04. November 2017, 09:00 Uhr

Völkermord

Vorreiter Pohlheim: Mahnmal gegen Völkermord

1,5 Millionen Angehörige christlicher Minderheiten wurden vor 100 Jahren im Osmanischen Reich ermordet. In Pohlheim soll daran nun ein Mahnmal erinnern. Es wäre das erste Denkmal dieser Art.
04. November 2017, 09:00 Uhr
Kerzenlichter bilden am Donnerstagabend vor der Volkshalle in Watzenborn-Steinberg die Jahreszahl 1915 – in Erinnerung an den Genozid vor rund 100 Jahren. (Foto: srs)

Jubel brach am Donnerstag während der Sitzung des Pohlheimer Stadtparlaments aus. Mehr als 200 Besucher mit aramäischen, assyrischen und chaldäischen Wurzeln erhoben sich in der Volkshalle in Watzenborn-Steinberg, hielten Schilder mit der Aufschrift »Danke« in die Höhe. Der Anlass: Ein Mahnmal soll in Pohlheim an den Völkermord an ihren Vorfahren – den Armeniern und anderen Christen –vor 100 Jahren im Osmanischen Reich erinnern. Die Stadtverordnetenversammlung hat am Donnerstag mit einstimmiger Mehrheit beschlossen, dies zu unterstützen.

Bei Widerstand gegen das Denkmal erwarten wir, dass die Stadt zusammensteht

Ernst-Ulrich Huster

Es wäre deutschlandweit das erste Denkmal dieser Art auf öffentlichem Boden. Das Vorhaben verstehe man als »starkes Signal zur Förderung der Integrationsarbeit«, erklärte der SPD-Abgeordnete Prof. Ernst-Ulrich Huster, als er den Antrag von CDU und SPD im Stadtparlament vortrug. Im Landkreis leben mehr als 1000 aramäische, assyrische und chaldäische Familien, der überwiegende Teil von ihnen wohnt in Pohlheim.

Nicht gegen türkische Mitbürger gerichtet

»Erlebtes Unrecht sucht nach einem Ort des Erinnerns«, betonte Huster. Ziel des Mahnmals sei, die »Anerkennung des unvorstellbaren Leides« durch den Genozid zwischen den Jahren 1915 und 1917 hervorzuheben. Gleichzeitig solle das Denkmal »einen maßgeblichen Beitrag zur Versöhnung zwischen unterschiedlichen Ethnien und Religionen« leisten. Dem Stadtparlament gehören mehrere Pohlheimer mit aramäischen Wurzeln an, sie hatten das Vorhaben unter den Fraktionen mit angestoßen. Das geplante Mahnmal »spricht von Leid und damit von Schuld«, erklärte der CDU-Abgeordnete Malke Aydin. »Aber gerade so lädt es ein zur Versöhnung.« Zwischen 1915 und 1917 wurden die Armenier, das älteste christliche Volk, fast vollständig vernichtet. 1,5 Millionen Menschen fielen dem Genozid zum Opfer. Der Bundestag erklärte in einer Resolution im Juni vergangenen Jahres die Verbrechen zum Völkermord und hob die Mitschuld des Deutschen Reiches hervor.

Die türkische Regierung lehnt den Begriff Völkermord ab und spricht von Massakern. Vor diesem Hintergrund ist mit Widerstand gegen das Denkmal zu rechnen. Das Vorhaben sei »nicht gegen türkische Mitbürger gerichtet«, hob Huster hervor. »Aber es geht um Mahnung und Erinnerung. Dass der Genozid nicht länger geleugnet wird.« Huster betonte weiter: »Sollte sich gegen das Mahnmal Widerstand regen, erwarten wir, dass die Stadt zusammensteht.»

Denkmal soll an zentraler Stelle in Pohlheim stehen

Das Denkmal soll an zentraler Stelle in Pohlheim errichtet werden. Der genaue Ort steht noch nicht fest. Für die Ausgestaltung des Mahnmals ist die Gründung eines Beirats angedacht. Die Kosten sollen nicht aus der Stadtkasse aufgebracht werden, sondern insbesondere durch Spenden. Die Grünen hatten sich für ein allgemeines Mahnmal »gegen Hass und Vertreibung« ausgesprochen. Sie zogen ihren Antrag am Donnerstag aber zurück.

Draußen bildeten Kerzenlichter die Jahreszahl 1915. Drinnen traten Pfarrer ans Rednerpult und intonierten das »Vater unser« in aramäischer Sprache – in Gedenken an den Stadtrat Nohman Nohman, der das Vorhaben gefördert hatte. Als der Beschluss fiel, applaudierten die 200 Besucher im Publikum. »Eigentlich ist das nicht zulässig«, erklärte die Stadtverordnetenvorsteherin Anja Sames-Postel – bevor sie lächelnd erklärte: »Ausnahmsweise lasse ich es zu.«

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