15. April 2019, 10:00 Uhr

Von oben

Steinheim war das erste dolle Dorf im Land Hessen

Der Hungener Stadtteil Steinheim war früher für seine Kirmes bekannt. Mittlerweile ist diese ebenso Geschichte wie vieles andere in dem Ort, in dem sogar Napoleon mal Station machte.
15. April 2019, 10:00 Uhr
Zwischen Wiesen und Feldern gelegen: Steinheim. (Foto: Henß)

Wer am 7. Juni 2003 in Steinheim versuchte, jemanden ans Telefon zu bekommen, hatte schlechte Karten. Sämtliche Leitungen waren wegen einer TED-Abstimmung belegt. Mit erhofftem Erfolg: 109 297 Anrufe gingen bis zum Nachmittag beim Hessischen Rundfunk ein, und der Hungener Stadtteil wurde zum ersten dollen Dorf in der Geschichte des gleichnamigen HR-Wettbewerbs.

Der Ort befand sich im Siegestaumel. Es wurde gefeiert, was das Zeug hält. Kein Wunder, denn Letzteres konnten die Steinheimer immer besonders gut. Ihre Kirmes war lange weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannt.

»Die Leute kamen aus der ganzen Umgebung«, erinnert sich Gunter Schmidt an die viertägige Veranstaltung die abwechselnd von den Vereinen organisiert wurde. Der gebürtige Steinheimer weiß viel über seine Heimat, hat sich intensiv mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt und ist in der Kommunalpolitik aktiv.

 

Nach der Kirmes 2017 war Schluss

 

Wer etwas über den Ort erfahren möchte, den wir heute »von oben« betrachten, ist bei ihm an der richtigen Adresse. Früher wurde die Kirmes abwechselnd in einer der beiden Wirtschaften mit Saal gefeiert, ab den 1970er Jahren zog sie ins Zelt auf den ehemaligen Schulhof um.

In den letzten Jahren allerdings ebbte das Interesse immer mehr ab, und nach der Kirmes 2017 war Schluss. Menschen, die sich engagieren fehlten ebenso wie jene, die es zu der Traditionsveranstaltung zog. Schmidt führt das vor allem auf den immer stärker schwindenden Bezug zum Dorf zurück. »Es gibt hier heute nur noch wenig Identitätsstiftendes«, sagt er.

 

Nur noch 534 Einwohner

 

Kaum Arbeitsplätze, keine Schule, keinen Kindergarten, kein einziges Geschäft. Ein Problem, das viele Dörfer mit Steinheim teilen. Immerhin: In einer Gaststätte, die vier Mal pro Woche öffnet, können die Leute noch zusammenkommen. Und einige Vereine bieten Freizeitbeschäftigung: Sport- oder Gesangverein, Obst- und Gartenbauverein samt Vogelschutzgruppe, Feuerwehr mit Musikzug, Förderverein und Theatergruppe, Landfrauen, VdK.

Ein Basisangebot, das in Schmidts Augen aber nicht ausreicht. Die Folgen sind spürbar: »Früher war Steinheim größer als die meisten umliegenden Dörfer«, weiß der 68-Jährige. Heute zählt es 534 Einwohner und ist nach Rabertshausen und Rodheim der drittkleinste Stadtteil Hungens.

 

Größter Steinbruch auf dem Grohberg

 

Seinen Namen hat das Dorf wohl dem Basalt zu verdanken. Ob am Wingertsberg, der heute ein beliebtes Wochenendgebiet ist, auf dem Masohlsköppel oder am Kaltenrain – in der Gemarkung wurde früher viel Stein gebrochen. Die Spuren in Form großer Löcher sind zum Teil bis heute sichtbar. Der größte Steinbruch befand sich auf dem Grohberg.

Erstmals erwähnt wird Steinheim im Lorscher Kodex 1356. Angesichts von Flurbezeichnungen wie Kestecke (Kastellecke) oder Palmärt (Pfahlmarkt) scheint aber bereits eine Besiedelung in römischer Zeit belegt.

 

Wo Napoleon einst rastete

 

Ältestes Kulturdenkmal im Ort ist ein Trinkbrunnen, an dem sich die Steinheimer früher mit Wasser versorgten und es mitunter noch heute tun. So mancher Steinheimer schwört auf den daraus gekochten Kaffee. Im Jahr 1812 bescherte der Brunnen den Dorfbewohnern der Legende nach hohen Besuch.

Als Napoleon bei den Vorbereitungen zum Russlandfeldzug durch das Gebiet zog, wollte er eigentlich bei den Freiherren du Bos du Thil auf Hof Graß übernachten. Vielleicht weil er zu spät war, vielleicht aber auch, weil das frische Quellwasser ihn verlockte, übernachtete der französische Kaiser in Steinheim, im Haus neben dem Trinkbrunnen. Bis heute ist die Hofreite in der Mittelgasse im Dorf unter dem Namen »Borneboarts« bekannt – das Haus, in dem Bonaparte übernachtete.

 

Ältestes Gebäude in Steinheim 

 

Legende oder nicht? Wahr ist auf jeden Fall die Geschichte eines anderen Gebäudes in der Mittelgasse, dem ältesten in Steinheim. 1666 wurde es gebaut, nachdem am Ende des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1646 das Dorf – abgesehen vom Kirchturm – vollständig abgebrannt war.

Gunter Schmidt wohnt in diesem Haus, das sich seit 353 Jahren im Besitz seiner Familie befindet. Die Vorfahren von Katharina Uhl, Schmidts Urgroßmutter, hatten es einst errichtet. Sie heiratete 1873 Konrad Schmidt, der eigentlich schon nach Amerika ausgewandert war, aber der Liebe wegen nach Steinheim zurückkam. 100 Jahre später bezog Gunter Schmidts Vater Theodor das unter Denkmalschutz stehende Anwesen, seit 1990 lebt der 68-Jährige selbst darin.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Besiedelung
  • Freiherren und Barone
  • Gunter Schmidt
  • Hessischer Rundfunk
  • Kirchweih
  • Napoleon
  • Hungen
  • Christina Jung
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 5 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.