13. April 2012, 22:18 Uhr

Vor 100 Jahren wurde »Olympiapfarrer« Karl Zeiss geboren

Langgöns (epd). Den evangelischen Theologen Karl Zeiss drängte es zeitlebens dorthin, wo die Menschen zusammenkamen: auf Straßen und Plätze, in Urlaubsorte, auf Fußballplätze und an Rennstrecken. Vor 100 Jahren, genau am 15. April 1912, wurde er in Langgöns geboren.
13. April 2012, 22:18 Uhr
Karl Zeiss

Der evangelische Theologe war ein begnadeter Redner und ein beliebter Seelsorger. Bei großen Sportveranstaltungen und auf Kirchentagen zog er die Massen an, als erster »Olympiapfarrer« der Evangelischen Kirche in Deutschland ging er in die Annalen ein. Kirche war für ihn niemals dogmatisches Gefängnis oder frommer Rückzugsort, sondern Sinn- und Weltverantwortungsagentur.

Weit über die Grenzen Hessens bekannt wurde Zeiss Anfang der 1950er Jahre als einer der Initiatoren des Dialogs zwischen Kirche und Sport. Bei fünf olympischen Spielen, in Helsinki 1952, Rom 1960, Innsbruck 1964, Mexiko 1968 und München 1972, war er als EKD-Beauftragter tätig; während der Fußball-WW 1974 fungierte er für den EKD-Arbeitskreis »Kirche und Sport« und den Deutschen Fußballbund als Kontaktperson.

»Der Himmel muss weg!«

Viele Jahre gehörte er dem wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Sportbunds an. »Zum Sport kam er, weil er die Notwendigkeit sah, auf die Verantwortung gegenüber dem Körper hinzuweisen«, sagt sein Sohn, der Jurist Wolfgang Zeiss. Weiter: »Mein Vater witterte auch bereits früh die ethischen Probleme, etwa den Betrug durch leistungssteigernde verbotene Substanzen.«

Eine Lanze brach der »Olympiapfarrer« auch für den Schul- und den Behindertensport. 1980 erhielt er in Anerkennung seiner Verdienste um »Ethos und Menschenwürde im Sport« die erstmals vergebene »Ludwig-Wolker-Plakette« des Deutschen Sportbundes.

Karl Zeiss schaute den Menschen »aufs Maul«, redete ihnen aber nicht nach dem Mund. Er wollte ihnen die »froh und frei machende Botschaft« vom Evangelium bringen – und hatte großen Erfolg damit. So hielt er schon 1953 bei dem Motorradrennen »Rund um Schotten« Morgenandachten vor fast 180 000 Zuhörern. Er war auch auf Fußballplätzen und bei Sechs-Tage-Radrennen anzutreffen, nicht selten mit den Kindern Wolfgang, Reinhard oder Ingrid im Schlepptau.

Hunderte hörten Karl Zeiss auf den ersten Kirchentagen in Hannover und Berlin, in Leipzig, Frankfurt/Main und München. Er predigte in einer Werkshalle in Leuna und auf der Frankfurter Einkaufsmeile »Zeil«. Mit seinem Freund Erich Warmers, dem damaligen Männerwerkspfarrer, begann er die Campingseelsorge. Und als Pfarrer der Frankfurter Matthäuskirchengemeinde beteiligte er sich an der Bürgerinitiative zur Rettung des Westends, wo er zusammen mit seiner Frau Dore gegen Wohnraumzerstörung und Bodenspekulation kämpfte.

Mehrfach machten die Aktionen des zupackenden und lebenslustigen Karl Zeiss Schlagzeilen. So musste einmal auf seine Intervention hin ein Amüsierlokal im Bahnhofsviertel in seinem Namen »Himmel und Hölle« das Wort »Himmel« streichen, was die »Abendpost-Nachtausgabe« zu der sinnigen Überschrift »Der Sieg des Pfarrers, der ›Himmel» muss weg!« veranlasste.

Kampf gegen »Dirnenunwesen«

1959 wurde Zeiss gar zur Zielscheibe von Kriminellen. So berichtete etwa das »Darmstädter Echo« von Schüssen mit einem schweren Luftgewehr auf das Wohnhaus des Pfarrers wegen dessen Kampf gegen das »Dirnenunwesen«.

Die Ethik des Karl Zeiss war ebenso fordernd und politisch wie die seines theologischen Lehrers Karl Barth, des Mitgründers der Bekennenden Kirche (BK) in der NS-Zeit. Stark beeinflusst wurde er auch von Walter Kreck und Pfarrer Paul Schneider, dem Widerstandskämpfer und »Prediger von Buchenwald«.

Nach seinem Studium in Gießen, Halle und Dorpat (Estland) legte der aus einer Eisenbahnerfamilie stammende Zeiss seine beiden Prüfungen beim Landesbruderrat der BK ab und wurde 1937 in Wiesbaden-Dotzheim ordiniert. Dort versahen er und Vikar Helmut Weber bis 1939 das Pfarramt. In dieser Zeit kam es immer wieder zu unliebsamen Begegnungen mit der Geheimen Staatspolizei (Gestapo).

»Die Mitte unserer Arbeit war der sonntägliche Gottesdienst, dessen Besuch als öffentliches Bekenntnis verstanden wurde. Es kam immer wieder vor, dass Leute von der Gestapo beauftragt waren, die Anwesenden zu registrieren und die Predigten und die Gebete zu notieren, auch bei Beerdigungen«, schrieb Zeiss im Rückblick. Wegen der Ausrichtung eines großen Kindergottesdienstfestes wird er einmal sogar in die Gestapo-Zentrale in die Friedrichstraße einbestellt und stundenlang verhört.

Nach sechs Jahren Kriegsdienst und amerikanischer Gefangenschaft wurde Zeiss 1945 Pfarrer in Münster bei Butzbach, danach 1948 bis 1956 in Nieder-Erlenbach/Nieder-Eschbach und schließlich von 1956 bis zu seinem Ruhestand 1977 an der Frankfurter Matthäuskirche. Zeiss war auch in der Rundfunkarbeit tätig und wirkte mehr als 20 Jahre in der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. Von 1954 bis 1988 gehörte er der Synode der hessen-nassauischen Kirche an und vertrat die Landeskirche auch viele Jahre in der EKD-Synode. Seinen Ruhestand verlebte Zeiss in seiner Heimatgemeinde, die ihm 1992 die Ehrenbürgerwürde verlieh und 1995, ein Jahr nach seinem Tod, eine Sporthalle nach ihm benannte. Für seine Verdienste erhielt er auch das Bundesverdienstkreuz (1989) und die Johanna-Kirchner-Medaille der Stadt Frankfurt am Main (1993). Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof Langgöns. (Foto: epd)

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