Bürgermeister-Bilanz

Zehn Jahre Bürgermeister: So plant Bernd Klein die Zukunft des Verkehrs in Lich

Seit zehn Jahren ist Bernd Klein Bürgermeister von Lich. Im Interview zieht er Bilanz. Und gibt Antwort auf die Frage, ob die Arbeit noch Spaß macht.
12. Januar 2018, 14:13 Uhr

Ein ähnliches Bild wie im Januar 2008. Derselbe Mann im selben Büro. Der Schreibtisch allerdings ist neu und viel größer. Seit Bernd Klein vor zehn Jahren sein Amt als Bürgermeister von Lich antrat, hat sich nicht nur das Mobiliar verändert. Sondern die ganze Stadt.

Herr Klein, Sie sind seit zehn Jahren Bürgermeister von Lich. Macht’s noch Spaß?

Bernd Klein: Ein deutliches und entschiedenes Jein. Um diesen Job zu machen, muss man Freude daran haben, etwas für diese Gesellschaft zu tun. Man wird reich, nicht materiell, aber an Erfahrungen. Das Tagesgeschäft hingegen ist nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Insbesondere in den letzten Jahren ist eine gewisse Verrohung gegenüber öffentlichen Amtsträgern zu beobachten. Nehmen Sie nur die jüngsten Angriffe auf Einsatzkräfte an Silvester. Diese ungute Entwicklung bekommen auch die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister gerade kleinerer Kommunen das ganze Jahr über zu spüren.

Worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie auf die letzten zehn Jahre zurückblicken?

Klein: Besonders stolz bin ich auf die gesamte Entwicklung dieser Kommune. Lich hatte schon immer einen guten Ruf, aber ich glaube, in den letzten Jahren haben wir da noch eine Schippe draufgelegt. »Lich ist eine weltoffene, tolerante Stadt«: So steht es in unserem Leitbild von 2009. Ganz viele haben dazu beigetragen, dass es so gekommen ist. Wir haben in Lich ein gutes Parlament und können uns auf der Sachebene konstruktiv auseinandersetzen. Sonst wäre die positive Entwicklung dieser Stadt nicht möglich gewesen.

Um diesen Job zu machen, muss man Freude daran haben, etwas für die Gesellschaft zu tun

Bernd Klein

Was ist nicht so gelaufen wie erhofft?

Klein: Auf der Sachebene gibt es da nichts. Es alles weitgehend so gekommen, wie ich mir das 2007 im Wahlkampf vorgestellt hatte. Daran habe ich gemeinsam mit ganz vielen Menschen gearbeitet. Lich verzeichnet Bevölkerungswachstum, ist nach wie vor ein starker Wirtschaftsstandort, wir haben kulturell eine Spitzenposition im Landkreis Gießen, die Vereine können ihre wertvolle Arbeit verrichten. Und auch in sozialer Hinsicht haben wir viel dazubekommen, wie das Gemeindeschwesternprojekt, das Café Vergissmeinnicht, die Demenzberatung.

Und jenseits der Sachebene?

Klein: Auf der emotionalen Ebene gibt es ein paar heiße Themen in dieser Stadt, zum Beispiel Verkehr. Daran erhitzen sich die Gemüter. Das kann sehr unschön werden, vor allem, wenn es nicht nur gegen den Bürgermeister geht, sondern auch gegen die Familie. Das ist dann schwierig und das kann ich auch nicht tolerieren.

Lich hat sich in den vergangenen Jahren wegen der vielen Baugebiete stark verändert. Manchen ist das regelrecht unheimlich. Ihnen auch?

Klein: Lich hat viele Standortvorteile, die gute Verkehrsanbindung, die Nähe zu Gießen, die Lage in der Natur. Diese Karte muss die Stadt auch ausspielen. Bevölkerungswachstum ist für eine Kommune die einzige Chance, ihre Infrastruktur zu erhalten. Schrumpfende Einwohnerzahlen setzen eine Spirale des Niedergangs in Bewegung. Wie haben erfolgreich gegengesteuert, nicht nur in der Kernstadt, sondern ganz ausdrücklich auch in den Stadtteilen. Dass so viele Menschen zu uns kommen, spricht ja für diese Stadt. Und Zuzug bringt Dynamik. Ein schönes Beispiel ist Eberstadt. Ohne die Zugezogenen wäre der Dorfladen nie auf die Beine gekommen.

Hat das Wachstum auch eine Kehrseite?

Klein: Mehr Menschen bedeuten mehr Verkehr, mehr Verdichtung. Dass das nicht jedem gefällt, ist verständlich. Wer will schon, wenn er den Blick auf eine grüne Wiese gehabt hat, auf Häuser schauen? Was wir gemacht haben, war aber auch im Sinne der Ökologie. Wir haben wenig Flächen verbraucht und vor allem innen verdichtet. Unterm Strich kann man sagen: Für die Gemeinschaft aller hier in Lich Lebenden ist der Zuzug ein Mehrwert.

Insbesondere in den letzten Jahren ist eine gewisse Verrohung gegenüber öffentlichen Amtsträgern zu beobachten

Bernd Klein

Ende 2010 haben Sie nach heftigen Diskussionen die Einbahnstraßen-Regelung in der Licher Innenstadt durchgesetzt. Hat sie sich bewährt?

Klein: Sie hat sich verkehrstechnisch auf jeden Fall bewährt. Der Verkehr fließt. Es kommt nicht zu Unfällen. Es ist wesentlich entspannter geworden, durch die Heinrich-Neeb-Straße zu fahren. Der Verkehr wurde entzerrt, durch die neue Zufahrt am Rewe-Markt jetzt übrigens auch Am Wall. Aber Verkehr ist ein hoch emotionales Thema, bei dem sie nie alle zufrieden stellen werden.

Jetzt steht erneut ein Verkehrskonzept für ganz Lich auf der Agenda, ein Fachbüro soll Vorschläge unterbreiten. Worum geht es?

Klein: Um eine Aufgabe, der sich die Stadt schon 1970 hätte stellen müssen. Und um einige grundsätzlichen Fragen. Will ich, dass der Verkehr durch die Stadt hindurch fließt oder außen rum? Will ich, dass weiter jeder mit dem Auto ins Zentrum kommt?

Wo liegen die Knackpunkte?

Klein: Die Sanierung seit den 1970-er Jahren hatte das Ziel, die Altstadt als Wohnstandort zu erhalten. So ist es gekommen. Man muss den Leuten also weiter ermöglichen, ihre Häuser und Höfe mit dem Auto zu erreichen. Man hat damals aber leider versäumt, ein paar Gebäude abzureißen, um breitere Straßen zu schaffen. Wenn es zum Beispiel die Engstelle in der Heinrich-Neeb-Straße nicht gäbe, hätte man denVerkehr weiter in beide Richtungen laufen lassen können. Ich bin jedenfalls gespannt, was die Planer vorlegen. Und ich bin gespannt, wie sich dann die Stadtverordneten dazu verhalten. Die Lösung, die allen gefällt, wird es nicht geben.

Lich hat in den Jahren 2015 und 2016 zahlreiche geflohene Menschen aufgenommen. Klappt das Miteinander?

Klein: Das läuft wirklich gut. Das Team Asyl hat dieses Aufgabe vorbildlich und sehr eigenständig gemeistert. Wir als Stadt haben uns da eher im Hintergrund unterstützend eingebracht, mehr war auch nicht notwendig. Jobsuche, Wohnungssuche, Sprachunterricht: das läuft immer noch alles ehrenamtlich. Ich bin stolz, Bürgermeister in einer solchen Stadt sein zu können, zumal diese Form des Engagements meinem politischen und kulturellen Hintergrund entspricht.

Ich bedaure, dass es so schwierig ist, sozialen Wohnungsbau umzusetzen

Bernd Klein

Bürgermeister ist ein anstrengener Beruf. War Ihnen bewusst, welche Belastungen auf Sie zukommen würden?

Klein: Ja. Ich war schließlich mal Referent des Landrates im Landkreis Gießen. Ich hatte mir gemeinsam mit meinen politischen Freunden einige Dinge vorgenommen. Die konnten wir auch weitgehend umsetzen. Daraus schöpfe ich meine Befriedigung.

Ihr Programm in Ihrem ersten Wahlkampf lautete Lich 2020 – eine Stadt mit Zukunft. 2020 ist in zwei Jahren. Und dann?

Klein: Dann schauen wir mal, wie weit Lich bis dahin gekommen ist. Für mich ist nach wie vor das Leitbild, das Bürgerinnen und Bürger 2009 für diese Stadt entwickelt haben, die Richtschnur. Es war richtig, die Menschen mitzunehmen und zu befragen. In diesem Jahr ist für mich die Sportanlage Fasanerie wichtig, dass da eine moderne Laufbahn draufkommt. Und ich bedaure, dass es so schwierig ist, sozialen Wohnungsbau umzusetzen. Es leben auch arme Menschen in dieser Stadt. Vieles, was wir hier tun, können wir leider nicht mehr selbst beeinflussen. Aus meiner Sicht befindet sich die kommeunale Selbstverwaltung an einem Scheideweg. Eigentlich ist sie daran schon vorbei. De facto gibt es die kommunale Selbstverwaltung nicht mehr.

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Zur Person

Bei der Bürgermeisterwahl am 30. September 2007 eroberte Bernd Klein mit überraschend deutlichen 60,2 Prozent das Licher Rathaus für die SPD zurück. Vor ziemlich genau zehn Jahren, am 16. Januar 2008, trat der damals 40-Jährige die Nachfolger von Bürgermeister Ludwig Seiboldt (CDU) an. Sechs Jahre später sicherten ihm 64 Prozent der Wählerstimmen eine zweite Amtszeit. Der gebürtige Gießener engagiert sich auch außerhalb Lichs in zahlreichen Gremien. Er ist u.a. stellvertretender Vorsitzender des SPD-Unterbezirks, führt ehrenamtlich die Geschäfte der Beteiligungsgesellschaft Breitband Gießen GmbH und ist Sprecher aller Bürgermeister im Landkreis.

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