13. Februar 2014, 18:08 Uhr

Eine Kindheit in der »Bitze«

Eine Synagoge und eine Kirche, ein Schloss und eine Schule, ein Krankenhaus und viele Bauernhöfe – die Hungener Bitzenstraße hat in den vergangenen 100 Jahren eine wechselvolle und interessante Geschichte erlebt.
13. Februar 2014, 18:08 Uhr
Die Luftaufnahme der Stadt Hungen um 1930 zeigt das Viertel, das ehemalige Bewohner liebevoll die »Bitze« nennen. Die Bitzenstraße verläuft vom Schloss aus an der ev. Kirche (links im Bild) vorbei bis hin zur Untertorstraße. Früher gab es dort ein Krankenhaus, eine Synagoge, eine Schule und viele Bauernhöfe. (Fotos: bnf)

Hermann Moll hat kürzlich im Erzählcafé einen Vortrag über die Hungener »Bitze« gehalten. Einem interessierten Publikum erzählte der ehemalige Bewohner auf humorvolle Art von seiner Kindheit in der Bitzenstraße, die vom Schloss aus an der Stadtmauer und an der ev. Kirche vorbei entlangführt, bis sie am ehemaligen Geschäft Köhler in die Untertorstraße mündet. Durch die enge Bebauung verzweigten sich enge Seitengässchen und führten zu weiteren Häusern. Bis in die 1950er Jahre hätten noch etliche kleine Bauernhöfe in diesen beengten Verhältnissen bestanden.

Moll schilderte, wie bei ihm zu Hause das Pferdefuhrwerk vorwärts in den engen Hof gefahren wurde. Die Pferde wurden ausgeschirrt und mussten über eine kleine Treppe in den Stall laufen. Der Leiterwagen wurde dann mithilfe der Nachbarn bewegt. Da die »Bitze« sehr steil abfällt, hielten die Bremsen der Wagen manchmal nicht, die Pferde gingen durch und wurden einmal sogar erst von den geschlossenen Bahnschranken in der Obertorstraße gestoppt. Von den vielen Misthaufen ergoss sich die Jauche auf die Straße, floss an den Häusern und sogar am Krankenhaus vorbei, so Moll. Im Winter sei es für die Kinder ein Vergnügen gewesen, auf der gefrorenen Jauche Schlitten zu fahren.

Der Zusammenhalt im »Bitze«-Viertel war sehr gut, erinnerte sich Moll. Man half sich und lieh sich beispielsweise gegenseitig Arbeitsgeräte aus. Im Haus der Familie Moll war ein gemauerter Backofen, der von der Nachbarschaft mitbenutzt wurde.

Ingrid Meybohm von der AG Spurensuche zeigte den Besuchern Fotos der heutigen Bitzenstraße, stellte – soweit vorhanden – alte Fotos gegenüber und ergänzte geschichtliche Fakten. Bis Anfang 1960 waren nur wenige Veränderungen sichtbar, so Meybohm, dann siedelten sich die meisten Landwirte außerhalb der Stadt an. Einige Scheunen wurden abgerissen, weil sie moderner Wohnbebauung weichen mussten, aber die alten Wohnhäuser seien fast alle stehen geblieben.

An das Schloss grenzte der Gutshof der Fürsten von Solms-Braunfels an. Eine Sprengbombe zerstörte 1944 die Scheune und Fensterscheiben im Umkreis, entfachte aber zum Glück keinen Brand, der viele Häuser durch die enge Bebauung zerstört hätte. In den 60er Jahren wurde der Gutshof abgerissen und später auf dem Gelände das ev. Gemeindehaus und ein Spielplatz gebaut.

Unterhalb davon steht einige Häuser weiter das ehemalige Krankenhaus. Johanette Fendt hatte es 1893 gestiftet. Es war ein Belegkrankenhaus für die in Hungen praktizierenden Ärzte und hatte zeitweise einen guten Ruf, obwohl die hygienischen Verhältnisse sehr einfach waren, und die frisch Operierten eine Treppe runter getragen werden mussten. Zu Beginn zahlten die Kranken einen Tagessatz von einer Mark, Kinder 50 Pfennige. Eine Krankenschwester erhielt 250 Mark monatlich. »Viele Hungener wurden dort geboren, bekamen den Blinddarm oder die Mandeln entfernt«, so Meybohm. Trotz großer Bemühungen der Stadt Hungen wurde es 1969 geschlossen. Die langjährig dort arbeitende Hebamme Paula Deckenbach und die erst kürzlich im Alter von 100 Jahren verstorbene Schwester Maria waren allen Besuchern des Erzählcafés noch bekannt.

Gegenüber dem Krankenhaus wohnte der Schuhmacher Frutig, später auch sein Schwiegersohn Drescher, mit seiner winzigen aber gemütlichen Werkstatt, in der Kinder immer willkommen waren und zuschauen durften.

Das Haus Bitzenstraße 38 wurde 1832 von der jüdischen Gemeinde gekauft und zur
Synagoge mit Schule und Frauenbad umgebaut und mit einem Davidstern auf dem Dach verziert. Am 10. November 1938 zerstörten Nationalsozialisten das Innere und verbrannten Möbel, Bücher und Tücher auf dem Marktplatz. Auch das Gebäude sollte angezündet werden, obwohl dort eine Familie wohnte. Brandmeister Köhler weigerte sich, Brandschutz für die anliegenden Häuser zu geben. So blieb die Synagoge bis in die 70er Jahre mit verwüstetem Innenraum unbenutzt stehen. Leider versäumte die Stadt, die Synagoge als solche zu bewahren. Sie wurde an Privatleute verkauft und als Wohnhaus umgebaut, führte Meybohm aus.

Bitzenstraße 36 und 34, zwei winzige, aneinanderhängende Wohnhäuser mit kleiner Scheune und einem Stall, wurden von Wolfgang Wagner gekauft und liebevoll zu wahren Schmuckstücken restauriert. Holzuntersuchungen haben das vordere Haus auf das Jahr 1465 datiert. Damit ist es das älteste Haus in Hungen. Erst in diesem Januar wurde es offiziell eingeweiht.

Gegenüber war das Haus der Schmiede
Faber für den Betrieb zu klein geworden und der Betrieb siedelte aus. Die Gebäude wurden abgerissen und zu Wohnungen und Läden umgebaut. Auch das Wohnhaus der Familie Föller, erst Wagnerei, später Reinigung, wurde mit einem Erweiterungsbau zu behindertengerechten Wohnungen umgebaut.

In der Bitzenstraße Richtung Horloffbrücke – im Volksmund Rialtobrücke genannt – hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert: Häuser und Stadtmauerteile wurden abgerissen, neu gebaut oder sie verschwanden ganz wie das Armenhaus an der noch vorhandenen Stadtmauer. Auch dort wurden Scheunen zu Wohnungen ausgebaut. Auf einem Wiesengrundstück des Bauernhofes Stein, außerhalb der ehemaligen Stadtmauer direkt an der Horloff gelegen, wurde das Hungener Seniorenzentrum neu gebaut und im November 2011 eingeweiht.

Auch zwei Schulgebäude gab es in früheren Jahrhunderten in der »Bitze«, eines davon im oberen Bereich vor dem heutigen Wohnhaus Kuczera. Es wurde vor Jahrzehnten abgerissen. Ein zweites Gebäude ist das Wohnhaus der Familie Kaczmarek, das sich an die Stadtmauer anlehnt. 1884 wurde die Schule in die Schlossgasse 6 verlegt, da das alte Gebäude zu klein wurde.

Gebäude zeugen von Bedeutung

Welche Bedeutung die »Bitze« früher hatte, zeigt sich an den vielen wichtigen Gebäuden in diesem Bereich, schließt Meybohm. Erst im 19. Jahrhundert erweiterte sich Hungen über die Grenzen der Stadtmauer hinaus. Das Viertel blieb bis in die 1960er Jahre dicht besiedelt und bewahrte seinen eigenen Charakter durch die enge, verschachtelte Bebauung. Sie hinterließ tiefe Eindrücke auf die dort lebenden Menschen, wie die lebhaften Beiträge im Erzählcafé gezeigt haben. (bnf)

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