29. August 2013, 09:58 Uhr

160 Jahre ev. Kirche Grünberg: Vortrag zur Baugeschichte

Grünberg (dis). Zum 160-jährigen Jubiläum der Stadtkirche referierte Gerald Bamberger über Kirchenbauten des 19. Jahrhunderts in Hessen. Bamberger hat in Marburg Kunstgeschichte, Geschichte und Volkskunde studiert und ist seit dem Jahr 2000 Leiter des Hinterlandmuseums Schloss Biedenkopf.
29. August 2013, 09:58 Uhr
Das Grünberger Gotteshaus vor dem Umbau 1964-1967, als der Kirchenraum noch nicht angehoben worden war. (Foto: dis)

Bekanntlich war der Neubau der Stadtkirche notwendig geworden, da die gotische Marienkirche – in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut – am 20. März 1816 in großen Teilen in sich zusammenstürzte. Schon um 1640 hatte das Bauwerk unter argen Gebrechen gelitten – verursacht v. a. durch Blitzeinschläge. 1809 dann zeigten sich Spalten in den Kreuzgewölben, barst einer der vier Pfeiler, auf dem der Turm ruhte. Vor dessen Einsturz ward schon 1815 gewarnt. 1816 war es dann soweit. Die noch stehenden Mauern wurden eingerissen, die beschädigte große Sturmglocke verkauft. Der Erlös kam in die Kasse für den Neubau. Seit 1812 bereits hatten die Grünberger Gottesdienste in der Hospitalkirche gefeiert, war die Marienkirche gesperrt worden.

Der Einsturz der Marienkirche fiel in die nachnapoleonische Zeit, geprägt von Hungersnöten und finanziellen Engpässen. Doch die Grünberger verloren das Ziel eines Kirchenneubaus nicht aus den Augen. Am 15. Januar 1842 wurde vom Stadtvorstand der Beschluss gefasst, aus Mitteln der Gemeinde eine neue Kirche zu bauen.

In einem Kirchenbaufonds hatten sich aus diversen Quellen 6330 Gulden angesammelt. Kreisbaumeister Karl Müller erhielt von der Großherzoglichen Oberbaudirektion Darmstadt am 14. Februar 1842 den Auftrag, den Neubau zu entwerfen. Da die Finanzen der Stadt für den ursprünglichen Plan nicht reichten, ließ der inzwischen zum Grünberger Kreisbaumeister ernannte Hermann Holzapfel durch Bauassistent Adolf Pilger und Bauaufseher Karl Poseiner neue Pläne erarbeiten. 1845 nahmen sie die Vorbereitung des Neubaus in Angriff.

Standort »Heege« verworfen

Der Vorschlag, einen Bauplatz in der Heege zu wählen, wurde verworfen, die ganze Gemeinde wünschte sich den alten Standort. Bamberger verwies darauf, dass Kirchenbauten damals Sache des Staates waren, der eigene Architekten oder Baumeister beschäftigte. Dies führte zu einem relativ einheitlichen Erscheinungsbild der Neubauten. Seit dem 18. Jahrhundert hatte sich eine sehr einfache Fassadengestaltung durchgesetzt, im neoromanischen Stil wurden die Mauern schlicht gehalten, waren oft die Fenster einziges belebendes Element. Das änderte sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als man senkrechte Wandstreifen verlegte und, wie in Grünberg, mit kleinen Rundbögen verband.

Es waren bereits 30 Jahre vergangen, als am 21. April 1846 der erste Spatenstich zum Ausgraben der Fundamente erfolgte. Probleme gab es bei der Beschaffung der Steine, viele Steinbrüche der Umgebung hatten sich als ungeeignet erwiesen. So wurden bei Beltershain und im Stadtwald, am »Kreuzstein«, Brüche aufgeschlossen. Der Sandstein wurde aus der Nähe von Amöneburg bezogen, die Quader aus dem Londorfer Lungsteinbruch. In den Folgejahren gab es immer wieder Probleme, gar ein Abbruch der Bauarbeiten war im Gespräch. Am 11. April 1848 aber erging der Beschluss, der auch dem Willen der Bürger entsprach, die Arbeiten fortzusetzen. Im Herbst 1849 wurde der größte Teil des Daches eingedeckt, am 28. August 1850 der Turm vollendet und am 12. Oktober das Turmkreuz mit Wetterfahne und Knopf aufgestellt. Zwei Drittel des Dachs waren eingedeckt, der Rest musste ob der ungünstigen Witterung zunächst mit Brettern zugenagelt werden. Die Handwerker sollten noch viele Arbeiten im Innen- und Außenbereich zu erledigen haben, bis die Einweihung der Kirche unter großer Beteiligung der Bürger am 28. August 1853 erfolgen konnte.

Bamberger wies in seinen bildgestützten Ausführungen auf die Besonderheit des Kirchenbaus hin, die sich mit vielen anderen seiner Bauten der Zeit deckte: Neben den erwähnten Bögen an der Außenwand war dies vor allem die Anordnung von Altar, Kanzel und Orgel übereinander.

Grünberg gelte als eine der letzten Kirchen, die in diesem Stil erbaut wurden, setzte sich doch allmählich die theologische Bewegung des Neuluthertums durch; danach sollte nicht mehr die Predigt im Vordergrund stehen, sondern die mit dem Altar verbundenen heiligen Handlungen. Nachfolgend wurde in vielen Kirchen der Altar in einem eigenen Raum, dem Chor, aufgestellt, die Kanzeln auf die Seite gesetzt. Charakteristisch für Kirchenbauten dieser Zeit sei auch der Turmbau mit spitzem Dach und Umlauf.

Mit dem Umbau 1964-1967 wurde der Kirchenraum angehoben, die Seitenemporen entfernt und die Orgel wegen des besseren Klangs auf die Empore gegenüber gesetzt. Auch die Kassettendecke wurde abgedeckt. Das an Turmseite über der Empore befindliche große Lutherbild begrüßt die Kirchenbesucher heute im Eingangsbereich. Die vorhandenen Gemälde von Carl Geist aus dem Jahr 1907, die sich vorher in den seitlichen Arkaden der Kanzelwand neben der Orgel befanden, findet man heute im Raum hinter dem Altar.

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