09. April 2010, 19:16 Uhr

Bellersheimer Burgen mit einer wechselvollen Geschichte

Hungen (pm). Im jüngsten »Erzählcafé« im Kulturzentrum Hungen berichtete – wie der AZ geschrieben wird – Ria Mühling, unterstützt von Ehemann Karl-Heinz Mühling, über die Geschichte der Bellersheimer Burgen. Dereinst gab es dort eine Unter-, eine Mittel- und auch noch eine Oberburg.
09. April 2010, 19:16 Uhr
Die Bellersheimer Mittelburg. (Foto: pm)

Hungen (pm). Im jüngsten »Erzählcafé« im Kulturzentrum Hungen berichtete – wie der AZ geschrieben wird – Ria Mühling, unterstützt von Ehemann Karl-Heinz Mühling, über die Geschichte der Bellersheimer Burgen. Dereinst gab es dort eine Unter-, eine Mittel- und auch noch eine Oberburg. Das Interesse der Mühlings an den historischen Gemäuern ist verständlich, ein Urahn der Familie, Urias Hahn, hatte anno 1833 die Unterburg mit dem dazugehörigen Land von der Gemeinde Bellersheim gekauft. An Gebäuden waren da freilich nur noch Scheunen und Ställe vorhanden.

Auf zwei noch vorhandenen Gewölbekellern eines vor langer Zeit zerstörten Hauses mit der Jahreszahl 1593 baute Urian Hahn vor rund 170 Jahren das Wohnhaus wieder auf. 1939 erbte der Vater von Karl-Heinz Mühling den Hof, der bis heute von der Familie bewohnt und von Sohn Hans-Martin bewirtschaftet wird. Eine vollständig erhaltene hohe Mauer mit Schießscharten umgibt den Hof, erinnert an wehrhafte Zeiten, schreibt Ingrid Meybohm, Organisatorin des »Erzählcafés« über den jüngsten Vortrag. Und weiter: 1588 hatte Quirin von Riedesel alle drei Bellersheimer Burgen erstanden. Sein Wappen ist heute noch in der Scheune der Oberburg aus dem Jahr 1588 erhalten, ferner über der Eingangstür der Mittelburg (1590) und in der Unterburg aus dem Torbogen der Scheune gerettet (Jahreszahl 1599). Die Unterburg wechselte mehrmals den Besitzer, die Familie Riedesel starb aus, es folgte ein Herr von Waldeck. 1671 kaufte Graf Degenfeld-Schonburg die Unterburg. Im Besitz der Familie Mühling ist ein Bild des Grafen mit dem lateinischen Text folgenden Inhaltes: »Der vornehme und adlige Bannerträger in Hohen-Eybach, Durnan, Neuhaus, Staufeneck des mächtigen Königs der Preußen, hoher Beamter, der einst im Fürstentum Neuenburg (heute Neuchatel/Schweiz) und der Grafschaft Valangia (heute Valengin/Schweiz) eine hohe Stellung inne hatte und den Rang eines geheimen Kriegsrates bekleidete. Er war Ritter der Reitertruppe des Großordens vom schwarzen Adler. Geboren am 6. Mai 1689, gestorben am 16. August 1762« (Preußen hatte damals diese Gebiete besetzt).

Mittelburg 1380/90 im gotischen Stil erbaut

Die größte der drei Bellersheimer Burgen war die Mittelburg; 1380/90 war sie von Henne von Bellersheim im gotischen Stil erbaut worden. Sie war von einem Wassergraben mit Zugbrücke umgeben. Ein großes Tor wurde zum Schutz der Bewohner um 7 Uhr abends geschlossen. Zur Mittelburg gehörten zwei Wohnhäuser und eine große Scheune, von der nurmehr Grundmauern und Keller noch heute im Gartenbereich zu finden sind. In der Mitte des Hofes stand ein Ziehbrunnen mit einem steinernen Überbau, eingemeißelt die Zahl 1515.

Fruchtbare Böden schon immer begehrt

Die Herren von Bellersheim waren ein in der Wetterau weit verbreitetes, begütertes Geschlecht, Vasallen von Arnsburg-Münzenberg. Das Standbild des Johann Daniel von Bellersheim, gestorben 1603, ist in der Kirche von Münzenberg zu sehen. Eine erste urkundliche Erwähnung fand man in Urkunden des Kloster Lorch, ein Nantherus von Baldratesheim schenkte anno 769 dem Kloster Land.

Die fruchtbaren Böden der Wetterau, so war im »Erzählcafé« weiter zu vernehmen, waren schon immer begehrt, selbst die Römer errichteten einen großen Gutshof auf dem Gebiet der Gemeinde, die Alteburg. Steine des Hofes wurden in Häusern der Einwohner wieder verwendet. Man vermutet, dass ein Fensterkreuz der Mittelburg daher stammt. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wohnten keine adligen Familien mehr in Bellersheim. Die Höfe waren verpachtet.

Mit Zugbrücke und Wassergraben

Auch die Mittelburg wechselte oft den Besitzer. Nach der Familie Riedesel kaufte der Fürst zu Solms Braunfels 1783 die Burg, 1873 tauschte die Gemeinde die Gebäude der Oberburg gegen die Mittelburg und richtete dort Schulräume und eine Lehrerwohnung ein. Das zweite Wohnhaus wurde abgerissen, der Graben zugeschüttet, um eine Straße nach Bettenhausen zu bauen. 1962 wurde eine neue Schule fertiggestellt und die Mittelburg als Wohngebäude verkauft.

Die Oberburg, 1452 schon erwähnt, besaß ebenfalls einen Wassergraben und eine Zugbrücke. Ihr Gelände ist heute noch in großen Teilen von einer hohen Mauer umgeben. Der Graben wurde im 19. Jahrhundert zugeschüttet und zu einem Garten umgewandelt. Der Besitzer Conrad Carl baute in dieser Zeit auch das Wohnhaus weiter aus. Sein Grabstein an der Rückseite der Kirche blieb noch lange erhalten. Sehenswert sind die großen Scheunen mit Sandsteintoren und Pfeilern mit dem Riedeselwappen und der Jahreszahl 1607. 1873 wurde Fürst Solms Braunfels der neue Besitzer und verpachtete den Hof.

1944 wurde das Wohnhaus durch einen Bombenangriff stark zerstört, das Pächterehepaar Kammer getötet. Wenige Jahre später wurde das Wohnhaus wieder hergestellt. Der Hof ist bis heute landwirtschaftlich genutzt.

Ingrid Meybohm schließlich zeigte in einem Bildvortrag, wie die drei Burgen heute aussehen – Aufnahmen der Familie Mühling und alte Fotos aus dem Buch »Hungen und seine Stadtteile in alten Ansichten« von Herbert Engel und Willi Hechler. Besucher des »Erzählcafés« brachten noch viele zusätzliche Erklärungen und Informationen ein. Meybohm dankte Ria und Karl-Heinz Mühling für ihren interessanten Vortrag.

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