13. Februar 2013, 11:43 Uhr

Dorfinitiative veröffentlicht Buch über Juden in Langsdorf

Ein eigens gegründeter »Arbeitskreis Dorfgeschichte« hat in Langsdorf die Geschichte der Juden des Ortes erforscht. Den Anstoß gab Ursula Jack, die schon viele Geschichten von ihrem Großvater kannte. Nun ist ein Buch erschienen, das vor allem die Zeit 1933 bis 1945 näher beleuchtet.
13. Februar 2013, 11:43 Uhr
Rudolf Krätschmer, Ursula Jack und Pfarrer Hans Peter Gieß vor der zum Wohnhaus umgebauten Synagoge der Langsdorfer Juden von 1866-1934 in der Erbsengasse 7 (von links). (Foto: nab )

Lich (nab). In der Nacht zum 1. Juli 1934 kommen SS-Leute aus der Hungener Gegend nach Langsdorf. Ihr Ziel: Die Juden einmal richtig aufmischen. Im Himmerich 5 wohnt Moritz Oppenheimer (Jahrgang 1879) mit Ehefrau Berta und den drei Söhnen. Tochter Zilli ist seit sechs Jahren in Kirch-Göns verheiratet. Am Ende der Nacht haben die Kinder keinen Vater mehr und Hugo, Siegfried und Gerhard sind schwer verletzt. Der Viehhändler wurde von den Nazis erschossen.

In der selben Nacht versteht die zehnjährige Gertrud nicht so recht, warum ihr Vater, Otto Bausch, gerufen wird und das Haus verlässt. Am nächsten Tag herrscht Aufregung im Dorf, es ging um die Juden. Die SS holt den Zimmermann Bausch ab. In Erinnerung wird Gertrud ein Satz ihres Vaters bleiben: »Wenn die Polizei nicht gewesen wäre, hätten sie mich umgebracht, die Nazis.«

Ein Brief als Anstoß zur Recherche

Diese beiden Episoden sind Teil des Buchs »Juden in Langsdorf in der NS-Zeit«. Auf 147 Seiten beschreibt und zeigt darin der eigens dazu gegründete Arbeitskreis Dorfgeschichte, wie die jüdischen Mitbürger in Langsdorf lebten, wie mit ihnen umgegangen wurde in Deutschlands dunkelsten Jahren. Langsdorfer Bürger steuerten zur Dokumentation Briefe und Kaufverträge, Einträge aus Poesiealben, Fotos und Erinnerungen bei.

Nach dem Mord und den zunehmenden Repressalien entschlossen sich viele jüdische Familien, Langsdorf zu verlassen. Die Witwe Berta Oppenheimer und deren Söhne ziehen 17 Monate nach dem Überfall nach Bamberg, später emigrieren sie in die USA. Otto Bausch (Jahrgang 1886) schreibt im Januar 1947 einen Brief an die Witwe und berichtet ihr, was in der Nacht und der folgenden Zeit aus seiner Sicht passiert war. Bausch war im Ersten Weltkrieg zum Sanitäter ausgebildet worden und dem verletzten Moritz Oppenheimer zur Hilfe geeilt. Dafür war er von den Tätern verhaftet worden, die ihm etwas angetan hätten, wenn die Polizei nicht dabei gewesen wäre. So seine Vermutung. Einen Tag später kam er aus der Haft in Gießen wieder frei, »weil der Staatsanwalt noch ein Beamter der alten Richtung war«, schreibt Bausch. Danach war er als »Judendoktor« verschrieen und gemieden worden.

Als eben dieser Brief vor drei Jahren bekannt wurde, brachte Ursula Jack, die Enkelin von Otto Bausch, den Stein zur Dokumentation ins Rollen. »Mich haben schon immer die Geschichten über meinen Großvater interessiert«, sagt die gebürtige Langsdorferin, die seit über 30 Jahren in Berlin lebt. So hatte sie die Idee zu Recherche, wie es den jüdischen Familien in Langsdorf in der NS-Zeit ergangen ist. Nachdem sie sich an Pfarrer Hans Peter Gieß und den Kirchenvorstand gewendet hatte, gründete sich mit dem Ortsbeirat und weiteren Interessierten den »Arbeitskreis Dorfgeschichte«.

»Es war der richtige Zeitpunkt, eine Dokumentation zu erstellen«, resümiert Pfarrer Gieß. »Denn es braucht die kritische Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte.« Und Zeitzeugen, die über das Zusammenleben von jüdischen und nichtjüdischen Bürgern in Langsdorf zu sprechen bereit waren. Zudem sei es nötig gewesen, Menschen zu motivieren, in Fotoalben zu blättern und nach Zeitdokumenten zu suchen. So befragten dann Mitglieder des Arbeitskreises die älteren Dorfbewohner. Manche hatten Briefwechsel aufbewahrt.

Nachdem viele Informationen gesammelt waren, machten sich Ursula Jack und Rudolf Krätschmer daran, sie zu ordnen. Vor allem Krätschmer durchstöberte Akten in den Archiven von Lich, Gießen, Marburg und Darmstadt, um die Spuren des jüdischen Lebens in Langsdorf zu ergänzen. Auch Hanno Müllers Werk »Juden in Lich, Birklar, Langsdorf, Muschenheim und Ettingshausen« (2010) bildete eine wichtige Grundlage. So wie Müller überhaupt den Arbeitskreis in mehrfacher Hinsicht fachkundig mit Rat und Tat unterstützt hatte. »Um die Ereignisse besser einordnen zu können, wurde der Blick zudem auf die Zeit vor 1933 und nach 1945 gerichtet«, erzählen Jack und Krätschmer.

Die Dokumentation beginnt mit einem Bericht über die jüdische Gemeinde in Langsdorf, über die Häuser und die darin wohnenden Familien nebst Stammbaum. Danach schildern die Autoren das Dorfleben bis 1933. Ständig seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts dürften Juden in Langsdorf gelebt haben. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gab es aber auch in dem oberhessischen Dorf erhebliche Veränderungen. Betroffene zogen in Städte, um in den größeren jüdischen Gemeinden vermeintlichen Schutz zu finden. Oder sie wanderten aus. Nach dem Wegzug von Helene Oppenheimer und ihres Angestellten Max Saal 1938 gab es keine Juden mehr in Langsdorf. Ihre Häuser wurden an Dorfbewohner verkauft oder vom Staat durch Zwangsverkauf enteignet. Nach 1945 stand daher auch Wiedergutmachung in Langsdorf an.

Besuch in der alten Heimat

1991 besuchte die 82-jährige Siddy Nelkenstock Langsdorf, den Ort, in dem sie bis zu ihrem 22. Lebensjahr gewohnt und den sie 1933 gen Luxemburg verlassen hatte, um später über Umwege nach Argentinien auszuwandern. Pfarrer Gieß erinnert sich lebhaft daran, wie sie den Konfirmanden damals von ihren Erlebnissen schilderte: Wie man plötzlich nichts mehr von den Juden im Dorf wissen wollte. Wie sie immer so gern getanzt, aber kein Junge sie mehr dazu aufgefordert hatte.

Langsdorfer erhalten das Buch, dessen Druckkosten ein Spender finanziert hat, der ungenannt bleiben will, kostenlos. Alle weiteren Interessierten können sich an Rudolf Krätschmer wenden unter Tel. 0 64 04/42 86 oder Mail rudolf.kraetschmer@t-online.de. Von ihnen wird pro Buch eine Zehn-EuroSpende an die Grundschule oder den Evangelischen Kindergarten erbeten.

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