07. August 2016, 16:23 Uhr

Der Erzbergbau im Seenbachtal

Es war eine Knochenarbeit – der Bergbau im Seenbachtal. Die Zeit der Erzgruben ist schon lange vorbei – vergessen ist sie aber nicht. Dafür sorgen auch die »Erzwegler«.
07. August 2016, 16:23 Uhr

Grünberg (bb). Karl-Heinz Hartmann ist ein Idealist. Pragmatisch ist er auch. Er ist Künstler, Lehrer, Heimatforscher. Er hat Familie, einen Hund, un d er ist in Grünberg-Weickartshain zu Hause. Sein »zweiter Wohnsitz« ist die »Weickartshainer Schweiz« – die im Volksmund auch Eisenkaute genannt wird. Kauten kennt man in der Region, hat man in jedem Dorf. Es sind dort aber keine natürlichen Mulden oder Vertiefungen. Im Seenbachtal sind es oft die letzten Relikte einer vergangenen Zeit.

Nicht überall sind sie noch so gut sichtbar wie in Weickartshain. »Für den nicht informierten Betrachter lässt sich kaum noch Auffälliges ausmachen«, schreibt Werner Wißner aus Nieder-Ohmen in einem Beitrag über den Einfluss des Erz-Tagebaus auf die Gewässer in der Region. Das stimmt, aber wer genau hinschaut, der kann die Konturen der Abbaufelder noch erkennen: Steile Hänge vor allem sind noch da – und unnatürliche Einschnitte in der Landschaft.

Als die Eisenerzvorkommen im Seenbachtalgebiet erschöpft waren, wurden viele Gruben verfüllt, die Flächen wieder landwirtschaftlich genutzt. Andere Kauten wurden zu Mülldeponien umfunktioniert. In Wei-ckartshain aber ist die ehemalige Grube »Deutschland« heute eine Art Naherholungsgebiet. In dem Projekt steckt viel ehrenamtliches Engagement. Auch das von Hartmann. Es gibt dort eine Hütte, man kann grillen, gemütlich im Schatten oder in der Sonne sitzen und auf den kleinen See schauen, der sich am tiefsten Punkt der Kaute gebildet hat. Hier beginnt der Erzweg Süd. Und hier endet er auch.

Spende der Sparkasse

Aber von vorne: Das Projekt »Erzweg« entstand 2007 als Folge der Aktion »Erzart«, die damals im Rahmen des Kultursommers im Landkreis Gießen stattfand. Die Initiative ging vom Kulturring Weickartshain und vom Kunstturm Mücke aus. »Angesichts des großen Interesses am Eisenerzbergbau, gerade auch von jungen Menschen, entstand die Idee, diese Ära einmal umfassend zu dokumentieren«, erzählt Hartmann. An einen »Erz-Wanderweg« habe man aber damals noch nicht gedacht. »Ziel war, die wenigen noch vorhandene Relikte zu beschreiben, um damit das Bergbauzeitalter wieder mehr in Erinnerung zu rufen«, sagt Hartmann. Man habe dann einige Menschen in der Region angesprochen, die sich auskennen. Bald kam auch die Idee vom Kunstturm Mücke dazu, einen Wanderweg auszuweisen.

Wer am Erzweg Süd wohnt – die Strecke führt auch durch einige Dörfer im Seenbachtal –, der kann bestätigen, was Hartmann sagt: »Die Wanderstrecke wird häufig genutzt, oft sind große Gruppen unterwegs.« Insbesondere Karl Rudi vom Kunstturm, aber auch Hartmann und andere aus der Gruppe haben schon Führungen übernommen.

Nach dem Erzweg Süd ist mittlerweile auch der Erzweg Mitte (rund um die Mücker Ortsteile Flensungen und Ilsdorf) ausgeschildert, Schautafeln wurden aufgestellt. Bleibt noch das Projekt Erzweg Nord (Merlau und Nieder-Ohmen), das sich derzeit in der Planungsphase befindet. »Wir haben im Bereich der bestehenden Touren nun auch noch einige Stichwege in den Blick genommen, auf denen man zu etwas abseits gelegenen Besonderheiten gelangen kann«, erzählt Hartmann.

Die »Erzwegler«, wie die Mitarbeiter der Gruppe sich nennen, haben wirklich Lobenswertes geschaffen. Und sie stecken viel Zeit und Kraft in die Unterhaltung der Wege. Im Sommer muss mehrmals gemäht werden. »Wir machen das zum Teil selbst, setzen Motorsensen ein. Manchmal helfen uns Landwirte, auch die Stadt Grünberg hat sich schon mal beteiligt«, sagt Hartmann. Es fehle allerdings die Kontinuität.

Die Pflege der Strecke sei ein Dauerthema. »Wir müssen auch immer wieder kontrollieren, ob die kleinen Wegschilder noch an ihrem Platz sind, denn immer wieder werden diese Täfelchen entwendet«, beschreibt Hatmann ein weiteres Problem. Am Anfang hatte man es auch mit Vandalismus zu tun. Das sei zwar besser geworden, aber »es ist immer noch ein Thema«, sagt Hartmann.

Die Unterhaltung der Wege, die Anschaffung von Schildern – das alles kostet viel Geld. Dabei ist man auf Spenden, auf Sponsoren angewiesen. Von Anfang an beteiligte sich hier die Sparkasse in Grünberg. Zuletzt gab es eine Zuwendung in Höhe von 1000 Euro, mit der man unter anderem zwei neue Hinweistafeln anschaffen konnte.

Von Pingen und Rennöfen

Mit den neuen Schautafelen möchte man auf Besonderheiten des Bergbaus in der Region hinweisen. Zum Beispiel auf Pingen – das sind Förder- und Schürfschächte. Auf der Tafel an ehemaligen Grube »Neugrünende Hoffnung« wird unter anderem stehen: »Hier, nördlich und auch südlich der ehemaligen Tagebaugrube ›Neugrünende Hoffnung» finden sich im Wald zahlreiche kreisrunde Mulden, die auf frühere Bergbautätigkeiten im Tiefbau hinweisen. Diese Pingen genannten Vertiefungen sind teilweise über einen Meter tief und haben gelegentlich auch einen Durchmesser von mehreren Metern, meist sind sie aber eher flach und mit nur geringer Ausdehnung. Überwiegend liegen sie recht dicht beieinander, was ein Indiz für die Abbauweise Schacht neben Schacht darstellt.«

Der Titel für das zweite Schild heißt »Rennofen und Wuhläcker«. Auszüge aus dem Text: »Umfangreiche Schlackenfunde auf dem Acker nordwestlich der Fischteiche belegen die frühere Existenz eines Rennofens an dieser Stelle. Ganz offensichtlich wurde hier Stückerz verhüttet, das auf dem unmittelbar nördlich angrenzenden Flurstück Wuhläcker mittels Haspelschächten geborgen wurde. Dass hier bereits im Mittelalter nach Eisenerz gegraben wurde, dokumentieren eine Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1244, weiterhin zwei Urkunden über Grenzstreitigkeiten aus dem 15. Jahrhundert, in denen von ›Isenkuten» die Rede ist.«

Hartmann ist froh, dass man mit den Tafeln interessierten Menschen weitere Informationen liefern könne. Er selbst ist mittlerweile – wie auch andere »Erzwegler« – Experte in Sachen Bergbau, kennt sich aus in der Region. So weiß er auch, warum sich in den Gemarkungen immer wieder Löcher auftun, und er erklärt das am Beispiel Stockhausen: »Wir haben eine topografische Karte von 1912, die zeigt, dass damals rund um das Dorf nach Erz gegraben wurde. Manchmal sind es nur ganz kleine Löcher, die man auf der Karte sieht. Andere aber haben eine gewaltige Dimension. Die Grube ›Hoffnung», das war die größte Abbaustelle in Stockhausen, wurde 1912 noch gar nicht ausgebeutet. Und es gab Stollen. Es sind also viele Hohlräume entstanden, die dann irgendwann einstürzen. Man sieht auf dieser Karte: Stockhausen liegt auf einer Schicht aus Eisen.«

Großvater war Bergmann

Woher Hartmanns großes Interesse am Bergbau rührt, ist schnell erklärt. Er ist in Ilsdorf aufgewachsen. Auch dort gab es Bergbau. »Wir haben damals in den Gruben Budchen gebaut. In den 1950er Jahren wurde da noch Erz gefördert. Ich kann mich noch gut an die Seilbahn erinnern.« Und: Ein Großvater war Bergmann. Der andere war Gastwirt, bei ihm gingen viele Bergleute ein und aus. Beide berichteten ihren Familien oft von der harten Arbeit, von Unfällen und Konflikten. Das machen auch Hartmann und die anderen »Erzwegler«: Sie erzählen uns die Geschichte vom Bergbau im Seenbachtal.

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