17. Oktober 2018, 17:00 Uhr

Legendäre Disco

Schlammcatchen, Mopeds auf der Tanzfläche und Busenwiegen: So liefen die Nächte im »Day and Night« in Pohlheim

Wenn das ehemalige »Day and Night« in Garbenteich wieder für einen Abend öffnet, werden Erinnerungen an herzlich-deftige Abende wach.
17. Oktober 2018, 17:00 Uhr
Hunderte Gäste besuchen die Revival-Abende (Foto: srs)

So manche Familie in Pohlheim und in der Umgebung existiert nur, weil es das »Day and Night« in Garbenteich gab. Unzählige Paare haben sich in der Diskothek kennengelernt, die später auch die Namen »Zick Zack« und »Fun« trug. Und der ein oder andere Nachwuchs wurde gleich an Ort und Stelle gezeugt – hinter dem alten Vorhang oder im Dunklen neben dem DJ-Pult.

Und plötzlich war ein Ziegenbock auf der Tanzfläche

Henni, Stammgast

»Unvergessliche Abende habe ich hier erlebt«, sagt Henni. Der 51-Jährige blickt um sich. Bilder an Schlammcatchen, Busenwiegen und Wettsaufen werden wach. »Einmal hat Hartmut, der Gastwirt, beim Wetttrinken Milch statt Bier in die Drei-Liter-Gläser gefüllt. Ich habe noch nie so viele Leute kotzen sehen.«

Hartmut Maid ( l., mit Frau Cornelia) rief die Disko Mitte der 70er ins Leben.
Hartmut Maid ( l., mit Frau Cornelia) rief die Disko Mitte der 70er ins Leben.

Es ist Samstagabend. Journeys »Don’t stop believin’« erklingt. Dicht gedrängt bewegen sich die Gäste auf der Tanzfläche vor einer Spiegelwand, heben die Arme und singen mit. Dreimal im Jahr lebt das Tanzfieber in Garbenteich wieder auf, wenn die in der Silvesternacht auf das Jahr 2000 geschlossene Diskothek für eine Nacht wieder die Pforten öffnet. Henni sitzt mit alten Freunden an einem Tisch. Er ist nur für diesen Abend aus Cuxhaven nach Pohlheim gereist. »Alte Gesichter wieder sehen«, sagt er und erzählt: Mit 15 Jahren sei er zum ersten im »Day and Night« gewesen. »Ich habe mich hineingetraut. Und bin hängengeblieben.«

 

Gaul passte nicht durch den Eingang

Die Disco existierte ab Mitte der 70er Jahre in Garbenteichs Zentrum für 25 Jahre. Hartmut Maid und sein Bruder planten zunächst nur, aus einem Kartoffelkeller unter der Gaststätte »Zum Grünen Baum« einen Partyraum einzurichten. Die Idee schlug aber voll ein. Hartmut Maid, damals Anfang 20 und Lehramtsstudent, baute den Keller mehrfach um – und lockte an so manchem Abend mehr als 800 Menschen in das »Day and Night«.

Viele Legenden ranken um die Diskothek, als Asbach-Cola eine Mark kostete. Gäste bretterten mit dem Moped nach unten und sausten über die Tanzfläche. Eine Gruppe klaute das Pferd vom Bauern nebenan, schaffte es aber mit dem Tier nicht in den Keller, weil der Gaul nicht durch den Eingang passte.

Cornelia Maid (M.) führt die Tradition weiter, unterstützt von ihren Töchtern Christina (l.) und Nadine (r.),
Cornelia Maid (M.) führt die Tradition weiter, unterstützt von ihren Töchtern Christina (l...

Bei allen Geschichten scheint immer wieder durch: Deftig ging es bisweilen zu und wild. Die Atmosphäre war indes immer familiär. Das lag vor allem an Hartmut Maid. Gebeugt stand er oft am Tresen, die Hände gekreuzt auf dem Zapfhahn gelehnt. Mit großem Geschäftssinn führte er die Geschicke der Diskothek – und gleichzeitig freundschaftlich, aufgeschlossen und herzlich gegenüber den Gästen. Und die letzte halbe Stunde jeden Abend gehörte ihm. Der DJ legte dann Hard Rock für Hartmut Maid auf – AC/DC oder Van Halens »Jump« röhrten dann durch den früheren Kartoffelkeller.

 

Asbach-Cola für eine Mark

Henni, der 51-Jährige aus Cuxhaven, tauscht mit Freunden Erinnerungen aus. »Einmal haben wir ›Wetten dass..?‹ nachgespielt«, sagt er. Er habe gewettet, eine Ziege in der Disco zu melken. »Plötzlich stand da aber ein Ziegenbock auf der Tanzfläche.«

Anfangs, erzählt sein Freund, hätten die Gäste im »Day and Night« auch klassisch Discofox und Foxtrott getanzt. »Viele US-Amerikaner waren unter den Besuchern.« Die US-Militärpolizei habe bisweilen auch Razzien unter den Amerikanern durchgeführt, die GIs mussten sich dann draußen aufstellen.

Am 3. November öffnet die frühere Garbenteicher Disko wieder für einen Abend.
Am 3. November öffnet die frühere Garbenteicher Disko wieder für einen Abend.

Zwei Tische weiter sitzt Susanne Wächter. Sie habe in der Disco früher gekellnert, erzählt sie. »Und ich habe hier auch meinen Mann kennengelernt.« Sie schmunzelt. »Ich habe ihm immer den besseren Cognac gegeben.« Die beiden sind noch heute glücklich verheiratet, haben zwei erwachsene Söhne. Wächter erinnert sich auch an eine Oben-ohne-Party. »Drei Mädels waren auf der Tanzfläche. Ich habe nie wieder so viele Männer hier gesehen.«

 

Familie führt Tradition fort

Dorfdiskotheken sind inzwischen bundesweit nahezu ausgestorben, große Partytempel begannen sie bereits während der 80er Jahre abzulösen. Das Ende des »Fun«, wie die Garbenteicher Disco zuletzt hieß, läutete Hartmut Maid allerdings selbst ein. Ende der 90er Jahre übernahm er von seinen Eltern den Familienbetrieb »Zum grünen Baum«, ein Gasthof mit Hotel. Und beides gleichzeitig zu führen war nicht zu leisten.

Auf Drängen früherer Stammgäste führte Hartmut Maid vor zehn Jahren Revival-Abende ein. 2016 verstarb er. Das Herzblut steckt nun seine Frau in seinem Geist weiterhin in den Gasthof und in die Disco. Wer sie und ihre beiden Töchter beobachtet, wie sie am Tresen mit den Gästen plaudern, erkennt: Ganz so deftig wie einst geht es nicht mehr an den Garbenteicher Disco-Abenden zu. Aber genauso herzlich.

Info

Die nächsten Revival-Abende

Ehemalige Stammgäste der Garbenteicher Diskothek schlossen sich vor rund zehn Jahren im Internet mit dem Ziel zusammen, Hartmut Maid zu überreden, das »Fun« für eine Revival-Party zu öffnen. Und es gelang ihnen. Über 400 Besucher kamen damals, um auf alte Zeiten anzustoßen. Am 3. November laden die Maids zu einer 90er-Jahre-Party, am 1. Dezember heißt es: Schlager meets Discofox.

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