29. August 2018, 10:00 Uhr

Streuobstwiesen

So will eine Initiative Streuobstwiesen im Kreis Gießen retten

Streuobstwiesen sind bedrohte Biotope: Häufig vernachlässigen Eigentümer die Bestände. Eine Initiative im Kreis will das ändern. Selbst über einen Schnaps mit eigener Marke denken sie nach.
29. August 2018, 10:00 Uhr
Sie wollen den Bestand an Äpfeln, Birnen, Zwetschgen und Kirschen am südwestlichen Rand Grüningens sanieren: Ingrid Moser und Fabian Zech (v. r.) von der Landschaftspflegevereinigung Gießen und Pohlheims Erster Stadtrat Ewald Seidler. (Foto: srs)

Schwer und tief lässt eine Reihe von Apfelbäumen die Äste hängen, auf den Streuobstwiesen am südwestlichen Rand von Grüningen. Der Boden ist bedeckt von Obst. Der Sommer war heiß und trocken, die Äpfel fallen etwas kleiner als sonst aus – sind allerdings einige Wochen früher reif. Ewald Seidler, Pohlheims Erster Stadtrat, läuft durch die Wiesen, nimmt mehrere Bäume in Augenschein. »Keiner erntet sie«, sagt er.

Streuobstwiesen drohen an mehreren Stellen im Kreis Gießen nach und nach zu verschwinden. Sie sind bedrohte Biotope. Denn Eigentümer vernachlässigen die Bestände, wohnen zu weit weg oder scheuen die Arbeit, die Obstbäume nun mal machen. In Grüningen soll daran nun ein Projekt etwas ändern. Es setzt öffentliche Gelder zum Naturschutz aus einem Programm zur »Förderung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes« ein, um heimische Streuobstwiesen zu retten. 30 000 Euro stehen der Landschaftspflegevereinigung Gießen zur Verfügung, die das Konzept erarbeitet hat.

Die Streuobstwiesen in Grüningen haben »einen Großteil von ihrem ursprünglichen Umfang und damit von ihrem ökologischen Wert verloren«, sagt Ingrid Moser. Sie ist Geschäftsführerin der Landschaftspflegevereinigung. Zahlreiche Obstbäume seien alt, sagt Moser, Neupflanzungen oder jüngere Bäume eher selten. »Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis der Restbestand der Obstbäume verschwunden ist.«

In diesem und im nächsten Jahr will der Verein daher die Grüninger Streuobstwiesen sanieren. Dabei sollen Obstbäume geschnitten werden, Ablagerungen beseitigt und an Lücken alte heimische Sorten neu gepflanzt werden. Bei den Eigentümern benötigt der Verein auch eine Menge Überzeugungsarbeit. »Nicht jeder Besitzer glaubt uns sofort, dass wir ihren Bestand für sie kostenlos pflegen wollen.«

Ein Ziel ist auch, einzelne Parzellen zur Grünlandpflege zu vermitteln. »Wir wollen den Bestand sichern und zur Erhöhung der Artenvielfalt beitragen«, sagt Landwirtin Moser. Davon profitiere nicht nur der Mensch. »Für viele Tier- und Pflanzenarten sind die Streuobstwiesen ein Zuhause«, beispielsweise für bedrohte Vogelarten wie den Steinkauz und den Gartenrotschwanz.

1421 Bäume gibt es derzeit auf den Grüninger Streuobstwiesen, vor allem Zwetschen, Äpfel und Birnen: Fabian Zech, Mitarbeiter der Landschaftspflegevereinigung, hat das Gelände seit vergangenen Herbst kartiert. Bei der östlichen Hälfte des Areals wolle man nun mit der Sanierung beginnen. Für die zweite Hälfte beantrage man derzeit Gelder. Der Verein hat in den vergangenen Wochen und Monaten die Eigentümer kontaktiert, mit Hilfe der Stadt Pohlheim und des Ersten Stadtrats Seidler. Ein schwieriges Unterfangen. »Einige wissen gar nicht, dass sie hier Streuobstwiesen besitzen«, berichtet Zech. Ein weiteres Problem ist die Zersplitterung mehrerer Parzellen, beispielsweise durch Vererbung in der Vergangenheit. »Das eine oder andere Grundstück hat zehn Eigentümer«, erklärt Moser. Das Interesse an dem Projekt unter den Besitzern sei inzwischen aber hoch.

Ein ähnliches Projekt hat die Landschaftspflegevereinigung auch in Reiskirchen entlang des Bersröder Hohlwegs angestoßen. Derzeit sammelt der Verein Rückmeldungen, um ein Konzept zum Schutz der Streuobstwiesen zu erstellen. Das Gebiet besteht aus 700, überwiegend älteren Hochstamm-Obstbäumen, auch dort finden sich Neupflanzungen nur sehr vereinzelt. Es handelt sich zum überwiegenden Teil um Apfel- und Pflaumenbäume.

In Grüningen haben die Parzelleneigentümer nun die Chance, die Hilfe zur Sanierung ihrer Flächen in Anspruch zu nehmen und so den Zustand ihrer Streuobstflächen zu verbessern. Insbesondere durch die Neupflanzungen werde einem Totalverlust des Streuobstgebietes effektiv entgegengewirkt, sagt Moser. Dreijährig und auf Sämlingsgrundlage werde gepflanzt, erklärt die Landwirtin. Alte und heimische Sorten sollen dabei zum Zug kommen, man werde mit jedem Besitzer sprechen. »Ein Granny Smith wird hier nicht gepflanzt werden«, versichert sie. Zech ergänzt: »Der Bestand soll nur ergänzt, nicht ersetzt werden. Alte Bäume werden nicht gefällt.«

Seidler bedauert unterdessen: »Die Leute haben kein Interesse mehr an Obst.« Der Erste Stadtrat erinnert sich, dass vor 20, 30 Jahren an den Grüninger Streuobstwiesen einst eine Annahmestelle für Zwetschen war. »Die Leute haben damit Schnaps gebrannt.« Um die Attraktivität der Obstwiesen zu erhöhen, seien Ideen notwendig, sagt Moser. Denkbar seien auch ein Saft oder ein Schnaps – unter einer eigenen Marke der Gemeinde.

Seidler muss nicht lange überlegen – und hat gleich einen Namen parat: »Grüninger Limesbrand«. Kurz darauf hält er inne und lächelt: »Den Namen müssen wir uns sofort schützen lassen.«

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