08. November 2018, 13:42 Uhr

Schicksalsschlag

»Sieht schlecht aus, Mama...« - Climbacher seit Unfall querschnittsgelähmt

Für Kevin Sari aus Climbach ändert sich am 18. März 2011 alles, ein Unfall stellt sein Leben auf den Kopf, zerstört Pläne, Träume, Hoffnungen. Kevins Mutter erzählt die Geschichte ihres Sohnes.
08. November 2018, 13:42 Uhr
Dieser Unfall veränderte das Leben von Kevin Sari aus Climbach radikal. Seit diesem Tag im März 2011 ist der heute 27-Jährige querschnittsgelähmt und kämpft gegen viele weitere gesundheitlich bedingte Einschränkungen. (Archivfoto: kan)

Der 18. März 2011 ist für die meisten Menschen in Allendorf (Lumda) und in Buseck ein Tag wie viele andere. Für Kevin Sari aus Climbach verändert dieser Tag aber alles, stellt sein Leben auf den Kopf, zerstört Pläne, Träume, Hoffnungen.

Das Wetter ist wenig frühlingshaft an diesem Freitag im März. Es riecht eher nach Herbst. Leichter Nebel behindert die Sicht, Nieselregen macht die Straßen rutschig. Kevin trifft sich mit einem Freund, sie möchten chillen, gemeinsam abhängen und ins Wochenende starten. Ein weiterer junger Mann kommt dazu. Der Freund möchte seine neue Musikanlage zeigen.

Kevin will erst nicht mitfahren, dann aber doch. Er sitzt hinten. Der Freund fährt flott als plötzlich vor ihnen ein weiteres Auto auftaucht. Der junge Mann am Steuer versucht auszuweichen. Das gelingt nicht, er verliert die Kontrolle über das Auto, der Wagen überschlägt sich.

 

Dramatische Folgen

In dieser Zeitung wurde wie folgt darüber berichtet: »... Während der Fahrer aus Beuern nur leicht verletzt wurde, mussten der Beifahrer, ein 27-Jähriger aus Hadamar, und ein 19-Jähriger as Allendorf-Climbach, der auf der Rückbank gesessen hatte, von den etwa 30 Kräften der Busecker Feuerwehr aus dem Auto befreit werden. Sie wurden schwer verletzt in Krankenhäuser gebracht.«

Für Kevin hat der Unfall dramatische Folgen. Im Krankenhaus in Gießen wird man feststellen, dass ein Wirbel im oberen Bereich des Rückens gebrochen ist. Der 19-Jährige ist von der Brust abwärts gelähmt, die Arme kann er noch bewegen, die Finger aber nicht. Nur ein schwacher Trost.

»Aber viel besser als nichts«, sagt seine Mutter Ute Sari. Kevin wird nach Bad Wildungen verlegt, dort gibt es eine Klinik zur Behandlung von Querschnittslähmungen. Drei Monate liegt der junge Mann im Koma. Aber es ist klar, dass er aufwachen wird.

 

Gute und schlechte Tage

Mutter Ute fürchtet sich vor diesem Tag, denn sie erinnerte sich an ein Gespräch zu Hause am Küchentisch in Climbach. Damals hatte die Familie Sari von einer jungen Frau gehört, die ebenfalls nach einem Unfall mit einer Querschnittslähmung leben muss.

Ute Sari erzählt von dem Gespräch: »Kevin hat damals gesagt, ›wenn mir so was passiert, will ich lieber sterben‹.« Ute Sari hat Tränen in den Augen, schaut aus dem Fenster, dann sagt sie: »Ich habe ihm entgegnet: ›Das kannst du doch so nicht denken.‹ Er antwortete: ›Das wäre kein Leben mehr für mich‹.« Ute Sari schweigt, dann sagt sie leise: »Da sitzt man da und hat zermürbende Gedanken.«

Kevin reagierte aber ganz anders als befürchtet. »Als er wach wurde und ihm klar war, was mit ihm ist, da sagte er mit fragendem Blick: ›Sieht schlecht aus, Mama ...‹ Ich habe ihm geantwortet: ›Ja, nicht so gut.‹ Er: ›Dann muss ich mein Leben wohl umstellen.‹ Und so hat er es dann auch gemacht.«

Ute Sari erzählt eine Geschichte von guten und schlechten Tage, von Freude und Schmerz, von neuer Hoffnung und von vielen Rückschlägen. Vor dem Unfall hatte Kevin sein Abitur gemacht. Er hatte viele Freunde (nur wenige, ganz treue, sind geblieben), war beliebt, hilfsbereit und immer freundlich. »Er steckte voller Tatendrang«, sagt Ute Sari.

Kevin war musikalisch, spielte in einer Band, sang wie auch fast die gesamte Familie Sari im Chor Regenbogen in Londorf. Er spielte Klavier und Schlagzeug. Im Herbst vor seinem Unfall hatte er begonnen, Musik zu studieren.

 

Immer wieder gesundheitliche Einschränkungen

Mutter Ute hat ihn im Krankenhaus gefragt, wo und wie er wohnen möchte, wer ihn pflegen soll. Kevin wollte zurück nach Hause und wünschte sich, dass seine Mutter ihn betreut. »Ich hatte ihm das auch angeboten«, sagt sie. Das Haus wurde umgebaut.

»Ich hatte ein gutes Einkommen«, sagt Ute Sari. »Das Geld fehlt uns jetzt. Die Krankenkasse zahlt ja nicht alles.« Vor allem die langen Krankenhausaufenthalte sind teuer. »Wir brauchen ein größeres Auto, damit wir Kevin mit seinem elektrischen Rollstuhl fahren können.« So freut sich die Familie sehr darüber, dass der Chor Regenbogen am Sonntag ein Benefizkonzert für Kevin veranstaltet.

Als er wieder zu Hause ist, setzt Kevin alles daran, sein Leben neu zu ordnen. Er nimmt sein Studium wieder auf, aber nach einiger Zeit ist klar: Es geht nicht mehr.

Kevin lässt sich beraten, beginnt schließlich eine Lehre als Bauzeichner, legt seine Zwischenprüfung mit Bravour ab. »Er schaffte es irgendwie, den Stift zu halten und zu führen«, sagt Ute Sari stolz. »Viel wurde da ja dann auch am Computer gemacht.«

Aber dann kommen neue gesundheitliche Einschränkungen, es gibt Probleme mit dem Verdauungstrakt und der Blase. Es folgen immer neue Krankenhausaufenthalte, unzählige Operationen. Seit Wochen hat er starke Schmerzen am ganzen Körper.

 

Warum nicht mal was Gutes

Noch wurde kein Mittel dagegen gefunden. In Lich soll er nun auf Methadon eingestellt werden. Ob es hilft, weiß niemand. »Momentan liegt er nur im Bett«, sagt seine Mutter. »Zuletzt hat er gesagt: ›Mama, das ist wirklich kein Leben mehr.‹« Aufgegeben hat sich Kevin aber nicht. »Er hofft, dass Hilfe möglich ist. Und Kevin ist ein Kämpfer«, sagt seine Mutter.

Kevins Lieblingslied im Chor ist »Heilig ist der Herr«. Darin ist von Wundern und von der Liebe die Rede. Liebe empfängt und gibt Kevin jeden Tag. Fehlt noch ein Wunder. Warum nicht. Es passiert so viel. Warum nicht mal was Gutes...

Info

Ein Benefizkonzert für Kevin

»Im Auftrag des Herrn« ist der Titel eines Benefizkonzertes für Kevin Sari mit dem Chor Regenbogen (Londorf) am Sonntag, 11. November, um 16 Uhr in der Kirche in Grünberg-Weickartshain. Kevin und seine Familie sind Mitglieder des Chores. Die Veranstalter hoffen nun auf zahlreiche Besucher, damit eine hoffentlich beachtliche Spendensumme für Kevin zusammenkommt.

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