26. Januar 2018, 18:25 Uhr

Ambulante Pflege

Welche Zukunft haben kommunale Sozialstationen?

Heute gibt es nur noch wenigen Sozialstationen zur häuslichen Pflege älterer und kranker Bürger in kommunaler Trägerschaft. Warum?
26. Januar 2018, 18:25 Uhr
(Foto: dpa)

Vier Beispiele aus dem Jahr 2017: Grünberg beschließt das Aus für die Sozialstation in städtischer Regie – weil deutlich defizitär. Heuchelheim beschließt die Übergabe der Sozialstation an das Deutsche Rote Kreuz. Warum? Auch am Bieberbach könnten die Finanzen mittelfristig zum Problem zu werden. Wettenberg holt sich – weil der Betrieb aus Rücklagen gestützt werden muss – einen externen Berater, um die Station wieder in eine stabile finanzielle Lage zu bringen. Viertes Beispiel Reiskirchen: Da läuft der Betrieb der Sozialstation zwar ebenfalls finanziell rund dank flankierender Zahlungen aus der Rücklage – aber es fehlt an qualifiziertem Personal. Die Gemeinde denkt über andere Trägerstrukturen nach.

 

Kräftiger Wettbewerb

Der Markt hat sich geändert: Es gibt reichlich Wettbewerb. Können es private Pflegedienste besser? Was machen beispielsweise das Rote Kreuz oder die Johanniter anders?

Eine einfache Antwort gibt es nicht. Die Kommunen müssen wirtschaftlich denken und dürfen eigentlich nicht einfach Geld aus dem Haushalt zuschießen, wenn es anders nicht reicht. Das könnten Mitbewerber auf dem umkämpften Pflegedienstleistungsmarkt als Subventionierung und damit als ein Verzerren des Wettbewerbs ansehen. Flankierend hat man da aber Fördervereine.

Das Problem ist eher bei den Strukturen zu verorten, die sich aus der Größe der kommunalen Stationen mit ihren ambulanten Diensten ergeben: In Heuchelheim und in Wettenberg sind es Größenordnungen von etwa 60 bis 70 Patienten, die von den Pflegekräften der gemeindlichen Stationen betreut werden. Bürgermeister Lars Burkhard Steinz sprach in den vergangenen Monaten wiederholt von einer »kritischen Größe«, in der sich die Heuchelheimer Station befindet.

 

Eine Frage der Größe

Sein Wettenberger Kollege Thomas Brunner benennt ebenfalls Schwierigkeiten, das Angebot breiter aufzustellen – trotz eines wachsenden Marktes in einer älter werden Gesellschaft. Denn es sind eine Reihe weiterer private Pflegedienste unterwegs, die auch ihr Auskommen suchen (und finden). Brunner mit Blick auf die kommunale Station: »Wir haben das Potenzial in Wettenberg noch nicht so gehoben, wie wir es wollen.« Um weiter wachsen zu können, müsste mehr Pflegepersonal eingestellt werden. Und das gelingt nicht wie gewünscht. Dabei sind wenigstens 75 Patienten das Ziel der Sozialstation in Wettenberg.

Ein Zusammenlegen des Betriebs mit Heuchelheim wurde jedoch verworfen. Heuchelheim wollte lieber jetzt aus einer soliden Position heraus den Betrieb abgeben.

 

Modell im Vogelsberg

Dabei können kommunale Modelle im Miteinander funktionieren: Die vier Vogelsberger Gemeinden Gemünden, Feldatal, Homberg und Mücke haben gemeinsam mit der ev. Kirche die Diakoniestation Ohm-Felda etabliert. Mit rund 70 Mitarbeitern und 600 Patienten sowie zwei Millionen Euro Umsatz der größte Pflegedienstleister im südlichen Vogelsbergkreis, berichtete die »Alsfelder Allgemeine«. Das ist eine ganz andere Größenordnung. Doch selbst da laufen Defizite auf, die gemeinsam getragen werden.

In Wettenberg wird in Beratung investiert mit dem Ziel, den Betrieb in eine Größe zu bringen, der die Station wirtschaftlich überlebensfähig macht. Auf der Agenda stehen organisatorische und personelle Fragen – und eben finanzielle. Wobei auch Brunner schon im Gespräch mit dem Deutschen Roten Kreuz war. Konsens ist in der Wettenberger Politik derweil: Erst einmal auf eine eigenständige Lösung setzen.

Was kann außer Wachstum noch helfen? In der Abrechnung wird getrennt zwischen ambulanter Pflege und anderen Angeboten und Leistungen wie etwa dem Demenzcafé oder Fahrdiensten. Das allein hat die Wirtschaftlichkeit schon verbessert. Was gerade bei Flächengemeinden wie Grünberg Thema ist: Fahrstrecken der ambulanten Dienstleister. Die kosten Zeit und Geld. Ergo liegt da Optimierungspotenzial bei der Tourenplanung. Ebenso im flexibleren Personaleinsatz, der ab bestimmten Größen leichter fällt.

 

Andere Anbieter schließen Lücken

In Grünberg, wo der Betrieb zum Jahresende eingestellt wurde, lag das Defizit in den vergangenen Jahren im Schnitt bei 30 000 Euro – auch diese Station hatte zuletzt 15 Mitarbeiterinnen, mithin in ähnlicher Größe wie Heuchelheim und Wettenberg. Argumentation des FW-Politikers Sebastian Finck im Frühjahr 2017: Müsse die Kommune leisten, was es auch auf dem freien Markt gibt? Er scheint recht zu behalten. Denn eine Lücke wird es nicht geben. Die Johanniter Unfallhilfe mit Zentrum in Buseck etabliert eine Dependance in Grünberg, um den dortigen Markt ebenso zu bedienen wie den Reiskirchener, das biete sich schon geografisch an. Die Johanniter spielen in einer anderen Liga. Sie haben im vergangenen Jahr 30 Mitarbeiter in Buseck zur Betreuung von rund 200 Patienten benannt.

 

Es fehlt an Personal

Das Stichwort Personal ist auch zentral in Reiskirchen. Bürgermeister Dietmar Kromm sieht in seiner Station »grundsätzlich eine kleine Perle«: Die Mitarbeiter sind bestens qualifiziert und leisten sehr gute Arbeit, die Gemeinde als Träger hat einen Vertrauensvorschuss. Darin sieht er die Stärken. Aber er hatte in den vergangenen Monaten Schwierigkeiten, zusätzliches Personal zu gewinnen. Gespräche mit dem DRK, den Johannitern und einem dritten Betreiber zur Übernahme waren erfolglos. Jetzt hat Reiskirchen im zweiten Anlauf einen Partner gefunden: Einen Personaldienstleister, der Pflegekräfte einbringen kann und der Interesse hat, die Station zu übernehmen. Von Februar an, so seine Hoffnung, soll es wieder besser laufen, so dass wieder Patienten angenommen werden können. Im Dezember betreute die Station in Reiskirchen knapp zwei Dutzend Menschen Mehr war nicht leistbar mit einer Vollzeitkraft, einer Teilzeitkraft und zwei Aushilfen. Kromm: »Der Markt ist leergefegt.«

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