06. Juli 2018, 13:00 Uhr

Hausarzt

Warum 15,90 Euro einen Wißmarer Hausarzt in Rage bringen

Vor wenigen Tagen rettete Dr. Martin Bayer einer Patientin nach einem Herzinfarkt das Leben. Das Medikament muss der Arzt nun selbst bezahlen. »Ein Skandal«, sagt er. Es geht ihm um Grundsätzliches.
06. Juli 2018, 13:00 Uhr
Dr. Martin Bayer ist aus Überzeugung Hausarzt und kümmert sich mit Freude um seine Patienten. Nur die Bürokratie nervt ihn. Jetzt legt er sich mit der Kassenärztlichen Vereinigung an. (Symbolbild: Fotolia/milatas/Bild unten: srs)

Der Stein des Anstoßes ist ein Blatt Papier. Eine Rechnung über 15,90 Euro. Dr. Martin Bayer sitzt in seiner Praxis, hält den Zettel in der Hand und schüttelt langsam den Kopf. Er sagt: »Ich fühle mich gemobbt.« Von der Bürokratie. Von der Kassenärztlichen Vereinigung. Vom deutschen Gesundheitssystem.

Dr. Martin Bayer (Foto: srs)
Dr. Martin Bayer (Foto: srs)

Der Internist und Hausarzt führt in Wißmar mit einer Kollegin eine der größten Praxen für Allgemeinmedizin im Kreis. »Uns werden nur Steine in den Weg gelegt«, erklärt er. Er hält beide Hände in die Höhe, fährt mit ihnen von links nach rechts und schimpft: »Stein für Stein für Stein.«

 

Möchten Ärzte ihre Patienten mit Verdacht auf akuten Herzinfarkt lebenswichtige Medikamente verabreichen, bezahlen sie das zum Teil aus eigener Tasche

Martin Bayer

 

Vor wenigen Tagen, im Juni, rettete Bayer einer Patientin das Leben. Sie hatte einen Herzinfarkt. Er versorgte sie, erstellte ein Elektrodiagramm der Herzfrequenz, spritzte ihr den Blutverdünner Heparin-Natrium in die Vene und übergab sie dem Rettungsdienst zur weiteren Behandlung.

Medikamente wie Heparin-Natrium oder auch Verbandszeug müssen Arztpraxen für Notfälle immer vorrätig haben. Dies regelt eine sogenannte Sprechstundenbedarfsregelung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), die Kosten dafür übernehmen die Krankenkassen.

Als aber das Blutverdünnungsmittel nach dem Herzinfarkt im Juni ausgegangen war und Bayer für das Auffüllen der Notfallreserve eine neue Ampulle in der Apotheke holte, erhielt er zu seiner Überraschung nachträglich eine Rechnung. Über 15,90 Euro.

Zuerst habe er gedacht, die Apotheke habe einen Fehler gemacht. Doch in einem Telefonat mit der KV Hessen erhielt er die Auskunft: Auch für die Notfallreserve sei Heparin-Natrium mit einem Festbetrag versehen. Weil nur wenige Firmen das Medikament Markt anbieten, lägen derzeit alle Preise für das Mittel über dem Festbetrag. Der Arzt muss die Differenz tragen. »Ein Skandal«, sagt Bayer. »Möchten Ärzte ihre Patienten mit Verdacht auf akuten Herzinfarkt lebenswichtige Medikamente verabreichen, bezahlen sie das zum Teil aus eigener Tasche.«

 

Problem der Kassenärztlichen Vereinigung bekannt

 

Auf Anfrage der Gießener Allgemeinen Zeitung bestätigt eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung den Sachverhalt. »Das Problem ist der KV Hessen bekannt. Wir setzen uns aktuell dafür ein, dass dieser bundesweit untragbare Zustand behoben wird.« Bayer aber ist fassungslos. »Ich falle vom Glauben ab. Hier geht’s doch um Lebenretten. Ich will nur ein guter Arzt sein.«

Es gehe ihm nicht um die Höhe der Rechnung, betont Bayer. »Ich will auch kein Mitleid erregen«, sagt er. »Mir geht es gut.« Der Arztberuf bereite ihm große Freude. Die Bürokratie erschwere ihm aber die Arbeit. Die Praxis in Wißmar bildet einen jungen Mediziner aus. Dieser überlegt aber, »ob er in den Traumberuf noch gehen möchte«. Bayer betont, die Tätigkeit sei richtig für ihn, er liebt seine Patienten. Doch wer eine Praxis führe, sei auch Unternehmer und müsse viel Bürokratie ertragen. »Der Mangel an Ärzten auf dem Land wundert mich nicht.«

 

Ein weiterer Fall beschäftig Bayer

 

Bayer sitzt in seinem Arztzimmer. Die Praxis, die er mit einer Ärztin als Gesellschafter teilt, existiert bereits seit 70 Jahren. Sie beschäftigen einen weiteren Arzt und acht Mitarbeiter. 2000 Patienten suchen die Praxis regelmäßig auf.

Der 44 Jahre alte Arzt nennt einen weiteren Fall, der ihm die Freude an der Arbeit vergrault: Kürzlich erhielt die Praxis ein Schreiben. Die Kassenärztliche Vereinigung hat ein Prüfverfahren eingeleitet, aufgrund überdurchschnittlich vieler Beratungsgespräche am Telefon. »Ein Hauptgrund dafür ist mein Schwerpunkt Diabetes«, erklärt Bayer. »Und jeder vierte Patient unserer Praxis lebt außerhalb von Wettenberg.

Doch er müsse in dem Prüfverfahren nun aufzeigen, »dass ich alles richtig gemacht habe. Das ist eine Umkehr der Beweislast.« Die KV habe ihm vier Wochen Zeit für eine Antwort gegeben. »Ich habe mir dafür 30 Stunden genommen.« Denn es gehe um einen hohen fünfstelligen Betrag. »Das ist existenzbedrohend für mich. Da muss ich um mein Privatvermögen fürchten.«

Inzwischen habe ihm die Kassenärztliche Vereinigung wiederum geantwortet: Die Prüfung verzögere sich um sechs Monate. Die Begründung: Das Verfahren sei noch recht neu. Wieder schüttelt Bayer den Kopf. »Das ist doch Schikane.«

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