24. September 2014, 17:38 Uhr

Laubach: Pfarrer Weidel über die Kirche in der DDR

Laubach (con). Pfarrer Weidel aus Leipzig in Laubach über die Rolle der Kirche in der DDR und das Ende des Regimes.
24. September 2014, 17:38 Uhr
Gotthard Weidel (Foto: Constantin Hoppe)

Das montägliche Friedensgebet in der Nikolaikirche, weit über die Grenzen Leipzigs bekannt als geistlicher Auftakt für die wöchentlichen Demos im Herbst 1989, lädt auch heute noch dazu ein, persönliche Nöte und Probleme der Welt im Gebet zur Sprache zu bringen. Manchmal verlieren sich nur 20 Menschen in der Kirche, ein anderes Mal können die Bänke die Menschenmassen kaum fassen. Das Pfarrer-Ehepaar Gotthard und Renate Weidel kam am Wochenende nach Laubach, um von ihren Erlebnissen in jenem Gotteshaus zu berichten, das 1989 ein Zentrum des Protests gegen das DDR-Regime war und montags immer aus allen Nähten platzte. Weidel, Vater des ev. Pfarrers Stefan Ebelt, war damals als Seelsorger an der Nikolaikirche mittendrin in den Geschehnissen der friedlichen Revolution. Viele Interessierte verfolgten am Freitag im ev. Gemeindehaus die Schilderungen aus berufenem Munde.

Wie Weidel vorwegschickte, fing im September 1982 alles ganz klein an: Als das Wettrüsten in Europa auf einen neuen Höhepunkt zusteuerte, trafen in einer Leipziger Kirchengemeinde zufällig ein Bibelkreis älterer Frauen und Mitglieder der Jungen Gemeinde aufeinander. »Durch die Terminüberschneidung entwickelte sich ein Gespräch zwischen den Generationen, in dem die Jüngeren ermutigt wurden, mehr über ihre Probleme zu berichten«, erzählte Weidel. Den Grund für die stets am Montag um 17 Uhr stattfindenden Friedensgebete erklärte er mit einem Schmunzeln: »Wir hatten damals ein volles Programm in der Kirche und um 17 Uhr war eben noch Zeit.« Die Menschen in der Nikolaikirche sangen gemeinsam, hörten Bibeltexte, doch auch Informationen über die Probleme aus allen Teilen des Landes wurden zusammengetragen.

Weidel: »Die Zeitungen und das Fernsehen berichteten in der DDR nur das, was die Regierung wollte.« Aus seinen persönlichen Erfahrungen schilderte er ein Beispiel für die damaligen Probleme im Land: »In unserem Wohnort nahe Leipzig gab es kein fließendes Wasser. Als ich mich deshalb an die zuständige Behörde wandte, hieß es, dass das nicht stimmen würde.«

Im Herbst 1989 versammelten sich immer mehr Menschen zu den Friedensgebeten, schließlich bildeten sich die Protestzüge – »eine Keimzelle der friedlichen Revolution«. Die Polizei bezog rund um die Nikolaikirche Stellung, um Demonstrationen im Ansatz zu verhindern. »Es war immer eine Gratwanderung. Einerseits sollten die unterschiedlichen Gruppen einen Raum für ihre Anliegen haben, andererseits mussten wir als Kirche auch darauf achten, dass wir den Schutz für die Gebete insgesamt erhalten konnten«.

Aber nicht jede Meinung und jedes Anliegen durfte in der Kirche vorgebracht werden: »Wir haben schon darauf geachtet, dass der kirchliche Rahmen erhalten blieb. Darum waren auch politische Reden in der Kirche nicht erwünscht«, erklärte Weidel. Nach den Friedensgebeten zogen mehr als 70 000 Menschen friedlich protestierend über den Innenstadtring – argwöhnisch verfolgt von einem Großaufgebot von Sicherheitskräften.

»Als die Demonstrationen immer größer wurden, standen wir Anfang Oktober 1989 vor der Frage, ob wir das montägliche Friedensgebet absagen sollten. Immerhin wussten wir ja, dass es daran anschließend zu Gewalt und Verhaftungen kommen könnte«, erinnerte sich Weidel. Die Leipziger Pfarrer entschlossen sich jedoch, alle Kirchen zu öffnen und diese als mögliche Rückzugsorte für die Demonstranten anzubieten.

Meinungsfreiheit noch heute wichtig

Zum Glück blieb es bei friedlichen Protesten. Letztlich trugen die Friedensgebete und die Demonstrationen maßgeblich zum Ende der DDR bei. »Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten. Sie haben uns wehrlos gemacht«, soll Horst Sindermann, damals Vorsitzender des DDR-Ministerrates, gesagt haben. Auch heute noch sieht Weidel die Ziele der Demonstranten als sehr wichtig an: »Damals protestierten die Menschen für Presse- und Meinungsfreiheit. Ihre Meinung sollte gehört und nicht unterdrückt werden. Das alles sind Ziele, denen wir uns auch heute noch widmen sollten.«

Seine Erinnerungen hat Weidel im Buch »Herbsterfahrungen 1989 – Die Friedliche Revolution« zusammengefasst. (Foto: con)

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