Delegation aus Dieulefit und Lich besucht Straßburg

Lich (nab). Aus Lich und seiner südfranzösischen Partnerstadt Dieulefit war vor Kurzem eine Delegation angereist, um Straßburg zu erkunden. Auf dem Programm der Fahrt im 40. Jahr der Städtepartnerschaft stand vor allem Freundschaft und Europa.
26. Januar 2015, 22:23 Uhr
Die Skulptur »Europe à Coeur« symbolisiert vor dem Europaparlament die Europäische Union. (Fotos: nab)

Bunte Stifte liegen dicht nebeneinander im Kreis um Teelichter drapiert, Kerzen, Blumensträuße und Plakate mit der Aufschrift »Je suis Charlie« oder »Hommage aux 17 victimes« liegen unterhalb der Statue auf der Place Kléber, dem zentralen Platz und Versammlungsort in Straßburg. Mahnmale zeugen dieser Tage auch in der Grenzstadt von den Attentaten auf das französische Satiremagazin »Charlie Hebdo« und einen koscheren Supermarkt in Paris. Weit mehr als Solidarität, deutsch-französische Verbundenheit und Freundschaft hat vergangene Woche eine Delegation aus Lich und dem südfranzösischem Dieulefit in Straßburg erfahren. Der europäische Staatenbund mit seinem Wahlspruch »In Vielfalt geeint« stand auf dem Programm.

Staatenbund mit 24 Amtssprachen

Das Treffen in Straßburg, der Hauptstadt der im Osten Frankreichs gelegenen Region Elsass, war eine Station der Feierlichkeiten, die die beiden Partnerschaftsvereine zum 40-jährigen Bestehen der »Jumelage« organisieren. In diesen vier Jahrzehnten waren es vor allem die regen privaten Kontakte, die die sehr lebendige Städtepartnerschaft auszeichnen. Im Oktober feierten rund 80 Licher zusammen mit den Dieulefiter Freunden in Südfrankreich das Jubiläum, im Mai kommen die Franzosen nach Lich. Gemeinsam wird dann am 7. und 8. Mai gefeiert, also genau 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Beide Länder waren danach treibende Kräfte eines geeinigten Europas, machten in den Folgejahren über verschiedene Stationen hinweg den Weg frei für die Europäische Union. Mit diesem Staatenbund haben sich die Teilnehmer der Fahrt in der sogenannten »Hauptstadt Europas« näher auseinandergesetzt.

Viele Institutionen haben in der rund 274 000 Einwohner zählenden Stadt ihren Sitz: Europarat, Europaparlament, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Europäischer Bürgerbeauftragter und Eurokorps. Beim Besuch des Europaparlaments – jener Institution die den gemeinsamen Werten auch ein politisches Instrument an die Hand gibt – sahen die Mitreisenden aus Oberhessen und Südfrankreich einmal mehr, wie wichtig es ist, über Grenzen hinweg zu denken. Im Plenarsaal verfolgten sie wie die Abgeordneten abstimmen, aber auch kleine Parteien ihre Erklärungen zur Lage in Libyen, Ägypten und der Ukraine abgeben. Jede Sitzung wird live im Internet übertragen, wo auch jeder Redebeitrag ein Jahr lang frei verfügbar ist, erläuterte Sebastian Seeger, der in Vertretung von Udo Bullmann, dem SPD-Europaabgeordneten für Hessen, die Delegation durchs Parlament führte.

28 Mitgliedstaaten in der EU erfordern aber auch einen hohen Verwaltungsaufwand: 24 Amtssprachen gibt es in der EU. Deswegen sind im Europaparlament 72 Übersetzer, die mindestens vier Sprachen fließend sprechen, nötig. Ein eigener Übersetzerdienst mit Sitz in Luxemburg überträgt tausende Dokumente in die Amtssprachen. In Straßburg treffen sich die Parlamentarier während einer Woche im Monat, um die großen Abstimmungen zu tätigen. Die anderen drei Wochen sind sie wiederum an ihrem Arbeitssitz in Brüssel,wo Gesetze ausgehandelt werden.

Auch wenn die Europäische Union an Akzeptanz gewinnt, läuft vieles noch nicht perfekt. Oft werde die Politik, die im Parlament gemacht wird, nicht wahrgenommen oder gut vermarktet, erläuterte Seeger. »Dabei gehen rund 80 Prozent der Gesetze, die im deutschen Bundestag verabschiedet werden, auf Ideen des Europaparlaments zurück«, so der Politikwissenschaftler. »Obwohl es so wichtig ist, hat das Europaparlament ein Öffentlichkeitsproblem. « Bei 27 EU-Mitgliedstaaten vertritt ein Europaabgeordneter (751 Abgeordnete, fünf Millionen Bürger) fünfmal mehr Einwohner als ein Bundestagsabgeordneter (631 Abgeordnete, 80,6 Millionen Bürger).

Abstecher nach Sessenheim

Zahlen wie diese hinterließen einen bleibenden Eindruck bei der Delegation, die während des zweitägigen Aufenthalts auch die Straßburger Innenstadt mit einer der größten Sandsteinbauten der Welt, dem Straßburger Münster mit seiner Astronomischen Uhr, sowie das romantische »Petit France«, das von Brücken geprägte Gerberviertel, erkundete. Auch in den entlegensten Gassen sah man Spuren der Solidarität mit den Opfern der Attentate von Paris: »Je suis Charlie«-Plakate prangten an Stromkästen, hinter Autoscheiben, an Bürofenstern und Hauswänden der Stadt, die nicht nur über eine Vielzahl von Kirchen und Synagogen verfügt, sondern auch über 35 Moscheen und den ersten muslimischen Friedhof in Frankreich.

Dass Europa auch fern der Währungsunion vor allem auch eine Idee ist, die sich auf gemeinsame Werte und ein friedliches Miteinander und Freundschaft beruft, zeigte der skandinavische Gast der Fahrt: Gunnar Lidell, bis vergangenes Jahr Bürgermeister von Vänersborg, der schwedischen Partnerstadt von Lich, kam eigens zur Straßburg-Fahrt angereist und bedachte alle Teilnehmer mit kleinen Gastgeschenken aus seinem Heimatland. Mit einem Stopp in Sessenheim – Goethe hatte in dem kleinen elsässischen Ort eine Liaison mit der Pfarrerstochter Friederike Brion – machte sich die Licher Delegation wieder auf den Heimweg. Goethe zeigt aber auch, wohin der Weg gehen muss, nicht nur für Europa: »Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muß zu Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.«

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