21. August 2018, 05:10 Uhr

"von oben"

Warum Geilshausen einst im DDR-Fernsehen eine Rolle spielte

In den Zeiten des Kalten Krieges war Geilshausen durchaus ein wichtiger Standort. Und ausgerechnet Karl-Eduard von Schnitzler lüftete im "Schwarzen Kanal" das Geheimnis des Dorfes.
21. August 2018, 05:10 Uhr
Heimat für rund 830 Menschen: Geilshausen, von Westen und von oben gesehen. (Foto: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Jedes Dorf hat seine Geheimnisse. Meist sind es eher kleine, oft private Dinge, die bestenfalls und für alle Zeit unter der Decke bleiben. In diesem Fall jedoch war es ganz anders: Das Geheimnis war nicht nur groß, in etwa 90 Hektar, es wurde sogar übers Fernsehen einem Millionenpublikum verraten – freilich eher im Osten Deutschlands. So zumindest erzählt man es sich rund um Geilshausen, unserem heutigen Dorf »von oben«.

Danach soll ein gewisser Karl-Eduard von Schnitzler im »Schwarzen Kanal« des DDR-Fernsehens den Standort des NATO-Lagers am »Noll« – einer bewaldete Kuppe oberhalb von Geilshausen – verraten haben. Angeblich ein Erfolg der Auslandsaufklärung des Arbeiter- und Bauernstaats.

Tatsächlich unterlag des Lager mit 26 Munitionsbunkern und Tanks der militärischen Geheimhaltung. Den für schwere Lkw ausgelegten Weg etwa, der kurz hinterm Dorf nach rechts abbiegt, suchte man auf Straßenkarten vergebens. Für Verwirrung sorgte auch der Name »Flensungen Forward Storage Site«. Die Erklärung: Zunächst in dem Mücker Ortsteil geplant, fand sich dort keine geeignete Fläche.

 

Auf keiner Karte eingezeichnet

 

An den Bau des Lagers 1982 wie auch die Räumung Anfang der 1990er kann sich Wilhelm Luft (85) noch gut erinnern: »Vom Fenster aus haben wir beobachtet, wie eine lange Reihe von Lastwagen vom Noll runterkam.«

Was die tarnfarbenen Brummis geladen hatte, sah er nicht. »Die waren alle abgedeckt.« Unter anderem dürfte es Artilleriemunition gewesen sein. Die wurde, wie ein deutscher Wachmann im Dienst der US-Army dieser Zeitung einmal berichtete, immer das Nachts angeliefert.

 

Wie die Müllverbrennungsanlage scheiterte

 

Fragt man nach Besonderheiten von Geilshausen, so kommt auch Karl Müller bald auf den »Noll« zu sprechen. Der 88-Jährige kennt sein Dorf wie kaum ein anderer, wurde er doch hier geboren, wuchs hier auf, engagierte sich als Wehrführer und Mitbegründer des Sportvereins.

Müller blieb seiner Heimat treu, wollte und musste aber auch niemals weg – außer kurz vor Kriegsende, als er zu Schanzarbeiten am Westwall beordert wurde. Kaum zurück, marschierten die Amis ein. In Geilshausen fiel kein einziger Schuss. Hätte aber auch anders kommen können: Ein SS-Mann hatte kurz zuvor noch einem Steppke befohlen, die weiße Fahne vom Kirchturm zu holen. Doch setzte sich der Nazi-Scherge bald ab, und kaum dass er weg war, flatterte die Fahne wieder im Frühlingswind. Auch Müller kennt die Geschichte.

Der »Noll« übrigens taugt nicht nur als Symbol für die Zeit des Kalten Krieges, sondern auch das demokratischen Diskurses. Nach der Auflassung des NATO-Lagers bot der Versorger EAM an, dort eine Müllverbrennungsanlage zu errichten, lockte mit immensen Gewerbesteuerzahlungen. Dank einer »Indiskretion« der Grünen aber kam auch dieses Geheimnis ans Licht.

 

Bürgerinitiative siegt

 

Jetzt wurde die Einwohnerschaft aktiv, verwies auf mögliche Dioxin-Emissionen. Am Ende hatte die Bürgerinitiative mit einem Bürgerbegehren Erfolg. Und 1995 baute ein Entsorgungsunternehmen im Schatten der Bunker eine Anlage zur Kompostierung von Bioabfällen. Die beschert der Gemeinde bis heute Pachtzahlungen des Landkreises – wenn auch weniger als bei einer Müllverbrennung. Dafür aber kam vor drei Jahren noch ein Windpark hinzu, der auch was abwirft. Insgesamt sind es 200 000 Euro per annum.

Wie vielerorts rundum, so gibt es auch rund um Geilshausen einige Zeugnisse wüstgefallener Dörfer. Antreff und Ammenhausen gehören dazu, deren Bewohner, so der heimatkundlich interessierte Müller, schon vor dem 30-jährigen Krieg ins Tal gezogen seien. Eines dieser Zeugnisse ist der »Kirchenstumpf«: Sechs Linden erinnern dort an ein Gotteshaus.

 

»Klein-Holland liegt am Melmes«

 

Ein Grund für diese Frühform von Migration: Das Dorf im Lumdatal bot mehr Sicherheit. Davon zeugt der Wehrturm, der zum Kirchturm wurde. Da an der Kreuzung von zwei Handelsstraßen gelegen, hätten die Ahnen wohl zum Schutz den Turm errichtet, erzählt Müller. Schießscharten und vier Pechnasen sind erhalten geblieben.

Die Zeiten, da die Geilshäuser feindselig gesinnte Besucher mit Blei, heißem Öl oder Pech »begrüßten«, sind lange vorbei. »Erst neulich sind da wieder viele Autos mit gelbem Nummernschild hochgefahren«, erzählt Müller am Ende. Wie das? Auf der Erhebung westlich des Dorfes, »Melmes« auch genannt, bietet im Sommer ein christlicher Veranstalter aus den Niederlanden Campingurlaube an. Und so heißt’s seit vier Jahren schon: »Klein-Holland liegt am Melmes«.

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