sieht Pfarrer Apel die Feiertage im kirchlichen Leben. Und dazu gehöre auch der Sonntag als Wert für die Menschen an sich. Aus römisch-katholischer Sicht beleuchtete Altdekan Falk die Feiertage in der Verehrung der Heiligen.

»Selbst wer kein Christ ist, darf sich an einem Feiertag freuen, frei zu haben«, resümierte der Regierungspräsident. »Rosinenpickerei« dürfe es nicht geben. »Es geht nicht, für Feiertage zu sein, aber gegen Tanzverbot und gegen Feiertagsruhe. Wer tanzen kann, kann auch arbeiten.«

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