19. November 2018, 13:05 Uhr

Von oben

Warum die Treiser schon einmal zum Mond wollten

Die »Mondspritzer« werden die Menschen aus Treis im Lumdatal genannt. Neben dem Wald ist die Ortsdurchfahrt prägend. Ein Dorfporträt.
19. November 2018, 13:05 Uhr
Der Staufenberger Stadtteil Treis (2129 Einwohner) liegt dem Totenberg zu Füßen. Rechts oben ist der Steinbruch auf Allendorfer Gemarkung zu sehen. (Luftbild: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Etwa 100 Menschen aus nah und fern kamen jährlich im Sommer voller Hoffnung nach Treis. Damals war das Dorf ein inoffizieller Kurort. Dem Wasser, das hier am Fuß des Totenbergs aus dem »goure Born«, dem »guten Brunnen« strömte, sagten sie heilsame Kräfte nach. Neben der Quelle warfen viele Besucher Spenden in einen Opferstock, das Geld kam Kranken und Armen zugute. Rund 300 Jahre sind vergangen, seit Treis an der Lumda wegen des sagenumwobenen Wassers eine Pilgerstätte war, wie Ernst Schneider 1973 in seiner Ortschronik schrieb. Ein Gasthaus unterhalb des Sportplatzes am Waldrand trägt den guten Born noch im Namen, doch die außergewöhnliche Anziehungskraft von einst ist gewichen. Wunder erwartet hier heute niemand mehr.

 

Prämiertes Denkmal

Der Ort im Herzen des Lumdatals hat zwei etwa gleich weit entfernte Nachbarn: Im Osten Allendorf/Lumda, im Westen den Staufenberger Stadtteil Mainzlar. Staufenberg, Mainzlar und Daubringen sind um die »Vitale Mitte« herum eng verwoben. Treis, mit 2129 Einwohnern zweitgrößter Stadtteil, ist etwas weg vom Schuss. Dass sie zu Staufenberg gehören wollen, haben die Treiser Anfang der 1970er mit überwältigender Mehrheit entschieden. Áuch ein Zusammenschluss mit Allendorf wäre im Zuge der Gebietsreform denkbar gewesen.

In anderer Hinsicht blickt Treis auch gen Osten: Die Fußballer bilden eine Spielgemeinschaft mit Allendorf. Außerdem gehört der Ort zum Einzugsgebiet der Allendorfer Gesamtschule, doch mittlerweile gehen viele Schüler ab der Mittelstufe nach Lollar. Treis liegt beiderseits der Landesstraße 3146. Die Hauptstraße gleicht hier einem Nadelöhr, an einer Engstelle in der Ortsmitte passen keine zwei Autos nebeneinander. Alternativen wie eine Einbahnstraße mit Umleitung durch den Ort in anderer Fahrtrichtung haben sich nicht durchgesetzt. Was an der Hauptstraße Entlastung brächte, würde die Verkehrsbelastung an anderen Treiser Straßen erhöhen, gibt Rudolf Herzberger zu bedenken, Stadtrat und langjähriger Kommunalpolitiker.

 

Zigarrenfabrik und stillgelegter Bahnhof

Der Bahnhof ist seit 1981 stillgelegt, direkt gegenüber tut sich indes einiges: Im Dorfgemeinschaftshaus, 1955 erbaut, werden Grundschulkinder nachmittags betreut. Am Kindergarten wird angebaut, um mehr Plätze zu schaffen. Ein Stück weiter erhebt sich eines der schönsten Gebäude des Ortes: die alte Wasserburg. Einst ließ sie das Geschlecht der von Milchlings dort erbauen. Inzwischen ist die Wasserburg wie die Burg Ellhaus (»Edelhaus«) an der Hauptstraße in Privatbesitz. Ein weiteres Denkmal ist kürzlich ausgezeichnet worden: Das Forsthaus wurde nach privater Sanierung mit dem Hessischen Denkmalschutzpreis prämiert.

Lange gab es auch in Treis eine Zigarrenfabrik, Herzbergers Vater war dort Zigarrenmeister. Nun wohnen an gleicher Stelle Geflüchtete. Immerhin drei Gaststätten halten sich bis heute, der Einzelhandel ist aber fast komplett verschwunden. Die Dorfgemeinschaft allerdings ist in Treis durchaus intakt, wie Ortsvorsteher Roland Ehmig berichtet. Die Sängervereinigung behauptet sich seit mehr als 150 Jahren, auch der Angelsportverein mit dem Teichfest und der Obst- und Gartenbauverein sind im Ort tragende Säulen. In TSV und TV gibt es zwei Sportvereine, außerdem lockt der Lauftreff zum Volkslauf jährlich viele Sportler an. Im Wappen trägt der Ort die imposante evangelische Kirche, die nicht nur geografisch ein Mittelpunkt ist: Rege Jugendarbeit und Musikalität in der Gemeinde strahlen über das Dorf hinaus.

 

Zusammenarbeit mit Allendorf

Zu den Highlights im Treiser Jahreskalender gehört ohne jeden Zweifel die Kirmes; das Volksfest zieht im Sommer bei weitem nicht nur Besucher aus Treis an. Der Name der Burschenschaft und Uzname der Einwohner, »Muspretzer«, geht übrigens auf eine Legende zurück – und die geht so: Irgendwann im 19. Jahrhundert ließ ein vermeintlicher Waldbrand die Feuerwehr ausrücken. Ein Betrunkener hatte sie alarmiert, der er auf einem der Berge ein Feuer erblickt hatte. Doch es war, wie sich zeigte, falscher Alarm. Die Treiser hatten den feuerroten Mond als Brand interpretiert. Heute kooperieren die Treiser mit Allendorfer Feuerwehrleuten, um den Brandschutz zu sichern. Falls der Mond mal wieder vermeintlich in Flammen steht, können die Treiser also zum Glück mit Nachbarschaftshilfe rechnen.

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