30. August 2018, 18:45 Uhr

Waschbären

Schießen? Fangen? Schonen? Jäger beraten in Grünberg

Unter Protest von Tierschützern haben Jäger in Grünberg diskutiert, wie sich der Vormarsch der Waschbären eindämmen lässt. Die Waidmänner fordern mehr Freiheit – und wettern gegen die Grünen.
30. August 2018, 18:45 Uhr

Von Jonas Wissner , 1 Kommentar
Die Jäger im Visier: Vor der Diskussionsrunde der Jägervereinigung in Grünberg demonstrieren Tierschützer an der Gallushalle. (Foto: jwr)

Zunächst sind hier die Jäger das Ziel. »Blut an euren Händen! Schande, Schande, Mörderbande!«, brüllen Demonstanten mit hasserfüllten Mienen den Waidmännern entgegen, während diese die Gallushalle betreten.

Zusammenstöße gibt es nicht, doch die Jäger müssen einen verbalen Spießrutenlauf in Kauf nehmen. Viele haben für die Aktivisten nur verächtliches Grinsen übrig.

Bevor sich drinnen Experten und Politiker auf Einladung der Jägervereinigung Oberhessen darüber austauschen, wie man mit der sprunghaften Verbreitung eingewanderter Arten wie dem Waschbär umgehen sollte, machen draußen einige Dutzend Menschen ihrem Unmut Luft. Eine Handvoll Tierschutzorganisationen hatte zu der Demo aufgerufen.

Die Jäger fühlen sich als Raubtier-Ersatz

Tierschutz-Aktivistin in Grünberg

»Der Waschbär macht vielleicht an Gebäuden Schäden, bedroht aber keine geschützten Arten«, sagt eine Frau. Auf dieser Seite ist man sich einig: Das Ansinnen der Jäger, die Schonzeiten für Waschbären in Hessen wieder abzuschaffen, müsse verhindert werden. Viele sind der Ansicht, dass der Mensch überhaupt keine Tiere töten solle, »die Jäger fühlen sich als Raubtier-Ersatz«.

 

"Ein Häuflein verirrter Geister"

Vor dem Eingang, hinter den Rücken der Polizei, betrachten die Demonstration aus sicherer Distanz. »Das ist ein Häuflein verirrter Geister, diese Parolen nutzen gar nichts«, kommentiert Helmut Nickel, Vorsitzender der Jagdvereinigung Oberhessen. »Der Waschbär ist nicht ohne, das ist ein bitterböser Räuber – und sehr geschickt.« Es gehe den Jägern nicht darum, »irgendwelche Tierarten auszurotten, sondern Arten zu schützen, die wirklich in Gefahr sind«.

Der große Saal wird derweil voller und voller, die Gäste kommen nicht nur aus Mittelhessen. Jägergrün allenthalben. Man kennt sich, begrüßt sich mit »Waidmanns Heil!«. Bei einer ähnlichen Veranstaltung vor Jahren waren die Jagdkollegen draußen mit Hörnerklang begrüßt worden.

Diesmal, berichtet Nickel, habe man nicht symbolisch zur Jagd geblasen, um die Demonstranten nicht zu provozieren. Die Jagdhörner werden erst drinnen ausgepackt.

 

Konsequente Bejagung gefordert

Die Referenten machen den Anfang. Über allem schwebt die Frage, wie mit Prädatoren, also Räubern wie Marder und Waschbär, umzugehen sei, und wie Rebhühner und andere bedrohte Arten sich effektiv schützen lassen.

Ein Berufsjäger berichtet von seinen Erfahrungen aus der Rhön. Dort hätten sich die Birkhuhnbestände wieder erhöht – auch, weil in den Revieren Raubwild konsequent bejagt worden sei.

»Die Jagd ist ein wichtiges Instrument des Wildtiermanagements«, sagt der Zoologe Prof. Hans-Dieter Pfannenstiel, und ohne Jagd könne es auch keine Landwirtschaft geben.

Danach steht ein Jäger aus Niedersachsen am Pult. In seinem Revier seien besonders viele Waschbären im Frühsommer gefangen worden – also dann, wenn sie in Hessen durch die Schonzeit geschützt seien. Die Fallenjagd sei das Mittel der Wahl.

 

CDU-Vertreter fehlt

Dann sind die Politiker an der Reihe. Auf dem Podium sitzen die jagdpolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen. »Wir haben alle eingeladen, die bisher an der Jagdpolitik beteiligt waren«, sagt Gastgeber Nickel. Die Linke ist nicht vertreten.

Und ebensowenig die CDU. Ex-Staatssekretär Dr. Walter Arnold hatte zugesagt, nun fehlt er. Nickel versucht, ihn auf dem Handy zu erreichen – vergeblich. Nun muss Ursula Hammann (Grüne) den Kurs der Landesregierung allein vertreten.

FDP-Landesvorstandsmitglied Wiebke Knell umwirbt die Jäger. Sie würde die Schonzeit für Waschbären in Hessen gern wieder abschaffen: »Waschbären zerstören Eigentum, dieser Aspekt kommt mir zu kurz.« Das grün geführte Umweltministerium mache »außer bei Biolandwirten eine Politik des Misstrauens gegen alle beteiligten Gruppen«. Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Heinz Lotz will »die Waschbärjagd konsequent fortführen.«

 

Jäger schießen sich verbal auf die Grünen ein

Das Publikum wendet sich vor allem an die grüne Landtags-Vizepräsidentin Hammann. Ihre Haltung: Die intensive Bejagung der Waschbären habe offenbar wenig gebracht und ein Zusammenhang mit dem Rückgang bedrohter Arten sei nicht nachgewiesen. Die meisten »Fragen« an Hammann sind eher getarnte Angriffe. Die Jäger schießen sich auf sie ein, viele reagieren auf ihre Antworten mit höhnischem Johlen.

Ich glaube, dass wir uns zu viel im Klein-klein verlieren

Prof. Michael Lierz

»Ich glaube, dass wir uns zu viel im Klein-klein verlieren«, bekundet Prof. Michael Lierz, der zuvor über sein Gießener Forschungsprojekt zur Fallenjagd referiert hatte. »Wir sollten uns auf Basis wissenschaftlicher Daten austauschen und das Ganze sehen, statt über einzelne Arten zu streiten.« Sein Wort in Waidmanns Ohr.

Info

Das sagt das Umweltministerium

Per Verordnung hat die Landesregierung 2015 eine Schonzeit für Waschbären (März bis einschließlich Juli) eingeführt. In dieser Zeit dürfen sie nicht gejagt werden. Die Anzahl der erlegten Tiere sei aber tendenziell weiterhin steigend, »daran hat auch die Einführung der Schonzeit nichts geändert«, räumt das Umweltministerium auf Anfrage ein. Im Jagdjahr 2017/2018 seien hessenweit mehr als 28 000 Waschbären erlegt worden, mehr als je zuvor. (jwr)

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