23. Juli 2018, 21:47 Uhr

Vom Gleiberg-Brot und Fensterblick

23. Juli 2018, 21:47 Uhr

Wie im Film »Die Feuerzangenbowle« ging es kürzlich auf Burg Gleiberg zu. Gertrud Schlage und Manfred Regelein plauderten gut zwei Stunden über ihre gastronomische Tätigkeit und ihre Erlebnisse. Damit verbunden ihre Familiengeschichten, die sich dort zutrugen, denn die Burg war über Generationen ihr Zuhause. Aufmerksame Zuhörer waren Mitglieder des Gleiberg-Vereins.

In der heutigen Küche stand einst die Wiege von Gertrud Schlage. 1921 erblickte sie als zweites Kind von Paul und Lina Niebergall das Licht der Welt. Die Mutter verstarb, als sie zwei Jahre alt war. Ihr ein Jahr älterer Bruder blieb im Krieg. Ihr Großvater Sebastian Niebergall war der erste Wirt und Kastellan auf Burg Gleiberg und trug als solcher von 1882 bis 1932 lang Verantwortung.

Gäste aus Gießen

In die Fußstapfen ihres Großvaters, der übrigens auch Gründer des Gastwirtevereins Gleiberger Land war, trat Vater Paul Niebergall bis 1952. Gertrud Schlage verließ 1949 ihre vertraute Umgebung, als sie ihren Max heiratete. Den Niebergalls folgten Georg und Henny Regelein bis 1981. Der heute 74-Jährige Sohn Manfred war dort zehn Jahre lang Koch und erwarb seine Kochkünste zunächst an renommierten Plätzen in der Mainmetropole, in Baden-Baden und in Davos in der Schweiz.

Baulich standen die Wirtefamilien vor enormen Herausforderungen und veränderten sukzessive ihre Arbeits- und Bewirtungsflächen sowie ihr unmittelbares Lebensumfeld. Sebastian Niebergalls Lebensleistung bestand aus einem halben Jahrhundert Arbeit als Wirt und tatkräftiger Unterstützer bei der sukzessiven Herrichtung der Unterburg für gastronomische Zwecke. Beide Wirtefamilien betrieben auch noch Landwirtschaft.

Die Gäste – das waren fast ausnahmslos Menschen aus Gießen, die Betuchteren und Bessergestellten, und so mied die Dorfbevölkerung in Gleiberg und Krofdorf zunächst eher dieses Areal, wollten mit den Vornehmen dort oben nichts zu tun haben, so die Wahrnehmung von Gertrud Schlage. Vorbestellen war damals noch nicht angesagt. Doch es gab einen Fensterplatz mit Balustrade in der Burgküche, von wo aus man bis zum Oberen Hardthof blicken konnte. Wenn von dort Menschenmassen im Anmarsch waren, hatten Wirt, Koch und Personal noch Zeit, sich zu präparieren. Aber auch die »Bieberlies« brachte bis 1952 Gäste an den Fuß der Burg. Dazu gehörten auch Persönlichkeiten wie Heinz Schenk, Lia Wöhr, Martin Lauer, Margit Sponheimer und sogar Bundespräsident Theodor Heuss.

Die Burg war seit jeher auch ein Ort kultureller Begegnung. Erwähnt wurden etwa die Gleibergfeste, die Wirte- und Weihnachtsbälle und Chortreffen, die Tanzveranstaltung oder die Treffen der Heimatvertriebenen. Draußen im Freien saßen an den Wochenenden oft bis zu 500 Gäste. Nur im Winter, da war wohl eher Flaute und wenn sich mal eine Handvoll Gäste auf die Burg verirrt hatten, saß man um den Holzofen in der Küche.

Das Burgleben erfuhr seinen Einschnitt mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933, die in der Unterburg ein Schulungslager einrichteten. Auch eine Einheit der Flugbeobachtung bezog dort Quartier. Aber, so Gertrud Schlage, die Gastronomie lief weiter. Als nach dem Krieg die Amerikaner für mehrere Monate Burg und Dorf Gleiberg besetzt hielten, erstarrte das öffentliche Leben, normalisierte sich dann aber schnell.

Bei der Erzählstunde machten auch zwei alte Speisekarten die Runde. Die älteste von 1888, die andere aus den 1950er Jahren. Schnell stellte der heutige Pächter, Axel Horn, fest: Schon damals wurden exquisite Speisen angeboten, die durchaus gehobenen Ansprüchen entsprachen. Das gleiche gilt auch für die Getränkekarte.

Man kam auch auf das bekannte Gleiberg-Brot zu sprechen – belegt mit Hausmacherwurst, Schinken, Schinkenspeck, Presskopf, Leberwurst, Gurken, Tomaten, in der Mitte ein Türmchen aus Fleischsalat, garniert mit Zwiebelringen und dieses gespickt mit einer kleinen Gleibergfahne. Vielleicht erfährt es bald eine Renaissance, denn Axel Horn, der seit 2015 Pächter ist, plant ein kulinarisches Event mit Speisen von einst. Seit 2015 ist er Pächter.

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