28. Februar 2012, 09:28 Uhr

Bedeutung der Pressefreiheit wurde beleuchtet

Allendorf/Lumda (js). »Pressefreiheit und ihre Grenzen«. Dieses Thema stand am Mittwochabend im Mittelpunkt des Heringsessens, zu dem sich die Christdemokraten aus Lumdatal-Gemeinden und aus Wettenberg im Bürgerhaus in Allendorf/Lumda trafen.
28. Februar 2012, 09:28 Uhr
Astrid Knöß, Christian Lemmer und Christel Gontrum (von links) verfolgten mit Interesse, was aus der Diskussionsrunde zum Thema Pressefreiheit gesagt wurde. (Foto: js)

Die Diskussion der rund 50 Gäste ergab folgendes Resümee: Dass für die Medien in Deutschland – durch das Grundgesetz (Artikel 5) abgesichert – die Möglichkeit besteht, Missstände aufzudecken, sei ein wertvoller Bestandteil der Demokratie. Mehrere Diskussionsteilnehmer kamen allerdings zum Schluss, dass nicht alle Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsender stets unvoreingenommen, objektiv und fair über die Vorwürfe gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff berichtet hätten.

In der gut besuchten Veranstaltung beleuchtete einleitend Astrid Knöß (Chefredakteurin beim Gießener Anzeiger) die Bedeutung und Grenzen der Pressefreiheit. Im Verlauf der Gesprächsrunde kam man immer wieder auf die »Wulff-Affäre« zu sprechen, wobei man der Frage nachging, inwieweit der frühere Ministerpräsident in Niedersachsen bzw. seine Berater und Anwälte selbst die Weichen gestellt hätten, dass es zum Rücktritt kam. Kein Verständnis brachten mehrere der Diskussionsteilnehmer dafür auf, dass Christian Wulff per Mailbox-Nachricht offenbar »Bild«-Chefredakteur Kai Diekmann vom Abdruck eines Artikels abzuhalten versucht haben soll, in dem Details eines 500 000-Euro-Kredits beschrieben werden. Einig war man sich, dass es Aufgabe der Medien sei, über die Vorwürfe gegen den bisherigen Ersten Mann im Staat zu berichten.

»Kampagne gegen Wulff«

Von einer regelrechten Kampagne sprach Dr. Gerhard Noeske, der zwar die kritische Berichterstattung in Sachen Wulff begrüßte. Er hatte sich aber darüber geärgert, dass auch Vorwürfe gegen den Ex-Bundespräsidenten vornehmlich von überregionalen Zeitungen öffentlich dargestellt worden seien, von denen einige Vorwürfe schlichtweg haltlos gewesen seien. Wie Dr. Noeske waren auch andere Christdemokraten der Meinung, dass Kritik gegen andere Politiker wie Kurt Beck (umstrittenes Freizeitparkprojekt am Nürburgring) oder Cem Özdemir (Grüne), der wie Kurt Beck (SPD) angebliche Einladungen von Eventmanager Manfred Schmidt angenommen haben soll, in Zeitungen wesentlich kleiner »abgefahren« würden als die »Wulff-Affäre«. Wilfried Schmied (CDU-Fraktionsvorsitzender in Staufenberg) bemängelte, verschiedene Medien hätten in ihrer Berichterstattung über die Vorwürfe gegen Christian Wulff insgesamt fairer umgehen können.

Auch Chefredakteurin Astrid Knöß ging auf das Thema ein. Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den zurückgetretenen Bundespräsidenten gebe es auch eine Diskussion über die Rolle der Medien. Das sei in Ordnung. Auch sie könne nachvollziehen, dass man die »verbissene Jagd mancher Journalisten auf Wulff abstoßend« finden könne. Bemerkenswert sei aber, dass Journalisten unterschiedlicher Blätter (von seriös bis Boulevard) immer wieder fündig geworden seien. Auch wenn es viele Kleinigkeiten sein mögen rund um Kredit, Urlaube oder Veranstaltungen. Es sei Aufgabe der Presse, solchen Dingen nachzugehen, wenn ein Bezug zur Amtsausübung nicht von vornherein auszuschließen sei. Die vielfach kritisierte Fixierung der Medien, auch der Talkshows, auf das Thema Wulff erkläre sich aus dessen grundsätzlicher Bedeutung. Es sei in Talkshows wie in der Berichterstattung in den vergangenen Wochen längst nicht mehr um einzelne Sachverhalte gegangen, die langsam wirklich ermüdet hätten: um Urlaube bei Freunden oder kostenlose Upgrades bei Flügen. Oder die lächerliche »Bobbycar-Affäre«.

Es gehe und ging jenseits der rechtlichen Bewertung vielmehr um die Frage nach Abhängigkeiten: Ist ein hochrangiger Politiker noch hinreichend unabhängig in seinen Entscheidungen, wenn er nicht professionelle Distanz wahrt zu all den »Freunden«, die sich um Inhaber wichtiger Ämter scharen? Knöß: »Auch wenn manche Journalisten die Verhältnismäßigkeit nicht gewahrt haben mögen: Die Medien haben ihre Kritik- und Kontrollfunktion ausgeübt – das ist ihre Aufgabe. Dass einzelne Journalisten überzogen haben mögen, muss man deswegen ja nicht bestreiten.«

Pressekodex erläutert

Sie wies auf die Wächterfunktion der Presse hin, aber auch die Grenzen der Berichterstattung: Der Deutsche Presserat, eine Organisation der Verleger- und Journalistenverbände, habe publizistische Grundsätze im Pressekodex ausgearbeitet, dessen Grundgedanken sind: Achtung vor Wahrheit und Wahrung der Menschenwürde, gründliche und faire Recherche, Achtung von Privatleben und Intimsphäre, Vermeidung unangemessen sensationeller Darstellung von Gewalt. Auch wies sie auf den Unterschied von regionalen Zeitungen und Boulevardblättern hin. Letztere lebten bekanntlich von Schlagzeilen über Prominente.

Im Verlauf der Gespräche am Mittwoch wurde auch das Thema Landesgartenschau angeschnitten. Astrid Knöß wies ausdrücklich darauf hin, dass sich die regionale Presse auch hier um eine neutrale Berichterstattung bemühe.

KOMMENTAR

Vom Schema üblicher Heringsessen nach den närrischen Tagen wich am Mittwochabend die CDU-Veranstaltung im Allendorfer Bürgerhaus ab. Anstatt eine Politikerin oder einen Politiker als Referenten einzuladen, hatten die rund 50 Gäste selbst die Möglichkeit, ihre Gedanken über Pressefreiheit und deren Grenzen vorzutragen.

Vornehmlich heimische Christdemokraten nahmen an der Gesprächsrunde teil, bei der ein Christdemokrat bei der Diskussion im Zentrum stand, der in den vergangenen Monaten im Mittelpunkt von Medien-Recherchen gestanden hatte: Ex- Bundespräsident Christian Wulff.

Wie oft in Situationen, wenn ein Politiker – egal welcher Couleur – nach Medienkritik oder wegen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zurückgetreten ist, muss es die Basis der jeweiligen Partei ausbaden, obwohl die Basis dafür nichts kann: Enttäuschte Parteimitglieder rufen dann beim Regional-Parteibüro an oder es gibt schlechtere
lokale Wahlergebnisse aufgrund von Fehlern einer überregionalen Parteigröße.

Bei der Diskussion am Mittwochabend kam aber niemand auf die Idee, die Presse sei schuld, dass der bisherige Bundespräsident zurückgetreten ist. Zwar wurde von einigen Christdemokraten bemängelt, nicht alle Medien hätten immer fair berichtet. Dass es aber Auftrag von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen war und ist, Vorwürfen auch gegen einen Bundespräsidenten nachzugehen, wurde von niemandem in Zweifel gezogen. Kein Christdemokrat ließ seine Verärgerung über den Parteikollegen Wulff an der Presse aus. Deutlich wurde vielmehr bei dem Gespräch, wie unschätzbar wertvoll Pressefreiheit ist, die in manch anderen Ländern auf dieser Welt alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Jörg-Peter Schmidt

Schlagworte in diesem Artikel

  • Berichterstattung
  • CDU
  • Cem Özdemir
  • Chefredakteure
  • Christian Wulff
  • Journalisten
  • Kurt Beck
  • Manfred Schmidt
  • Presse
  • Pressefreiheit
  • SPD
  • Talkshows
  • Zeitungen
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 4 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.