03. September 2018, 13:00 Uhr

Kinderbetreuung

Warum mehr Männer Erzieher werden sollten

Ein Programm des Familienministerium hieß einst »Mehr Männer in Kitas«. Doch noch immer ist der Anteil an Erziehern verschwindend gering. Doch warum ist das so?
03. September 2018, 13:00 Uhr
Interessierte Beobachter: Die Kinder des Kinzenbacher Waldkindergartens schauen ihrem Erzieher Michael Gleim neugierig beim Werkeln zu. Aus den Ästen soll ein Garderobenständer werden. (Foto: dcg)

Natürlich wollen die Kleinen alles ganz genau wissen. Wie das jetzt geht mit der Axt, und warum sie nicht gleich mit anpacken dürfen? All solche Fragen eben. Immerhin soll aus den Ästen eine Garderobe entstehen. Und das ist ja durchaus spannend. Es ist eine ganz normal Szenerie im Kinzenbacher Waldkindergarten. Nur eines ist dann eben doch nicht so gewöhnlich. Die Kinder löchern keine Erzieherin mit ihren Fragen, sie werden von Michael Gleim betreut.

 

Der Beruf ist von Frauen geprägt

Der 45-Jährige ist nicht nur Erzieher, er ist Leiter des Kindergartens und damit gleich eine doppelte Rarität. Denn der Anteil an Männern in Kindertagesstätten ist nach wie vor verschwindend gering, die der Leiter gar noch mehr. Gleim kennt die Kontroversen, die es um dieses Thema gibt. Er kennt auch die Bemühungen der Politik. Immer wieder ist in den vergangenen Jahrzehnten debattiert worden, wie man mehr Männer in Kitas bringen kann. Doch noch immer ist der Beruf wie kaum ein anderer von Frauen geprägt. Die Zahlen verdeutlichen das. Der Männeranteil im Kreis Gießen liegt zwar leicht über dem Bundesdurchschnitt, aber dennoch nur bei sechs Prozent. Viele Kommunen im Landkreis suchen explizit nach Erziehern, in Fernwald etwa, so erklärt die zuständige Sachbearbeiterin Ute Kaufmann, würden Männer bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt.

Männer, so die einhellige Meinung der Experten, bringen eine zusätzliche pädagogische Vielfalt und Vorbildfunktion in den Alltag der Kinder. Doch nicht nur in Kitas mangelt es an männlichem Personal, dieses Missverhältnis setzt sich in der Grundschule fort. Auch dort sind Frauen deutlich in der Überzahl.

Männer erziehen anders

Michael Gleim

Gleim, der Kinzenbacher Kita-Leiter, sagt: »Männer erziehen anders.« Er will es nicht wertend verstanden wissen. Die Erziehung durch Männer sei nicht besser oder schlechter als die durch Frauen. Für ihn macht »die Symbiose aus beiden Geschlechtern eine ganzheitliche Erziehung aus«.

Dass Männer anders mit Kindern umgehen als Frauen, mag manch einer als Klischee abtun. Auch Gleim sagt, von Verallgemeinerungen halte er prinzipiell nicht viel. Seine Erfahrung zeige aber, dass es Unterschiede gebe. Männer böten den Kindern mitunter bestimmte Reibungspunkte und ein anderes Risikoverständnis. Frauen zeigten dagegen häufiger mehr emotionales Feingefühl und wüssten schneller, was ein Kind brauche.

 

Anteil von 5,7 Prozent

Um mehr männliche Fachkräfte zu gewinnen, hat das Bundesfamilienministerium zwischen 2011 und 2013 das Programm »Männer in Kitas« vorangetrieben. Verschiedene Träger von Kindertageseinrichtungen erprobten Strategien und Konzepte. Der Erfolg war dürftig: Bundesweit stieg der Männeranteil in dieser Zeit zwar um die Hälfte. Das hört sich im ersten Moment viel an, ist allerdings nur dem geringen Ausgangswert geschuldet. Noch immer liegt der Anteil bei nur 5,7 Prozent.

Was also hält Männer davon ab, diesen Beruf zu ergreifen? Gleim arbeitet seit 25 Jahren als Erzieher. Er war in verschiedenen Einrichtungen. Er sagt, es gibt viele Gründe. Einer aber ist sicherlich die geringe Vergütung im Verhältnis zur großen Verantwortung. Auch die mangelnden Karrierechancen schrecken manchen ab. Dazu noch das gesellschaftliche Bild des »klassischen Frauenberufes«. Gleim sagt, er würde es sehr begrüßen, wenn mehr Männer Erzieher würden, von einer Quote hält er dennoch wenig.

Sechs der insgesamt 64 pädagogischen Fachkräfte der Kindertagesstätten in Heuchelheim und Kinzenbach sind Männer. Mit einem Anteil von knapp zehn Prozent ist die Kommune quasi Vorreiter. »In Heuchelheim«, sagt Gleim, »fühlt man sich als Mann nicht allein.«

 

Klassische Rollenverteilung auflösen

Dass manche Eltern Vorbehalte gegenüber Männern in der Kita haben, weiß Gleim. Immer wieder entstehen gleich grundsätzliche Debatten, wenn ein Missbrauchsfall irgendwo in der Republik publik wird. Auch das ist etwas, womit sich Gleim und seine Kollegen auseinandersetzen müssen. Solche Vorfälle, sagt er, haben oft einen Generalverdacht zur Folge. Skepsis vonseiten der Eltern ist ihm persönlich allerdings noch nie entgegengeschlagen, im Gegenteil: »Die Eltern befürworten meine Erziehungsweise.«

Gleim sagt, Aufgabe der Erzieherinnen und Erzieher sei es, die Kinder auf das Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Dazu gehört für ihn auch, die klassische Rollenverteilung aufzulösen. Das pädagogische Personal habe dabei eine klare Vorbildfunktion für alle Kinder, unabhängig vom Geschlecht. So würden Kinder lernen, dass Jungs auch »emotional sein dürfen und Mädchen nicht immer in Watte gepackt werden müssen«.

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