Im Wohlstand leben – und trotzdem im Elend

Lich (nab). In Lich hat sie zum ersten Mal Schnee gesehen. Siphesihle Masango aus Südafrika absolvierte ein Praktikum bei der Evangelischen Stiftung Arnsburg. Nun kehrt die 24-Jährige in ihre Heimat zurück. Dort will die Psychologiestudentin ihren Master machen, um später traumatisierten Kindern und Jugendlichen zu helfen
26. Dezember 2012, 11:23 Uhr
Siphesihle Masango, eine Psychologiestudentin aus Südafrika, hat ein Praktikum bei der Evangelischen Stiftung Arnsburg in Lich absolviert und dabei die Erfahrung gemacht, dass auch Menschen, die im Wohlstand leben, nicht unbedingt glücklich sind. (Foto: nab)

»Mein Aufenthalt in Deutschland war sehr interessant und lehrreich«, resümiert Siphesihle Masango im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung. »Wenn man in Südafrika das Wort ›Europa» hört, denkt man sofort an die Währung Euro. Wenn man ›Deutschland» hört, denkt man sofort an Volkswagen, weil es viele Produktionswerke in meinem Heimatland gibt.« Jetzt denkt die junge Frau, die während ihres Aufenthalts bei der Familie des heimischen FDP-Politikers und Bundestagsvizepräsidenten Dr. Hermann Otto Solms wohnt, aber auch an andere Dinge, wenn sie »Deutschland« hört.

Jetzt sagt sie beispielsweise, dass auch Leute, die einen Fernseher, eine Couch, Betten und eine Wohnung haben, nicht unbedingt glücklich sind. »Auch in Deutschland haben die Menschen Probleme mit Drogen und Alkohol, lassen ihre Kinder verwahrlosen oder missbrauchen sie, trotz des Wohlstands«, berichtet Masango, die während ihres Praktikums auch bei der sozialpädagogische Familienhilfe, die Menschen in ihren Wohnungen aufsucht, Einblicke gewann. »Mit Geld kann man Kleidung kaufen und Essen, aber es hilft nicht bei emotionalen Problemen«, sagt Masango.

Und dann fügt die junge Frau, die Englisch spricht und nur ein paar Wörter der deutschen Sprache aufgeschnappt hat, einen Satz auf Deutsch hinzu: Geld macht nicht glücklich! »Wir leben soweit voneinander entfernt, haben unterschiedliche Hautfarben, aber wir haben auch sehr viel gemeinsam als soziale Wesen, als Menschen« – das habe sie in den vergangenen Monaten gelernt. Als Psychologin möchte sie später mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. »Viele soziale Probleme gibt es in Afrika auch, weil die Menschen als Kinder viel Schlimmes erfahren haben«, erzählt die junge Frau.

»Sie sehen Gewalt in der Familie und in ihrem Umfeld«, berichtet Masango, »man kann nicht von ihnen erwarten, dass sie anders werden.«

Auch wenn ihr gerade historische Fachwerkstädte wie Lich oder Marburg besonders gut gefallen haben, kann sie sich nicht vorstellen, länger als zwei bis drei Jahre in Deutschland zu leben. »Ich liebe mein Land, es ist schön, dort zu leben. Es gibt zwar viele Probleme, aber wir arbeiten auch hart daran, sie zu beseitigen. « Sie fühlt sich verantwortlich für ihr Land, will dort in Zukunft helfen. »Ich wäre nicht der Mensch, der ich jetzt bin, ohne die Erfahrungen, die ich dort gewonnen habe. Ich möchte etwas zurückgeben und Danke sagen.«

Danke sagen werden auch die Mädchen und Jungen, die mit Siphesihle Masango im Wissens- und Kompetenzcenter des Kinderheims der Evangelischen Stiftung Arnsburg mit Spielen, Lernen, Lesen und Puzzeln die Nachmittage verbracht haben. Masangos Besuch wurde möglich in Zusammenarbeit mit dem deutsch-südafrikanischen Verein Masifunde, der sozial benachteiligte Kinder aus südafrikanischen Townships durch Bildungsprogramme fördert.

Für Masifunde war die Praktikantin auch in Schulen in Berlin, Duisburg, Frankfurt, Mainz, Tübingen, Bensheim und Gießen unterwegs, um über ihr Heimatland zu sprechen. Dann beantwortete sie Fragen zu Kriminalität, Armut, Apartheid und der Fußball-WM 2010 und erzählte, wie wichtig Bildung ist, damit die Kinder ein besseres Leben haben können.

Das Weihnachtsfest wird Siphesihle Masango noch in Lich feiern. Es wird anders als die Weihnachten, die sie bisher kannte und dass nicht nur wegen des Wetters. »In Südafrika trifft sich die ganze Familie und geht zum Strand. Weihnachtsbäume oder dergleichen gibt es nur in den großen Einkaufszentren.« Silvester hingegen verbringt sie schon über den beiden Ländern, wenn sie am 31. Dezember in Deutschland das Flugzeug besteigt und am 1. Januar in Südafrika wieder verlässt.

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