26. Januar 2011, 21:40 Uhr

Initiative »Stolpersteine« erinnert an den Holocaust

Linden (gbp). Am Holocaust-Gedenktag (Donnerstag, 27. Januar) erinnert die Initiative »Stolpersteine« Pohlheim bei einem Rundgang an das Schicksal der jüdischen Einwohner von Watzenborn-Steinberg.
26. Januar 2011, 21:40 Uhr
Stolpersteine in der Klossengasse in Watzenborn-Steinberg erinnern an das Schicksal der jüdischen Familie Adler.

»Um den Stein lesen zu können, muss man sich vor dem Opfer verbeugen,« sagt der Künstler Gunter Demnig, Schöpfer der »Stolpersteine« gegen das Vergessen; Betonsteine, die eine beschriftete Messingplatte tragen, eingelassen in das Gehwegpflaster vor den letzten frei gewählten Wohnorten von Menschen, die von Nationalsozialisten ermordet, deportiert oder in den Freitod getrieben wurden. Auf Anregung der 2008 gegründete »Initiative Stolpersteine Pohlheim« tragen seit Oktober 2009 auch in Watzenborn-Steinberg 20 Stolpersteine an fünf Verlegeorten die Namen und Daten von jüdischen Menschen, die hier lebten. 14 von ihnen wurden ermordet, nur sechs konnten flüchten. Angebracht werden konnten die Stolpersteine in dem Pohlheimer Stadtteil durch die Hilfe von Steinpaten, die für 95 Euro die Patenschaft erwarben und damit auch die Aufgabe übernommen haben, das Schicksal der darauf Verzeichneten zu erforschen und die Erinnerung an sie lebendig zu erhalten.

Wie der Vorsitzende der Initiative »Stolpersteine«m Tim van Slobbe, gemeinsam mit Simon Pötter - Sohn des verstorbenen Frank Pötter, auf dessen Nachforschungen sich die Kenntnisse über die Pohlheimer jüdischen Familien stützen - und Andrea Krauß in einem Pressegespräch mitteilen, lädt die Initiative am Holocaust-Gedenktag erneut zu einem Rundgang ein. Dieser beginnt um 17 Uhr vor dem Haus Bahnhofstraße 36.

Exemplarisch für die Schicksale der jüdischen Pohlheimer Familien stellten die drei Mitglieder der Initiative die von Andrea Krauß, Jürgen Kellermann und Simon Pötter recherchierte Lebensgeschichten der Familie Adler/Süß vor, die in der Klossengasse 2 wohnten. Die fünf Steine vor dem Haus in der Klossengasse, die zur Zeit des Naziregimes »Straße der SA« hieß, erinnern an den 1895 geborenen David Theodor Adler, dessen Ehefrau Emma geb. Süß (Jahrgang 1894), deren 1922 geborenen Sohn Kurt Siegfried Adler, die 1927 geborene Tochter Lydia Sonnia Adler und die 1862 geborene Johanna Süß geb. Stern (Jahrgang 1862).

Ab 1924 trieb Theodor Adler Handel mit Manufakturwaren, Wollwaren und Fellen und war »Metzger, der nicht ständig schlachtet«. 1933 drängten Repressalien die jüdische Bevölkerung systematisch aus ihren Berufen, hielten sie von Bildung und öffentlicher Teilhabe fern und beraubten sie zunehmend ihrer Lebensgrundlage. Kurt Adler begann nach achtjähriger Schulzeit eine Schlosserlehre in Frankfurt, seine Schwester Lydia musste ein Jahr darauf bereits nach fünf Jahren die Schule verlassen. Die Verordnung, alle jüdischen Kinder die öffentlichen Schulen verwies, trat erst im November dieses Jahres in Kraft. Die einzige Schule, die jüdische Kinder unterrichtete, war in Bau Nauheim; 1939 musste auch diese Schule schließen. Theodor Adler wurde während der Progrome 1938 in Gießen verhaftet, ins KZ Buchenwald verschleppt und nach fünf Wochen schwer verletzt und mit bleibenden Schäden entlassen. Er unterschriebt die Verpflichtung, Deutschland zu verlassen. Wie allen Juden war es der Familie Adler seit Beginn 1939 verboten, ihren Berufen nachzugehen. Sie verloren jegliche Existenzgrundlage und mussten die Zusatznamen Sarah oder Israel annehmen. Theodor Adler floh am 30. April nach New York, um seine Familie später nachkommen zu lassen. 1940 zogen der 18-jährige Kurt und die 13-jährige Lydia nach Frankfurt, wo sich ein Zentrum jüdischen Lebens mit Schulen und Ausbildungsstätten gebildet hatte. Sie wohnten in einer Sammelunterkunft im Sandweg. Ein Jahr später folgten ihnen Mutter und Großmutter, mit denen die Geschwister in einem Haus auf der Zeil leben, völlig verarmt und auf die Unterstützung jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen angewiesen - möglicherweise ein Grund für das Scheitern der Fluchtpläne. Das Geld aus dem Verkauf von Haus und Grundstück in Watzenborn-Steinberg lat auf einem Sperrkonto und war nicht verfügbar. Frankfurt, wohin zahlreiche Juden aus ländlichen Gegenden geflüchtet sind, wurde zur Falle: Am 22. November 1941 wurde Emma mit ihren Kindern Lydia und Kurt nach Kaunas in Litauen verschleppt, wo sie gemeinsam mit 2934 weiteren Juden erschossen wurden. Johanna Süß, die mittlerweile in der Sammelunterkunft am Sandweg lebte, wurde am 18. August 1942 nach Theresienstadt verschleppt, von dort nach Treblinka, wo sie am 26. September in der Gaskammer starb. Der einzige Überlebende der Familie Theodor Adler arbeitete als Angestellter in Chicago. 1946 heiratete er ein zweites Mal, diese Ehe blieb kinderlos. Er starb 1976.

Krauß, Kellermann und Pötter erwähnten auch die erniedrigenden Entschädigungsverfahren im Nachkriegsdeutschland. Das Ausmaß der staatlichen Beraubung sei auch im Nachkriegsdeutschland verschleiert worden.

Wie Vorsitzender van Slobbe mitteilt, recherchieren Steinpaten derzeit auch über jüdische Familien aus Holzheim und Grüningen, wo ebenfalls die Verlegung von Stolpersteinen geplant ist.

Weitere Infos: www.stolpersteine-pohlheim.de

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