10. Mai 2012, 17:38 Uhr

Der Limesturm bei Grüningen wird renoviert

Pohlheim (juw). Der Limesturm bei Grüningen wird renoviert. Seit drei Wochen ist er von einem Gerüst umgeben und nicht begehbar. Mitte Mai solllen die Arbeiten abgeschlossen sein.
10. Mai 2012, 17:38 Uhr
Der Limesturm zwischen Watzenborn-Steinberg und Grüningen: Der hölzerne Rundgang wird derzeit renoviert, während der Arbeiten ist der Turm nicht zugänglich. (Fotos: juw)

Seit 1967 wacht er wieder über die Stadt Pohlheim, wie zu den Zeiten, da die Gegend Grenzland war zwischen dem römischen Imperium und dem Land der »unzivilisierten« Germanen: Der »Wp 4/49«, besser bekannt als »Limesturm« auf dem Obersteinberg zwischen Watzenborn-Steinberg und Grüningen. Barbarenüberfälle hat der Wachposten heute nicht mehr zu fürchten, es sind vielmehr Wind und Wetter, die an dem imposanten Bauwerk ihre Spuren hinterlassen: Der hölzerne Rundgang wird derzeit einer dringend nötigen Renovierung unterzogen. Bretter und Balken sind besonders auf der Wetterseite stark angegriffen. Seit drei Wochen ist der Turm von einem Gerüst umgeben und nicht begehbar. »Probleme, mit denen sich schon die Römer rumschlagen mussten«, scherzte Klaus-Dieter Schardt, 2. Vorsitzender der Heimatvereinigung Schiffenberg, zuständig für die Renovierung und deren Finanzierung.

Da hat man es heute wahrscheinlich einfacher: Mit den Arbeiten beauftragt ist die Zimmerei Arnold aus Fernwald-Steinbach, Mitte Mai sollen die Arbeiten abgeschlossen sein, so Schardt bei der Begehung der Renovierungsmaßnahmen. Etwa 6000 Euro werden diese kosten – das Amt für Denkmalpflege sowie die Stadt Pohlheim beteiligen sich mit einem Zuschuss, ein Teil wird in Eigenleistung von Mitgliedern der Heimatvereinigung erbracht, die etwa den Anstrich der Bretter selbst übernehmen. »Wir hoffen, dass auch die heimischen Banken den Erhalt des Weltkulturerbes Limesturm unterstützen werden«, äußerte sich Schardt mit Blick auf die historische Bedeutung des Denkmals.

Wall und Graben sind gut sichtbar

An die »singende Stadt« dachte damals noch niemand, doch das römische Expansionsstreben hat in der Region bis heute seine Spuren hinterlassen: Die Stadt Pohlheim führt den Turm im Stadtwappen, ja selbst der Name der Gemeinde geht auf den mittelalterlichen Namen »Pfahlheim« zurück, der erstmals im Jahr 793 im »Lorscher Codex« Erwähnung findet. Das »Dorf an den Pfählen« ist somit ein direkter Verweis auf den Palisadenzaun des Limes, gleiches gilt übrigens auch für das südlich gelegene Pohlgöns. Seit 2005 besitzt der Obergermanische Limes den Status eines Unesco-Weltkulturerbes: Mit 550 Kilometern Länge ist er das größte Kulturdenkmal Europas. 25 Kilometer davon führen durch den Landkreis Gießen, mancherorts noch mit bloßem Auge zu erkennen. Wie am Pohlheimer Limesturm: Gut sichtbar sind der Erdwall und der dazugehörige Graben, der gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. vermutlich von Sklaven ausgehoben wurde. Bereits 1910 wurde das Gelände vom damaligen Gießener Psychatriedirektor Prof. Dr. Robert Sommer aufgekauft, um es vor der drohenden Zerstörung durch die landwirtschaftliche Nutzung zu bewahren – der sogenannte »Barbarenstein« zeugt noch heute von seinem Engagement. Dass der rekonstruierte Wachturm, den die Heimatvereinigung 1967 errichtete, dem heutigen Kenntnisstand nicht mehr entspricht – der Originalturm war etwa ein Stockwerk höher –, ist selbst schon wieder ein Stück Zeitgeschichte: »Er hat Symbolcharakter«, so Schardt.

So muss hier auch heute niemand mehr Wache schieben, nur ab und an wird die Turmstube für Tagungen der Heimatvereinigung genutzt. Wenn gewacht wird, dann über das historische Erbe. Dies lebendig halten soll auch der Limeswanderweg, dem man vom Turm bis zum Kleinkastell »Holzheimer Unterwald«, einem weiteren römischen Erbe, folgen kann – im freien Gelände ist der ehemalige Limesverlauf durch Heckenbewuchs gekennzeichnet. Ein Limes-Radweg ist in Planung.

Folgt man dem alten Verlauf, so offenbart sich der ehemalige Grenzlandcharakter der Gemarkung. Würde er heute noch stehen, der Limes teilte die Stadt entzwei: Drei Stadtteile (Holzheim, Grüningen, Dorf-Güll) liegen – nach damaligem Maßstab gemessen – auf dem Boden des Imperium Romanum, Watzenborn-Steinberg, Hausen und Garbenteich auf ehemals »barbarischem« Gebiet.

»Wir befinden uns hier am nördlichsten Zipfel des Obergermanisch-Raetischen Limes«, erzählte Schardt. Stets um die Verpflegung ihrer Truppen bemüht, die das antike Weltreich an seinen entferntesten Ecken verteidigten, hatten die Römer die fruchtbare Wetterau dem römischen Imperium als »Kornkammer« einverleibt. Vier bis acht Soldaten, meist angeworbene Hilfstruppen unter römischer Führung, waren in einem Wachturm wie »Wp 4/49« für einen unbekannten Zeitraum stationiert, patrouillierten entlang der Grenze und sorgten für deren Instandhaltung. Da die Türme immer in Sichtweite aufgestellt waren, konnte im Notfall schnell Hilfe herbei gerufen werden. Zwar hatte der Limes eine militärische Funktion – schließlich waren es die zunehmenden germanischen Angriffe, die Rom zur Aufgabe der rechtsrheinischen Gebiete nötigte –, vor allem aber diente er zur Kontrolle des Grenzverkehrs. Für die römische Besatzung, erzählte Schardt, war ein guter Umgang mit den einheimischen germanischen Stämmen sicherlich lebensnotwendig: »Man musste sich arrangieren.«

Ob nun historisch korrekt oder nicht, der Turm steht für das historische Erbe Mittelhessens, das einmal zur römischen Provinz »Germania Superior« gehörte, die auch Teile Frankreichs und der Schweiz umfasste. Dank Nachbau, Graben und Erdwall sowie einem Stück rekonstruierten Palisadenzauns lässt sich auf dem Obersteinberg auch heute noch gut nachempfinden, wie es hier vor rund 1800 Jahren wohl zugegangen sein muss – als Pohlheim am äußersten Zipfel eines Weltreichs lag.

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