03. September 2008, 17:16 Uhr

Ermittlungen nach Tod einer Zeugin Jehovas

Lich (gl). Weil sie bei der Geburt ihres zweiten Kindes eine Bluttransfusion ablehnte, ist Anfang Juli - wie in dieser Zeitung berichtet - eine 29-jährige Zeugin Jehovas in der Licher Asklepios-Klinik verstorben. Die Mutter der Frau hat nun Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung gegen den verantwortlichen Arzt der Klinik und gegen ihren Schwiegersohn gestellt.
03. September 2008, 17:16 Uhr

Die Staatsanwaltschaft Gießen ermittelt. Wie deren Sprecher, Oberstaatsanwalt Reinhard Hübner, gestern auf Anfrage sagte, »können, müssen aber nicht« Ärzte sich an die mit Hilfe von Patientenverfügungen festgelegten Willensbekundungen gegen eine Übertragung von Blut halten. In beiden Fällen mache sich ein Arzt nicht strafbar.

Im konkreten Fall war die junge Frau aus Wetzlar mit Blutungen im vierten Schwangerschaftsmonat in die Klinik eingeliefert worden. Als sie eine dringend notwendige Bluttransfusion aus religiösen Gründen ablehnte, war der Fötus bereits gestorben. Eine entsprechende Patientenverfügung lag vor, und auch eine in dem Dokument als Vormund der 29-Jährigen genannte Frau bestätigte das Verbot. Der Zustand der Patientin verschlechterte sich trotz Behandlung mit einem Blutersatzstoff von Stunde zu Stunde - und am frühen Morgen des nächsten Tages starb die Frau, die eine sechsjährige Tochter hinterlässt. Vor dem Zimmer sollen zwölf Mitglieder der Zeugen Jehovas Wache gehalten haben. Die Mutter der Patientin war, nach eigener Aussage, erst in der Klinik eingetroffen, als ihre Tochter bereits das Bewusstsein verloren hatte. Sie habe Ärzte, den Schwiegersohn und die anwesenden Zeugen Jehovas angefleht, dass ihrer Tochter Blut verabreicht würde - vergeblich.

Die Klinik beruft sich darauf, den erklärten Willen der 29-Jährigen respektieren zu müssen. »Wenn die Verfügung da ist, dürfen wir nicht dagegen verstoßen«, hatte sich Axel Werntges, Geschäftsführer der Licher Klinik, dieser Tage auf Anfrage und mit Hinweis auf den Datenschutz im konkreten Fall geäußert. Gäbe man trotzdem Blut, dann wäre laut Klinik der Tatbestand der Körperverletzung erfüllt.

Nach Darstellung des Oberstaatsanwalts kann sich der Arzt an die Wünsche des Patienten halten, muss es aber nicht. Er mache sich im einen wie dem anderen Falle nicht strafbar. »Es ist seine Entscheidung«, betont Hübner, der damit rechnet, dass die Angelegenheit aus Sicht der Ermittlungsbehörde binnen vier Wochen aufgeklärt sein müsste. Weniger eindeutig wäre der Fall gewesen, wenn der Fötus nicht bereits tot geboren worden wäre, sich die Ärzte also auch um das Kindeswohl hätten sorgen müssen.

Nach Bluttransfusion droht »sozialer Tod«

Die Zeugen Jehovas lehnen aus Glaubensgründen eine Bluttransfusion ab und berufen sich auf die Bibel: »Enthaltet Euch von Hurerei und von Erwürgtem und von Blut« (Apostelgeschichte) und »Nur Fleisch mit seiner Seele - seinem Blut - sollt ihr nicht essen« (Anweisung Gottes an Moses). »Ihr dürft von keinem Geschöpf das Blut genießen, denn das Leben eines jeden Geschöpfes ist in seinem Blut. Jeder, der es genießt, soll ausgetilgt werden« lautet darum das Credo. Wer sich Blut übertragen lässt, der verliert nach Auffassung der Glaubensgemeinschaft nicht nur die Möglichkeit, ins Paradies einzuziehen, sondern den erwartet auch quasi der soziale Tod. Er wird zur Unperson: Eltern verstoßen ihre Kinder, Männer ihre Ehefrauen.

Auch aufgrund zahlreicher Todesfälle innerhalb der Glaubensgemeinschaft hat sich die »Vereinigung der Zeugen Jehovas für eine Reform in der Blutfrage« formiert. Und tatsächlich scheint sich ein Wandel zu vollziehen: »War früher das Blut mit all seinen Bestandteilen, außer dem Wasser, für einen Zeugen Jehovas tabu, so hat sich die Situation im Laufe der Jahre grundlegend geändert. Die Wachtturm-Gesellschaft hat einen Blut-Bestandteil nach dem anderen freigegeben: Zuerst das Glubolin, dann die Gerinnungsfaktoren, danach die Plasma-Proteine und im Juni 2000 schließlich auch das Hämoglobin. Mit anderen Worten, ein Zeuge Jehovas darf mittlerweile 97 bis 98 Prozent aller Blutbestandteile zu sich nehmen. Eine Tatsache, die den meisten Zeugen Jehovas unbekannt sein dürfte«, heißt es beispielsweise auf der Internetseite des »Netzwerks Sektenausstieg«.

Dennoch stehen Ärzte im Falle des Falles unter erheblichem Entscheidungsdruck. Entsprechend heißt es im Deutschen Ärzteblatt: »Es kann nicht ärztliche Aufgabe sein, Menschen besonders Glaubensrichtungen von ihrer religiösen Überzeugung abzubringen, auch wenn sich aus dem Glauben aus säkular-naturwissenschaftlicher Sicht absurde oder sogar lebensbedrohliche Konsequenzen ergeben� Ein psychisch gesunder und bewusstseinsklarer Erwachsener behält stets das alleinige Dispositionsrecht über seine Gesundheit.«

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