08. November 2018, 05:00 Uhr

Nikelsmarkt

Wenn Allendorf/Lumda zum Schaufenster wird

Sich für den Winter eindecken, Bekannte treffen, gemütlich bummeln: Auch im 648. Jahr war auf dem Allendorfer Nikelsmarkt am Mittwoch wieder viel Betrieb. Ein Besuch beim traditionsreichen Krämermarkt.
08. November 2018, 05:00 Uhr
Haushaltswaren, Kleidung, Süßes und mehr werden beim Nikelsmarkt verkauft, aber auch deftige Kost. (Foto: jwr)

Die Blütezeit des Einzelhandels ist, wie in vielen kleinen Orten, auch in Allendorf Geschichte. Zwar gibt es einen großen Supermarkt, kleine Läden aber kaum noch.

Doch einmal im Jahr reiht sich hier Stand an Stand, werden die Allendorfer beim gemütlichen Bummel durch ihr Städtchen von allerlei Händlern umworben. Haushaltswaren, Portemonnaies, Gürtel, Mäntel, Mützen, Schmuck, Kunsthandwerk, Süßigkeiten, Spielzeug – und natürlich verschiedenste kalte und warme Leckereien wandern über die Tresen.

Das Wetter könnte besser kaum sein, strahlender Sonnenschein. Glühwein ist heiß begehrt, trotz milder Temperaturen. Erfahrene Marktgänger bringen Zeit mit. Viele bleiben alle paar Meter stehen, weil sie ein bekanntes Gesicht entdecken, verweilen auf ein Schwätzchen.

In der Bahnhof- und Marktstraße, in der Londorfer und Treiser Straße sowie der Kirchstraße rollen Rollatoren neben Kinderwagen, mischen sich echte »Anorfer« und Auswärtige. Die Grundschulkinder haben nach der dritten Stunde frei, wuseln mit reflektierenden Schulranzen durch die Menge.

 

Lockere Sprüche

Aus dem steten Gemurmel der Besucher sticht eine markante Stimme hervor. »Junger Mann, wie komme ich an dein Geld?« Ralf Etzel ist hier, hinter dem Wurststand an der Kreuzung, in seinem Element. Etzel spießt kleine Stücke mit einem Messer auf und streckt sie den potenziellen Kunden entgegen.

Er wohnt in Rabenau, kennt den Nikelsmarkt als Besucher. Als Händler ist es für ihn eine Premiere. Wie laufen die Geschäfte? »Das werden wir heute Abend sehen, aber der Umsatz ist ganz gut.« Manche Märkte seien dürftig organisiert, etwa in Sachen Platzeinteilung, »aber hier ist das super«, sagt er.

Dann bringt er wieder seine Ware an den Mann und die Frau. Einen lockeren Spruch gibt’s kostenlos dazu: »Bis nächstes Jahr. Bitte aufessen – wir brauchen wieder Geld!«

Bis vor einigen Jahren stand genau hier Jahr für Jahr ein kräftiger Kerl mit Schnauzer und Batschkapp, der sich mit den immergleichen Worten an die Kundschaft wandte: »Muskat, Muskatnuss!« Dieses Original gibt es hier nicht mehr, doch der Marktschreier hat, so scheint es, einen würdigen Nachfolger an gleicher Stelle.

 

Kritischer Blick

Für viele Allendorfer ist die Marktwoche der Höhepunkt des Jahres und ein willkommener Anlass, sich frei zu nehmen. Manche sind aber auch beruflich unterwegs, nicht nur hinter den Auslagen.

Markus Dörr zum Beispiel. Er ist beim Fachdienst Aufsichts- und Ordnungswesen des Landkreises beschäftigt, Sachgebiet Gewerbe. Gemeinsam mit einer Kollegin vom Regierungspräsidium begutachtet er die Stände mit kritischem Blick. Sie ist unter anderem für Arbeitsschutz zuständig, fasst etwa Verschlüsse von Gasflaschen ins Auge.

Die Preise sollen für Kunden im Vorbeigehen sichtbar sein

Markus Dörr, Gewerbeaufsicht

Dörr hat einen etwas anderen Fokus: »Ich gucke auch nach Auszeichnungen, im Regelfall sollen die Preise für Kunden im Vorbeigehen sichtbar sein.« Diskretion, sagt er, sei dabei sehr wichtig. »Wir weisen dezent auf Verstöße hin«.

 

Ende der Geheimniskrämerei

Der 648. Nikelsmarkt ist für Helga Bechthold ein ganz besonderer: Sie ist seit dem »Heimatabend« am Dienstag (Bericht auf Seite 32) die neue Bärtzebürgerin. Beim Altstadtfest am Sonntag war sie wie jedes Jahr im Stress, backte und verkaufte Lohkuchen mit ihren Vereinskolleginnen von den Landfrauen.

Mittwochs bleibt dann Zeit zum Bummeln, doch diesmal ist es etwas anders: Traditionell sind Bärtzebürger auf dem Nikelsmarkt mit den Marktfrauen und dem Bürgermeister unterwegs, schütteln Hände, schenken »Bärtzeschnaps« ein. Bechthold ist froh, dass die Geheimniskrämerei nun vorüber ist, denn wer geehrt wird, darf vorab nicht publik werden. »Selbst meine Kinder wussten nicht Bescheid.«

An einigen Häusern prangen Flaggen in blau-schwarz, den Stadtfarben. Das stolze Lumdatalstädtchen hat sich wieder einmal für die Marktwoche herausgeputzt. Bald werden die Fahnen wieder eingeholt, dann kehrt Normalität zurück und wieder Ruhe ein. Zumindest für ein Jahr.

Info

Lange Tradition

Bereits im Jahr 1323 wurden Allendorf vom damaligen Landgrafen Marktrechte verliehen. Seit 1370 darf sich der Ort Stadt nennen, damit ging auch eine größere Bedeutung der Märkte einher, wie der Stadtchronik von 1970 zu entnehmen ist. Über das Jahr fanden einst mehrere Vieh- und Krämermärkte statt, der Nikelsmarkt Anfang November hat sich als einziger bis heute gehalten. (jwr)

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