25. September 2008, 21:02 Uhr

»Ländliche Region muss ihren Standortvorteil nutzen«

Laubach (jhm). Einem in der Öffentlichkeit emotional diskutierten Politikbereich wendete sich der SPD-Unterbezirk Gießen am Montagabend im fünften Teil der Dialogreihe »Ländliche Räume haben Zukunft!« zu: den Herausforderungen der Pflege- und Gesundheitswirtschaft. Das die Diskussion ausgerechnet im Diakoniezentrum Johann-Friedrich-Stift Laubach stattfand, werteten gleich zu Beginn Unterbezirksvorsitzender Thorsten Schäfer-Gümbel, der als Moderator fungierte, und SPD-Bürgermeisterkandidat Roland Kauer positiv an.
25. September 2008, 21:02 Uhr
SPD-Dialogforum mit dem Schwerpunkt zur ärztliche Versorgung (aufddem Land) mit Dr. Spies, Kathrin Wind, Thorsten Schäfer-Gümbel, Roland Kauer und Dr. Zimmermann (von links) (Foto: jhm)

Laubach (jhm). Einem in der Öffentlichkeit emotional diskutierten Politikbereich wendete sich der SPD-Unterbezirk Gießen am Montagabend im fünften Teil der Dialogreihe »Ländliche Räume haben Zukunft!« zu: den Herausforderungen der Pflege- und Gesundheitswirtschaft. Das die Diskussion ausgerechnet im Diakoniezentrum Johann-Friedrich-Stift Laubach stattfand, werteten gleich zu Beginn Unterbezirksvorsitzender Thorsten Schäfer-Gümbel, der als Moderator fungierte, und SPD-Bürgermeisterkandidat Roland Kauer positiv an. »Wir sind hier, mitten auf dem Land, von der demographischen Entwicklung besonders betroffen«, so Kauer, der neben dem stellvertretenden Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, Dr. med. Gerd W. Zimmermann, dem gesundheitspolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Dr. Thomas Spies, und Kathrin Wind, Vorstand des Oberhessischen Diakoniezentrums, an der Podiumsdiskussion teilnahm.

Den Sicherstellungsauftrag der KV für die ärztliche Versorgung auf dem Land betonte zunächst Dr. Zimmermann. Für Versorgungsmängel machte er dabei vor allem eine veraltete Gesetzeslage verantwortlich: Im Gesundheitsstrukturgesetz seien durch den »Niederlassungsbeschränkungsparagraphen« Quoten festgelegt, die in den jeweiligen Regionen nicht überschritten werden dürften. Durch Kumulation von Ärzten an bestimmten Stellen in der Region könnten andernorts Engpässe entstehen, obwohl laut der festgelegten Quote Versorgung garantiert sein müsste. Dadurch, dass in dem Ausschuss, der die Quoten festlege, neben Ärzten und KV auch Vertreter der Kassen säßen, gebe es trotz eines großen Angebots an Niederlassungswilligen »eine gewisse Zurückhaltung«. Seitens des Gesetzgebers seien jedoch positive Tendenzen für eine Lockerung der Vorgaben zu erkennen.

»Anreize für Ärzte - auch von Kommunen!«

Als zweites großes Problem markierte Zimmermann fehlenden Nachwuchs, vor allem im Bereich der Allgemeinmedizin. Hinzu komme eine hohe Frauenquote, die durch Familienplanung und schlechte Bezahlung für mangelnde Initiativen zur Öffnung einer Arztpraxis führe: »Die arbeiten dann eher halbtags im Krankenhaus.« Mögliche Hilfen der KV für Frauen seien die Schaffung von Angestelltenstellen, Versorgungs- und Gesundheitszentren und die doppelte Führung von Praxen. Das die finanzkräftigen Kliniken jedoch gerade in den rentablen Ballungszentren ihre Gesundheitszentren errichteten und damit wiederum zu einer Konkurrenz für Ärzte auf dem Land würden, merkte Zimmermann an. Hier müssten auch die Kommunen Anstrengungen unternehmen und durch bessere Rahmenbedingungen und Strukturen, etwa bei Notdiensten, Ärzte in die Region locken: »Das Land ist für Ärzte eigentlich billiger als die Stadt, diesen Standortvorteil muss man aber auch nutzen.«

Welche Rolle das Diakoniezentrum in der Region spielt, erläuterte Wind. Neben drei Seniorenheimen in Laubach, Hungen, Lich bietet man u.a. ambulante Hilfen und Kindergarteneinrichtungen. Als Problem machte sie den steigenden Konkurrenzkampf mit privaten Anbietern stationärer Pflege aus, der vor allem nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten laufe: »Überall werden Seniorenheime gebaut, «Essen auf Rädern» will jedoch kaum einer machen, weil sich das einfach nicht rechnet. Wir können uns da Quersubventionen schon lange nicht mehr leisten.« Weiteres Problem für ihr Zentrum sei der Fachkräftemangel in der Pflege, zumal das Angebot u.a. auch für Demenzkranke erweitert werde. Weiter versuche man Angebote zu vernetzen, Hilfen zu flexibilisieren und neue Angebote wie Unterstützung von privater Pflege oder das gerade verwirklichte Konzept des »Mehrgenerationenhauses« zu etablieren. Wichtig sei es, Familien im umfassenden Sinn wahrzunehmen und auch auf die zunehmende Singularisierung in der Gesellschaft zu antworten.

Dr. Spies betonte zunächst, dass Gesundheitsversorgung eine öffentliche Aufgabe sei, marktbeherrschende Kapitalgesellschaften in diesem Kontext kritisch zu beurteilen seien. »Der Versorgungsauftrag des Grundgesetzes besteht immer, deshalb ist Privatisierung nicht immer klug.« Der Arbeitsmarkt wachse auf dem Gebiet ständig, während die Ausgaben für das System trotz demographischem Wandels nicht stark stiegen. Überhaupt sei dieser Wandel kein großes Problem, die Menschen würden schließlich insgesamt gesünder älter. »Die zusätzliche Lebensspanne entsteht zwischen 30 bis 70 und nicht am Lebensende. Teuer fürs System wird vor allem das letzte Lebensjahr.«

»Ärzte auf dem Land: neue Strukturen!«

Arztversorgung auf dem Land sei indes vor allem durch einen Philosophiewechsel zu erreichen: »Der Kümmerer auf dem Land ist auch ein ehrenwerter Beruf.« Auch bedürfe es Regionalkonferenzen, bei denen Kommunen mit Ärzten, Kassen und KV über strukturelle Verbesserung und Organisation von Angeboten beraten. Auch mehr Prävention, Arzt-unterstützende Systeme, etwa durch mehr Kompetenzen für Krankenschwestern, und eine Lockerung des Arbeitsmarktes vor allem im Bereich der Pflege seien notwendig: »Es gibt Leute mit schlechtem Schulabschluss, die aber prima mit alten Leuten umgehen können. Gerade im Bereich der Demenz sind vor allem soziale Fähigkeiten gefragt.«

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