30. Juli 2018, 13:00 Uhr

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Seenbrücke: Die geteilte Siedlung

Gerade mal drei Dutzend Häuser, zur Selbstständigkeit hat es nie gereicht. Dennoch war Seenbrücke für die Umgegend prägend. Um ein Haar wäre es gar das Zentrum einer eigenen Gemeinde geworden.
30. Juli 2018, 13:00 Uhr
Der linke Teil der Siedlung gehört nach Weickartshain, der rechte Teil zu Lardenbach. Die verbindende Brücke wird derzeit saniert – auf diesem Foto sind die Bagger aber noch nicht angerückt. (Foto: Henß)

Wären manche Dinge anders verlaufen, hätte der Landkreis Gießen eine Kommune mehr. Diese hätte Seenbrücke oder Seenbachtal gehießen – und das Zentrum wäre mit Glück mitten in Seenbrücke gewesen. Dann wäre hier vielleicht das Rathaus für Weickartshain, Lardenbach, Klein-Eichen und Stockhausen errichtet worden. Der kurze Traum während der Gebietsreform hat sich aber nicht erfüllt: Alle diese Orte gehören heute zu Grünberg. Dennoch war Seenbrücke über viele Jahrzehnte hinweg für die umliegenden Orte sehr wichtig. Und das nicht nur, weil hier eine Brücke über den Seenbach führt.

 

Historisch junger Ort

 

Der Ort ist recht Jung. Im Historischen Ortslexikon des Landes Hessen wird Seenbrücke als Gewerbesiedlung innerhalb der Gemarkung Weickartshain geführt. Die Siedlung hat nicht einmal einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Vielleicht auch, weil ihre Hochzeit schon ein halbes Jahrhundert zurückliegt.

1901 begann der Bau der Bahnstrecke zwischen Mücke und Hungen. In Seenbrücke wurde 1903 ein Bahnhof errichtet. Von hier aus sollte vor allen Dingen das Eisenerz aus den Gruben rundherum per Bahn abtransportiert werden. In den 1930er Jahren wurde hier soviel Erz verladen, dass südlich des Bahnhofs zwei weitere Gleise mit Erzschütte und Gleiswaage eingerichtet wurden. Rund um den Bahnhof entwickelte sich langsam Seenbrücke. Zunächst waren es nur eine handvoll Häuser. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zu einer größeren Siedlung. Viele Vertriebene ließen sich dort nieder. Entlang der Bergwerkstraße und der Sudetenstraße bauten sie neue Häuser.

 

Exporte nach ganz Europa

 

Erich Golz, seit vielen Jahrzehnten für diese Zeitung Berichterstatter aus Weickartshain, kennt die Geschichte von Seenbrücke sehr gut. Er hat einige Jahre dort gelebt. In den 1950er Jahren gab es in Seenbrücke eine Vielzahl von Geschäften und Betrieben, erinnert er sich. Neben der Weberei in dem großen Fachwerkbau an der Vogelsbergstraße wurde auch in vielen Haushalten gewebt. Gegenüber des Bahnhofs lieferten die Bauern aus dem Umland bei der Molkerei ihre Milch ab. Für Lebensmittel sorgten eine Metzgerei und ein Kolonialwarengeschäft. In einem weiteren Laden gab es Zeitschriften und Kleinkrams für den Haushalt.

Besucher, auch aus größerer Entfernung, zog das Trachtengeschäft Damaschke an. Hier gab es auch einen Waffenhandel. Zudem wurden in Seenbrücke Brutkästen für Hühner produziert, die danach in ganz Europa zum Einsatz kamen. Ebenso weit über die Grenzen des Seenbachtals hinaus bekannt war der Ladenbauer Emde, der Einrichtungen für Juweliere und Optiker herstellte. Beliebteste Adresse für die Bergleute der Gruben war allerdings die Gaststätte im Dorf. Am Zahltag achteten die Frauen daher genau darauf, dass ihre Männer mit der Lohntüte direkt nach Hause kamen und nicht noch einen Umweg nahmen.

 

Mit den Skiern zum Bahnhof

 

Ansonsten ging es recht gemütlich zu. Der Schaffner etwa kannte so gut wie alle Leute, die hier mit dem Zug abfuhren. Das waren bei Weitem nicht nur die Menschen aus Seenbrücke oder Weickartshain. Bis aus Sellnrod kamen die Reisenden zum Bahnhof – im Sommer mit dem Fahrrad, im Winter mit Skiern. Golz erinnert sich noch sehr gut, wie Skier und Stöcke in einem Hof gegenüber des Bahnhofs gesammelt standen.

Seine Frau hatte einmal ihr Zugfahrkarte Zuhause vergessen, was ihr erst beim Einsteigen auffiel. Der Schaffner sagte daraufhin: »Lauf schnell nach Hause und hol sie, wir warten so lange.« Sprach’s und tat es. Übrigens: Auch wenn man zu dieser Zeit sehr vieles in Seenbrücke bekam – ein Fahrticket nach Frankfurt war nicht erhältlich. Der Bahnbeamte am Schalter wusste wohl nicht, wie man dieses ausstellen musste. Aber wozu gab es Kollegen? »Ich geb dir erstmal einen Fahrschein nach Mücke« – am nächsten Bahnhof gab es dann das ersehnte Ticket.

 

Die Siedlung kann sich heute mit Berlin vergleichen

 

Als die Bergwerke ausgebeutet waren, dauerte es nicht mehr lange, bis auch die Bahnstrecke verschwand. Bereits 1960 waren die Gleise demontiert. Nach und nach schlossen die Geschäfte, die Molkerei, die Weberei. Heute ist Seenbrücke fast ein reiner Wohnort geworden. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude des Bergwerks entstand 1954 eine Katholische Kirche.

Derzeit kann sich die Siedlung aber mit Berlin vor 1989 vergleichen: Sie ist geteilt. Denn die Brücke über den Seenbach ist abgerissen, sie soll bis Ende des Jahres neu gebaut werden. Auch danach bleibt eine Teilung bestehen: In »hibb de Bach« und »dribb de Bach«. Denn die Häuser auf der westlichen Bachseite gehören zu Weickartshain, die auf der östlichen zu Lardenbach. Und das hat Folgen: Die Kinder vom Westufer gingen früher nach Weickartshain, die vom Ostufer nach Lardenbach auf die Schule. Auch bei Wahlen ist das so. Selbst dafür, auf welchem Friedhof man landet, ist die Uferseite entscheidend.

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