24. August 2018, 13:00 Uhr

Demenz

Warum Demenzkranke möglichst nicht ins Krankenhaus sollen

Verwirrte oder aggressive Patienten sind für Ärzte und Pfleger eine Herausforderung. Häufig steckt eine Demenz dahinter. Doch viele Kliniken sind darauf nicht vorbereitet, sagt Lichs Geriatrie-Chef Bludau.
24. August 2018, 13:00 Uhr
Längst nicht jeder alte Mensch ist kognitiv beeinträchtigt. Aber mit dem Alter steigt das Risiko eine dementiellen Erkrankung. Ein Krankenhaus-Aufenthalt kann dann zum großen Problem werden. (Foto: Oliver Berg/dpa)

Die alte Dame musste ins Krankenhaus. Ihre Tochter besuchte sie jeden Tag. Und jedes Mal hatte die Mutter nichts gegessen. Sie litt an Demenz und war nicht in der Lage, die Mahlzeiten, die ihr ans Bett gebracht worden waren, selbstständig zu sich zu nehmen. Doch darauf hatte niemand geachtet. Das Tablett war unberührt wieder abgeräumt worden.

Solche Geschichten sind kein Einzelfall. »Demenz und Krankenhaus – das ist wie Feuer und Wasser,« sagt Dr. Jürgen Bludau, der Leiter der Geriatrie an der Asklepios-Klinik in Lich. »Demenzkranke brauchen einen strukturierten Tagesablauf. In fremder Umgebung sind sie desorientiert.« Deshalb seien Krankenhaus-Aufenthalte nach Möglichkeit zu vermeiden.

 

Großer Nachholbedarf in Deutschland

 

Doch das ist leichter gesagt als getan. Die meisten Krankenhaus-Patienten haben ihren 65. Geburtstag hinter sich. Und je älter ein Mensch, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Demenzerkrankung. Laut einer aktuellen Studie sind 40 Prozent aller älteren Patienten in Allgemeinkrankenhäusern kognitiv beeinträchtigt.

Aber die wenigsten Kliniken sind auf diese Klientel angemessen vorbereitet. In vielen Fällen ist die Demenz noch nicht einmal diagnostiziert. »Wir brauchen bessere Demenzkompetenz im Krankenhaus«, fordert Bludau deshalb.

Der Altersmediziner hat 25 Jahre lang in den USA gearbeitet und sieht auf seinem Gebiet in Deutschland großen Nachholbedarf. »Es gibt zwar einige gute Pilotprojekte, doch leider nicht in der Breite.«

 

Bilder an den Türen, gemeinsame Mahlzeiten

 

Allein von der äußeren Struktur seien die meisten Kliniken nicht auf die Bedürfnisse von Demenzkranken ausgerichtet. »Man kann nicht jedes Krankenhaus umbauen«, weiß der Licher Geriater. Aber man könne schon mit kleinen Maßnahmen viel verbessern. Das fange bei der Aufnahme der Patienten an und höre bei deren Entlassung noch lange nicht auf.

Längst nicht alle Patienten der Licher Geriatrie sind kognitiv beeinträchtigt. Doch man ist auf die Bedürfnisse von Demenzkranken vorbereitet. So sind zum Beispiel die Zimmer nicht nur mit Nummern gekennzeichnet, sondern auch mit Bildern von Äpfeln, Bananen oder Erdbeeren. Die bunten Früchtchen sollen bei der Orientierung helfen.

Die Mahlzeiten werden nach Möglichkeit gemeinsam an einer langen Tafel im Aufenthaltsraum eingenommen. So trainieren die Patienten nicht nur Fähigkeiten wie den Umgang mit Messer und Gabel. Es fällt auch auf, wenn jemand beim Essen nicht klar kommt.

 

Licher Geriatrie zu 100 Prozent ausgelastet

 

Andere Details erleichtern ebenfalls den Alltag. Sind Patienten mit demenztypischer Weglauftendenz auf Station, kann die Flügeltür am Eingang geschlossen werden. Hat ein Betroffener einen gestörten Tag- und Nachtrhythmus, kann es helfen, das Licht anzulassen. »Oder wir bitten die Angehörigen, länger zu bleiben«, sagt Bludau.

Der 58-Jährige wird auch regelmäßig von seinen Kollegen in anderen Abteilungen zu Rate gezogen, wenn Patienten dort verwirrt oder aggressiv sind. Dann geht es häufig um Fragen der Medikation. »Nicht jedes Schmerzmittel ist gleich gut geeignet.«

Laut Bludau ist die Licher Geriatrie zu 100 Prozent ausgelastet. »Geht ein Patient, kommt gleich der nächste.« Die meisten haben den 80. oder auch den 90. Geburtstag hinter sich, viele sind zuvor wegen Sturzverletzungen oder Brüchen behandelt worden. Ihr Zustand wird schon bei der Aufnahme genau untersucht und dokumentiert. Neben Beweglichkeit, sozialer Situation, Ernährungssituation und Gefühlslage wird auch getestet, ob eine demenzielle Erkrankung vorliegen könnte. Ist das der Fall, können sich alle darauf einstellen.

 

Es gibt keine geriatrische Reha in Hessen

 

»Geriatrie ist Teamarbeit«, sagt Bludau. Ärzte, Pflegepersonal, Therapeuten, Psychologen und Sozialarbeiter arbeiteten Hand in Hand. »Das ist wie bei einem Puzzle. Jedes Teil ist gleich wichtig.«

Bei allen Patienten, egal, ob sie kognitiv beeinträchtigt sind oder nicht, gehe es darum, Pflegedürftigkeit zu vermeiden oder wenigstens zu verringern. Es gibt tägliche Blitzgespräche im Team, außerdem einmal wöchentlich eine große Teamsitzung. »Die Entlassung ist dabei ein großes Thema«, sagt der Geriater. Denn was nach dem Krankenhaus kommt, ist ungewiss.

»Anders als in anderen Bundesländern gibt es in Hessen keine geriatrische Reha«, bedauert er. »Da fehlt leider der Anschluss.« Ein bisschen vermisst er in Deutschland die Offenheit, die er in den USA kennengelernt hat. »Wir brauchen Innovation. Wir müssen über den Tellerrand schauen und ein paar Sachen einfach mal ausprobieren.«

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