21. Juli 2018, 18:00 Uhr

Kultmoderatorin

Sie hatte sie alle auf der Bühne – Uschi Nerke kommt nach Wettenberg

Uschi Nerke (74) war die Kultmoderatorin von »Beat-Club« und »Musikladen«. Mittlerweile heißt sie Nerke-Petersen. Kommenden Samstag sieht sie bei den »Golden Oldies« ihr erstes Auto wieder. Im Interview spricht sie über Musiker und ein kurioses Erlebnis mit ihrem Wagen.
21. Juli 2018, 18:00 Uhr

Am kommenden Wochenende feiern Sie in Wettenberg ein Wiedersehen mit Ihrem ersten Auto. Was war es denn für eins?

Uschi Nerke-Petersen: Das war ein Käfer! Und ich glaube, es ist wohl der einzige, auf dem jemals ein Heißluftballon gelandet ist.

Wie ist das denn passiert?

Nerke-Petersen: Ich war damals in Bremen mit Freunden an der Weser zum Baden. Der Strand war sehr klein, daneben war eine riesige Viehweide, dann kam ein Zaun und dahinter stand mein Auto. Plötzlich sagten alle »Oh, guck mal, da ist ein Ballon!« Der kam immer näher und auf einmal machte es »Hui!« – Dann stand der Käfer nicht mehr in der Richtung, in der ich ihn geparkt hatte. Der Ballon hatte ihn einmal gedreht!

Oh je, war er danach noch fahrtüchtig?

Nerke-Petersen: Ja, es war alles okay. Das Auto fuhr hinterher noch.

Verbinden Sie noch mehr als diese kuriose Anekdote mit dem ersten Auto?

Nerke-Petersen: Ja, auf jeden Fall. Es war Freiheit für mich. Sie müssen bedenken, ich hatte damals in Bremen in der Schule kein Geld, um etwa nach Hamburg zu fahren. Das war unglaublich weit und teuer. Damals ging die wonnige Zeit mit dem Starclub los und alle konnten hin, bloß Nerke nicht. Aber was soll’s, es hat sich alles ergeben, und ich habe alles nachgeholt.

Dann freuen Sie sich sicherlich auf das Wiedersehen in Wettenberg.

Nerke-Petersen: Ja, selbstverständlich. Es ist natürlich etwas anderes als die heutigen Autos, aber damals hat das für mich schon wahnsinnig viel bedeutet.

Welches Auto fahren Sie denn heute?

Nerke-Petersen: Einen weißes 200er Mercedes Cabrio. Ich glaube, so heißt das Modell. Das Fahren macht Spaß, mein Auto ist ein feines Kerlchen. Wenn es mir gut geht, geht es ihm auch gut, dann kriegt es einen Streichler und ein Lob von mir.

Haben Sie ihm einen Namen gegeben?

Nerke-Petersen: Nein, ich sage nur »Hey Du, ich bin wieder da«.

Vom ersten Auto zu Ihrer ersten Platte. Können Sie sich daran erinnern?

Nerke-Petersen: Ja, klar! Meine erste Platte war Elvis. Ich fand den so toll. Ich liebe ihn heute immer noch. Er hatte eine Wahnsinnsstimme. Da müssen sich unsere heutigen Jungs wirklich anstrengen. Ich weiß noch, wie ich mich mit Freunden in Bremen im Park getroffen hatte, mit Kofferradio unterm Arm und einem Schallplattenspieler dazu. Das war unglaublich schön.

Das einzige, was ich bedauere, ist, dass ich nie die Beatles und die Rolling Stones getroffen habe

Uschi Nerke-Petersen

Sie haben von 1965 bis 1972 den »Beat-Club« moderiert. Sie müssen sich gut mit Musik auskennen.

Nerke-Petersen: Das war nicht immer so. Ich hatte am Anfang von Musik überhaupt keine Ahnung. Woher sollte ich die auch haben, ich hatte kein Geld, um mir Platten zu kaufen. Dafür brauchte ich Mike Leckebusch (Er konzipierte das Format, Anm. d. Red.) . Ich weiß noch, wie wir vor seinem Plattenspieler auf dem Fußboden saßen und die Musiker ausgesucht haben. Er hat mir erzählt, was ich wissen musste. Wir sind auch übers Land gefahren und haben nach Bands gesucht.

Chuck Berry, The Kinks, Sonny und Cher, Deep Purple, Santana und, und, und. Sie waren mit so vielen Musikgrößen im Studio.

Nerke-Petersen: Ja, einen hab ich vor gar nicht so langer Zeit in Wuppertal getroffen: Albert Hammond. Er ist genauso geblieben wie er früher war. Kein Spinner, nicht überkandidelt. Er ist einfach ein natürlicher, offener und sympathischer Typ geblieben.

Sie haben Kontakt gehalten?

Nerke-Petersen: Ja, und zwar gibt es dazu eine wunderschöne Geschichte. An den »Beat-Club« schloss sich damals nahtlos der »Musikladen« an. Es war im Frühjahr 1973, wir saßen alle in der Tontechnik und unterhielten uns über Hammond, der in die Sendung kommen sollte. Wir fragten uns wie er wohl drauf ist, er hatte ja einen Riesenerfolg. Auf einmal flog die Tür auf und da stand ein Typ. Der riss beide Hände hoch und sagte: »Boah ist das schön, wieder bei euch zu sein!« Wir fragten uns, ob er uns meint? »Erkennt ihr mich denn nicht mehr«, hat Hammond daraufhin gefragt. Wir: »Nee, müssen wir?« »Ja«, sagte er, »ich war viermal bei euch im Beat-Club mit Family Dogg. Der rechts außen, mit dem kleinen Bart, und dem Hut, der war ich.« Das war lustig.

Sind Sie denn auch heute noch auf Bühnen unterwegs?

Seit 2003 verewigen sich Promis aus Sport, Kultur und Wissenschaft in der Bremer »Mall of Fame«. Seit 2015 ist auch Uschi Nerke-Petersen und ihr damaliger Moderationspartner Gerd Augustin dabei.
Seit 2003 verewigen sich Promis aus Sport, Kultur und Wissenschaft in der Bremer »Mall of ...

Nerke-Petersen: Ja, aber so, dass es nicht wehtut, man aber noch dabei ist. Ich habe zwei Musiker, die Flower Power Men, zwei Stimmen, zwei Gitarren, das ist die beste Band der Welt. Seit 3,5 Jahren machen wir gemeinsam Auftritte. Die beiden spielen alte Songs und ich erzähle dazu Geschichten von damals, wie es mit den Musikern war.

Gab es damals auch Bands, bei denen Sie froh waren, dass der Auftritt vorbei war?

Nerke-Petersen: Nein, bei uns haben sich alle gut benommen. Das einzige, was ich bedauere, ist, dass ich nie die Beatles und die Rolling Stones getroffen habe. Sonst hatte ich sie alle.

Sie hatten sie alle?

Nerke-Petersen: Ich war mal in einer Live-Sendung zu Gast. Da fragte mich der Moderator: »Uschi, sag mal ganz ehrlich: Du hattest sie alle, nicht wahr?« Ich war kurz davor, knallrot zu werden, aber dann habe ich gesagt: »Ja, ich hatte sie alle – auf der Bühne!« Die Bands haben sich ja auch Mühe gegeben, zu uns zu kommen. Damals wussten nämlich auch die Plattenfirmen, was mit unserer Sendung alles anzurichten war.

Sie waren 21 Jahre alt, als sie anfingen zu moderieren. Sie trugen Minirock, Stiefel, toupierte Haare – das war für damals ziemlich rebellisch. Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

Nerke-Petersen: Meine Eltern fanden das super. Die sagten: Mach es! Bei der ersten Sendung – auch schon bei den Proben – war mein Vater sogar mit meinem kleinen Bruder dabei. Unsere Sendung war überhaupt rebellisch. Dummerweise wurde sie auch noch am Samstagnachmittag ausgestrahlt – und da lief ja Fußball. Aber mit der Zeit hat sich das verdammt gut geregelt. Da ging der Vater Müller zu Vater Maier und die haben Fußball geguckt und die Kinder Maier sind zu den Kindern Müller und haben Beat-Club geguckt.

Und woher hatten Sie damals die Klamotten?

Nerke-Petersen: Die habe ich mir damals selbst genäht, es gab ja nichts zu kaufen hier. Ich war froh, dass mir meine Mutter das Nähen beigebracht hatte. In den vergangenen Jahren habe ich sogar erfahren, dass sich viele junge Mädels meine Kleider damals nachgeschneidert haben.

Musikfernsehen ist heute nicht mehr »in«. MTV wurde eingestellt, VIVA gibt es nur noch bis Ende des Jahres. Bedauern Sie diese Entwicklung?

Nerke-Petersen: Das passiert, weil man überall Musik hören und finden kann. Sie kommt mittlerweile in allen Sendungen vor. Damals gab es ja nur drei Fernsehsender. Das ist heute anders, es gibt genügend Möglichkeiten. Es ist schade – aber was soll’s. So ist die Entwicklung nunmal.

INFO

Von Hans Hee entdeckt und Rudi Carrell empfohlen

Uschi Nerke wurde der breiten Masse ab 1965 bekannt, als sie anfing, den »Beat-Club« im Fernsehprogramm von Radio Bremen zu moderieren. Ihre Karriere in der Musikbranche begann aber schon früher: In einem Jugendtreff in Bremen, wo sie mit einem Freund musizierte und ab und an in Altersheimen auftrat, wurde sie von Hans Hee entdeckt. »Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, zwei Titel zu singen und aufzunehmen, die er geschrieben hatte. Da sagte ich zu und plötzlich hatte ich dann vier, fünf Fernsehauftritte.« Eines Tages war Rudi Carrell in Bremen und bereitete sich auf seine Show vor. »Dabei durften keine großen Nebenkosten entstehen«, erzählt Nerke-Petersen, deswegen wurden Musiker aus der Nähe zum Casting eingeladen. Auch Nerke-Petersen bekam eine Chance. Für den Auftritt bei Carrells Show reichte es zwar nicht, doch er schlug sie dem Produzenten Michael Leckebusch als Moderatorin für den »Beat-Club« vor: »Carrell sagte zu Mike: ›Bei mir kann sie nicht singen, aber ich glaube, bei dir kann sie reden.‹« (kgg)

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