Frauenrechte

Starke Frau mit Krallen und Zähnen

Wir haben keine Gleichberechtigung in der Gesellschaft, sagt die Busecker Psychiaterin Dr. Brigitte Ende. Seit Jahren kämpft sie für Anliegen von Frauen. Auch für die Gießener Ärztin Kristina Hänel.
06. Dezember 2017, 18:00 Uhr
Psychiaterin Dr. Brigitte Ende wurde kürzlich vom Deutschen Ärztinnenbund als »Mutige Löwin« ausgezeichnet. (Foto: edg)

Mit feuerrotem Haar und übereinander geschlagenen Beinen sitzt Dr. Brigitte Ende in einem schwarzen Ledersessel in ihrer Praxis in Beuern. Normalerweise lässt die Psychiaterin in dem dezent beleuchteten Zimmer mit den Dachschrägen Patienten über ihr Leben sprechen. Nun ist es umgekehrt, nun erzählt Ende. Und sie hat einiges zu erzählen. Über ihren unermüdlichen Einsatz für die Rechte von Frauen, für den sie jüngst geehrt wurde. Aber auch über manch ungewöhnliche Wendung in ihrer Vita.

Mit Menschen über ihre Sorgen, Ängste und Wünsche sprechen und sie bei einer Veränderung begleiten – das hat Ende schon immer gemacht. Einst war sie Frisörin und lauschte im Salon ihrer Eltern den Alltagsproblemen ihrer Kunden, verhalf ihnen zum neuen Haarschnitt, einer Dauerwelle oder anderer Haarfarbe. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie spricht sie seit knapp 30 Jahren professionell mit Patienten und hilft ihnen, Depressionen, Ängste und andere Erkrankungen zu überwinden.

Frisörin studiert Medizin

»Psychiater und Frisöre haben einiges gemeinsam«, sagt sie über ihren einstigen Jobwechsel. »Ich würde meinen Weg jederzeit wieder so gehen.« Das habe sie stark gemacht, sie geerdet.

Geboren 1951 arbeitet Ende nach der Frisörlehre im Familienbetrieb in Rosenthal. Die Studentenproteste der wilden 68er gehen an dem kleinen Ort in Nordhessen vorbei. Doch die politische Stimmung im Land bewegt auch die junge Frisörin. Während andere Frauen in Deutschland nur mit Erlaubnis ihres Ehemanns einen Beruf ausüben dürfen, holt sie am Abendgymnasium das Abitur nach und studiert Medizin. Nach ihrer Approbation 1982 arbeitet sie in München, Wiesbaden und Eltville bevor sie sich schließlich in Buseck niederlässt.

Rassisten und Nationalisten nicht erwünscht

Im Flur gleich am Treppenaufgang zur Praxis hängt ein Poster auf dem steht: Wir behandeln alle gleich. Ärztinnen und Ärzte gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Antisemitismus. Das sei ihr persönliches politisches Statement, sagt Ende. Politisieren wolle sie ihre Patienten nicht. Doch wer zu ihr kommt, wird zumindest indirekt das Plakat wahrnehmen. Es stammt von der Liste Demokratischer Ärztinnen und Ärzte, für die Ende seit 1988 als Delegierte im Parlament der hessischen Ärzteschaft sitzt. Es ist nur eines von zahlreichen politischen Ämtern, die sie übernommen hat.

;Manchmal macht es einsam, die einzige Frau zu sein

Brigitte Ende

Ganz oben auf ihrer politischen Agenda steht neben der Versorgung das Thema Gleichstellung, auch und vor allem in ihrem Berufsstand. Ende sieht sich als Stimme der Frauen in politischen Gremien, die noch immer häufig von Männern dominiert werden. Fast zwanzig Jahre stand sie an der Spitze des Versorgungswerks der Landesärztekammer Hessen, die Hälfte davon als Vorstandsvorsitzende, und kümmerte sich um die Anliegen der Ärzte rund um das Thema Rente. Dazu ist sie seit Jahrzehnten bundesweit in Arbeitsgruppen und Gremien aktiv.

Man könne nicht mehr frei reden und keine Witze mehr erzählen, sorgten sich anfangs die männlichen Kollegen, die ihre Sitzungen mit »Sehr geehrte Frau Dr. Ende, sehr geehrte Herren« eröffneten. »Manchmal macht es einsam, die einzige Frau zu sein«, sagt sie. »Dann ist es gut andere Frauen anrufen zu können. Ohne mein Netzwerk hätte ich es nie bis an die Spitze geschafft.«

Als "Mutige Löwin" geehrt

Für ihr Engagement hat sie die silberne Ehrenplakette von der Landesärztekammer Hessen erhalten und wurde vom Deutschen Ärztinnenbund als »Mutige Löwin« gewürdigt. Weil sie sich gegen Widerstände durchsetze – notfalls auch kämpferisch mit Krallen und Zähnen.

»Mit Themen wie Frauenrechten wird man leider häufig belächelt«, sagt Ende. »Aber so lange es sich nicht ändert, müssen sie wieder auf die Tagesordnung.« Ein Beispiel? Das Verbot, über den Schwangerschaftsabbruch zu informieren, müsse dringend abgeschafft werden. »Der Paragraf 219a ist eine Knebelung der Ärztinnen und Ärzte in der Informationspflicht gegenüber ihren Patientinnen.« Ihre Ansichten hat Ende jüngst erst Demonstranten, Journalisten und Sicherheitskräften vor dem Gießener Amtsgericht entgegen geschmettert und sich auf die Seite der verurteilten Frauenärztin Kristina Hänel gestellt.

»Man muss seine Anliegen laut und deutlich vortragen, manchmal provokant und sehr oft, sonst werden sie nicht gehört«, sagt Ende. »Aber man muss auch damit leben können, was zurückkommt.« Dass die Gegenwehr mittlerweile viel subtiler als früher daherkommt, zeigt, dass Ende und ihre Mitstreiterinnen in den vergangenen Jahren schon einiges erreicht haben.

Info

Kurz nachgefragt

Leben wir in einer gleichberechtigten Gesellschaft?

Brigitte Ende: Wir haben keine Gleichstellung in der Gesellschaft.

Welche weiblichen Vorbilder hatten Sie?

Ende: Meine Mutter, aber auch Freundinnen und Kolleginnen, die sich meine Probleme angehört haben, wenn ich wieder einmal eine Abfuhr bekommen habe.

Welches Gefühl haben Sie bei all den Ehrungen der letzten Zeit?

Ende: Ein bisschen was haben wir bewegt, aber es ist noch viel zu tun.

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