11. Februar 2019, 13:05 Uhr

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Warum es Trais-Horloffer und nicht Inheidener See heißt

Es ist ein Namensstreit, den es schon so lange wie den See gibt: Korrekt heißt es Trais-Horloffer See. Der Hungener Stadtteil hat allerdings noch viel mehr zu bieten.
11. Februar 2019, 13:05 Uhr
Im Norden Wasser, im Süden Wasser und im Osten auch. Zwei große Seen und ein Sumpfgebiet prägen die Ansicht des Hungener Stadtteils Trais-Horloff aus der Vogelperspektive. (Foto: Henß)

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In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Die Trais-Horloffer sind stolz auf ihren See. Tausende zieht es alljährlich ins kühle Nass. Dabei wissen viele gar nicht, dass es zu Trais-Horloff gehört, weil es den meisten als »Inheidener See« bekannt ist. Der Grund liegt auf der Hand: Das gleichnamige Fest, das seit 55 Jahren am ersten August-Wochenende gefeiert wird, ist weit über Hungens Grenzen hinaus bekannt. Außerdem liegt der größere Teil des Badestrandes auf Inheidener Seite. Zwei Drittel der rund 35 Hektar großen Wasserfläche aber gehören zur Gemarkung von Trais-Horloff – der See trägt denn auch, offiziell, diesen Namen.

Seit den 1960er Jahren hat sich rund herum ein beliebtes Naherholungs- und Wochenendgebiet entwickelt. Wo heute bei schönem Wetter gebadet, geangelt, gesegelt oder spaziert wird, wurde früher Torf – im Jahr 1837 gab der Graf zu Solms-Laubach diesen zur Gewinnung frei – und später Braunkohle abgebaut. Zunächst in der 1875 eröffneten Grube Friedrich, später auch im Tagebau. Eine Brikettfabrik wurde 1883 und eine Schwelerei 1898 in Betrieb genommen, Letztere allerdings schon 1903 wieder geschlossen, die Brikettfabrik ein Jahr darauf. Fortan ging die Trais-Horloffer Braunkohle zur weiteren Verarbeitung nach Wölfersheim.

 

Tagebau Trais-Horloff lief langsam voll

Nach der Stilllegung der Abbaustätte 1930 nahm man die Arbeit im Zuge der Autarkiepolitik des Dritten Reiches 1938 wieder auf. Doch zwölf Jahre später war damit endgültig Schluss. »Die Kohlevorkommen waren erschöpft«, sagt Albrecht Lind, gebürtiger Trais-Horloffer und über viele Jahre in der Kommunalpolitik aktiv. Zwar reicht seine Erinnerung nicht ganz soweit zurück, denn er ist erst 68. Aber er hat miterlebt, wie die ehemalige Abbaustätte wurde, was sie heute ist. »Nach und nach lief das Baggerloch mit Wasser zu, das unter anderem aus Kostgraben bzw. Riedbach kam«, so Lind. Der größte See Oberhessens entstand.

Nebenan auf der Halde, wo der Erd- aushub gelagert worden war, machte sich eine Hügellandschaft breit, die den Kindern viel Abwechslung bot. »Wir sind dort im Winter Schlitten gefahren, haben uns im Sommer mit Fangen, Verstecken und anderem die Zeit vertrieben«, sagt Lind. »Es war das reinste Spielparadies für uns.« Heute gibt es die »Traiser Berge«, wie das Areal im Volksmund genannt wurde, in ihrer damaligen Form nicht mehr. Dafür einen Solarpark.

Der wurde am 22. Dezember 2009 eingeweiht, als erster im Landkreis Gießen. Auf einer acht Hektar großen Fläche wandeln 12 762 Module die Sonnenenergie in elektrischen Strom um. Fünf Wechselrichter sorgen dafür, dass dieser ins Netz eingespeist werden kann. Rund 800 Haushalte könnten damit versorgt werden. Der jährliche Ertrag liegt bei 3 Millionen Kilowattstunden. Die Investitionskosten beliefen sich auf rund 7,5 Millionen Euro.

 

Transformatoren für die Welt

Zurück zum Wasser, das die Ortsansicht von Trais-Horloff aus der Vogelperspektive prägt. Neben dem Trais-Horloffer See im Norden schließt sich südlich der Obere Knappensee an das Dorf an. Einst galt er unter Tauchern und FKK-Anhängern als Geheimtipp, heute ist er Teil eines der größten Natur- und Vogelschutzgebiete Europas. Dazu kommt ein Sumpfgebiet im Osten. »Wir leben hier in Trais-Horloff fast wie auf einer Insel«, scherzt Lind.

Auf dieser »Insel«, die derzeit 602 Einwohnern Platz bietet, ist immerhin noch ein Minimum an Infrastruktur vorhanden. Es gibt eine Bäckerei, die auch ein kleines Sortiment an Grundnahrungsmitteln führt. Zwei Mal wöchentlich verkauft ein Metzger Fleisch und Wurstwaren dort, und die Poststelle ist ebenfalls im Laden untergebracht. Wer abends ein Bier trinken gehen möchte, hat in der Gaststätte »Zum Horlofftal« die Möglichkeit – eine von ursprünglich zehn Wirtschaften im Dorf. Was es noch aus Trais-Horloff zu berichten gibt? Der kleine Ort ist Firmensitz für ein weltweit tätiges Unternehmen, in dem Schaltnetzteile-, Transformatoren- und Zündtechnik hergestellt werden. 220 Mitarbeiter beschäftigt die Hahn-Gruppe am Hungener Standort, weitere 470 in den Produktionsstätten in Güsten (Sachsen-Anhalt) und Novovolynsk (Westukraine).

 

Erweiterung Ende 2018

Entstanden ist die Firma aus einem kleinen Betrieb, den Kurt Hahn im April 1949 gründete – eine Ankerwickelei, in der auch Elektromotoren und Generatoren repariert und Haushaltsgeräte verkauft wurden. 20 Jahre später richtete der Chef seinen Fokus ganz auf die Kleintransformatorenfertigung. Sein Sohn Klaus Dieter baute den Betrieb auf diesem Gebiet immer weiter aus, investierte vor Ort und expandierte. Die jüngste Erweiterung wurde Ende 2018 in Trais-Horloff eingeweiht: eine neue Halle für die Endkontrolle.

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