23. Juni 2018, 09:08 Uhr

Windrad-Streit

Windrad sorgt für Proteststurm: Pohlheim lässt Anlage auf Fernwalder Gemarkung bauen

Die Stadt Pohlheim setzt ihren Nachbarn ein Windrad vor die Nase: Auf Fernwalder Gemarkung will sie auf dem Höhlerberg eine Anlage errichten lassen. Fernwalds Bürgermeister schäumt vor Wut.
23. Juni 2018, 09:08 Uhr
Fernwald hat ein Windrad auf dem Höhlerberg eigentlich abgelehnt, nun soll es doch errichtet werden – wenige Meter entfernt auf einem Gelände, das der Stadt Pohlheim gehört. Vier weitere Anlagen entstehen auf privatem Terrain. (Fotomontage: pm)

Es ist eine Kehrtwende, die für Zoff und Unfrieden im Kreis Gießen sorgen dürfte: Erst vor einer Woche hat die Gemeindevertretung in Fernwald mit deutlicher Mehrheit gegen die Errichtung eines Windrads und die Verpachtung einer Fläche auf dem Höhlerberg gestimmt. Nun soll das Windrad dennoch kommen – nur wenige Meter vom ursprünglich geplanten Standort entfernt.

Ich hätte erwartet, dass man wenigstens mal ein Gespräch führt

Fernwalder Bürgermeister

Denn plötzlich mischt Pohlheim mit. Der Stadt gehört auf dem Höhlerberg – aus historischen Gründen – ein 6,5 Hektar großes Gelände auf Fernwalder Gemarkung, das sie nun an die Windpark-Investoren verpachten will. Einen entsprechenden Beschluss hat das Pohlheimer Stadtparlament am Donnerstag getroffen. Der Bau des Windrads ist ab Ende kommenden Jahres vorgesehen. Die Pohlheimer Abgeordneten stimmten ohne Fraktionsbindung ab. 19 votierten dafür, sieben waren dagegen. Anfang der Woche war im Haupt- und Finanzausschuss über das Vorhaben unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert worden. Als Tagesordnungspunkt war dabei nur von der Verpachtung eines Grundstücks die Rede, das Pohlheimer Vorhaben eines Windrads wurde der Öffentlichkeit so erst am Donnerstag im Stadtparlament bekannt.

Vertragsdetails zur Verpachtung nennt die Stadt Pohlheim nicht. Fernwald hätte wohl in den ersten 14 Jahren ein Mindestnutzungsentgelt von 15 000 Euro erhalten, ab dem 15. Betriebsjahr 20 000 Euro. Zusätzlich wären 4,5 beziehungsweise 6,5 Prozent der Erträge gezahlt werden, die auf das Entgelt angerechnet worden wären.

 

Unverständnis und Wut

Der für Außenstehende unerwartete Beschluss stößt in Fernwald auf Unverständnis und Wut. »Es ist befremdlich, wie die Pohlheimer das gemacht und entschieden haben«, sagt Bürgermeister Stefan Bechthold. Zwei Jahre lang habe man im engen Kontakt mit den Projektierern gestanden und sich dabei auch mit Lich abgestimmt. Pohlheim habe sich an diesem Prozess nicht beteiligt. Dass sich die Nachbarn nun kurzfristig in Position gebracht haben, ist nach Auffassung Bechtholds »ein unfreundlicher Akt«, zumal es im Vorfeld keinerlei Informationen gegeben habe. »Ich hätte erwartet, dass man wenigstens mal ein Gespräch führt.« Das ablehnende Votum des Fernwalder Parlaments könnte sich nach Ansicht des Bürgermeisters im Nachhinein als Bärendienst erweisen, denn ohne das Nein aus Fernwald wäre Pohlheim gar nicht ins Spiel gekommen. Die Fernwalder Entscheidung berücksichtigte auch den Protest vieler Bürger, die Windräder als zu laut, nicht schön anzusehen und schlecht für die Immobilienpreise im Ort ablehnen.

Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann bezeichnet Kritik aus der Nachbargemeinde als »fadenscheinig«. Seit zwei Jahren seien Fernwald, Lich und Pohlheim in dem Windanlagenprojekt am Höhlerberg involviert. »Nach der Absage durch Fernwald wurde es für uns dann noch interessanter« – und Schöffmann meldete sich bei den Investoren. Er wirft der Gemeinde Fernwald vor, den Unternehmen zu verstehen gegeben zu haben, Pohlheim wolle sich aus dem Projekt zurückziehen. »Bei einem Gespräch mit den Investoren habe ich betont, dass eine Windanlage für uns sehr wohl infrage kommt.« Schöffmann hält es für unnötig, vor der Pohlheimer Entscheidung die Bürger zu informieren oder anzuhören. »Nicht für eine Fläche auf anderer Gemarkung«, sagt er.

 

Kein Dialog mit den Nachbarn

Auf dem Höhlerberg sollen vier weitere Windräder entstehen, allerdings auf privatem Terrain. Für zwei der Anlagen wurde bereits die Genehmigung beim Regierungspräsidium beantragt. Eines dieser Windräder liege viel näher an Steinbach als die nun von Pohlheim geplante Anlage, hält Schöffmann fest. Den Protest gegen das Pohlheimer Vorhaben hält er für unangebracht.

»Das ist nicht die feine Art«, kritisiert unterdessen der Steinbacher Horst Hahn, der sich in den vergangenen Monaten vehement gegen ein Windrad auf Fernwalder Gemarkung eingesetzt hat, die Stadt Pohlheim. Hahn erinnert daran, dass Pohlheim auch in der Frage des geplanten Factory Outlet-Centers nicht gerade auf Dialog mit anderen Kommunen setzt. »Jetzt legt er sich mit den nächsten Nachbarn an. Hat Bürgermeister Schöffmann nicht schon genug Probleme am Hals?«

 

Ist Grundstück für Windrad geeignet?

Für Bernd Voigt von den Fernwalder Grünen ist derweil in Sachen Windkraft das letzte Wort noch längst nicht gesprochen. Man werde sehen, ob sich das Pohlheimer Projekt überhaupt realisieren lasse. »Das Grundstück ist relativ klein, und auch im Wald braucht man Abstandsflächen.« Er wertet die neue Entwicklung eher als strategischen Schritt »im Sinne von Verhandlungen, die offensichtlich noch nicht abgeschlossen sind«.

Gerd Espanion, Vorsitzender der SPD-Fraktion in Fernwald, kündigt an, man werde sich mit dem Pohlheimer Vorhaben auseinandersetzen und es auch nachbarrechtlich, was gesetzlich vorgegebene Abstände angeht, überprüfen.

Stefan Becker von den Freien Wählern hält das ablehnende Votum der Fernwalder Gemeindevertretung vor einer Woche nach wie vor für richtig. »Es ging in erster Linie um das politische Signal, dass wir die Bürger in Albach und Steinbach keinen weiteren Belastungen aussetzen wollen.« Nun müsse man damit leben, dass Pohlheim einem Projekt auf fremder Gemarkung sehr leicht zustimmen könne. Becker: »Aber ob das besonders nachbarschaftlich ist, dahinter muss man doch ein großes Fragezeichen setzen.«

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