16. Juli 2018, 10:00 Uhr

Von oben

Saasen – das Dorf abseits der B 49

Saasen liegt beschaulich ein wenig abseits der viel befahrenen B 49. Aber manche hier lieben es laut und ziemlich schräg.
16. Juli 2018, 10:00 Uhr
Abseits der B 49, dafür mit eigenem Haltepunkt an der Vogelsbergbahn: Saasen. (Foto: Henß)

Zehntausende Autofahrer schauen Tag für Tag auf Saasen. Doch die meisten fahren vorbei. Ein paar hundert Meter trennen den Ort vom großen Pendlerstrom, der zwischen dem Vogelsberg und Gießen unterwegs ist. »Ein beschauliches Dörfchen abseits der B 49,« so bringt es Ortsvorsteher Manfred Schmitt kurz auf den Punkt. Knapp 1200 Leute leben in Saasen, das seit 1970 Teil der Großgemeinde Reiskirchen ist und eigentlich aus zwei Dörfern besteht. Bollnbach, dessen 70 Häuser ein Stückchen weiter oben am Hang liegen, gehört seit eh und je dazu, der geschichtsträchtige Wirberg ebenfalls, und auch der Veitsberg. Dort wirkte im 17. Jahrhundert der in Astronomie bewanderte Dorfschulmeister Conrad Justus, der als »Kalendermann vom Veitsberg« in die Annalen eingegangen ist.

Hier kann sich jeder integrieren

Manfred Schmitt

Was fällt dem Ortsvorsteher als erstes ein, wenn man ihn nach den positiven Seiten von Saasen befragt? »Das rege Vereinsleben, das gute Miteinander«, sagt er. »Hier kann sich jeder integrieren.« Der Gesangverein Eintracht 1892 ist der älteste, der SV Saasen mit rund 440 Mitgliedern der größte Verein. Und der jüngste ist vermutlich auch der lauteste. Die Sääser Gronze Bregg Plärrer, vor noch nicht einmal fünf Jahren gegründet, haben Guggemusik, eigentlich eine Spezialität der alemannischen Fastnacht, in Oberhessen populär gemacht. Ein Mann vom Bodensee, der sich in eine Frau aus Saasen verliebte, hat die schrägen Töne importiert. Die Guggemusik sei mittlerweile gut im Dorf angekommen, meint der Ortsvorsteher.

Das kann man nicht von allen Zugezogenen sagen. Die Projektwerkstatt, vor bald drei Jahrzehnten aus dem radikalen Zweig der Umweltbewegung hervorgegangen, hat in den Neunzigerjahren eine alte Hofreite mitten in Saasen bezogen. Allein optisch ist das bunt bemalte selbsterklärte Widerstandsnest ein Fremdkörper inmitten seiner aufgeräumten Nachbarn. Und mit den hier propagierten Ideen von einer herrschaftsfreien Welt ohne Eigentum dürften sich wohl die wenigsten Saasener identifizieren.

Den Ortsvorsteher jedenfalls beschäftigen andere Dinge. Zum Beispiel der Zustand der Kreissstraße 37, die mitten durchs Dorf führt. Nicht nur Manfred Schmitt findet, dass diese Buckelpiste längst hätte repariert werden müssen. Erst kürzlich hat das Reiskirchener Gemeindeparlament einstimmig beschlossen, beim Landkreis auf verschiedenen Ebenen Dampf zu machen.

 

Pluspunkt Vogelsbergbahn

 

An anderer Stelle kann Saasen in Sachen Verkehr aber durchaus punkten. Durch das Dorf führt nicht nur der Fernradweg R7, sondern auch die Vogelsbergbahn. Im Handumdrehen ist man in Grünberg und Reiskirchen, und auch bis Gießen braucht die Regionalbahn nur 20 Minuten. Eigentlich ein Riesenvorteil. Doch rundum zufrieden ist Manfred Schmitt nicht. »Es dürften mehr Halte sein«, sagt er. Aber die Züge, die bis Fulda fahren, rauschen am Saasener Bahnhof ohne Stop vorbei.

Auf dem Weg Richtung Gießen wird die Vogelsbergbahn von der Wieseck begleitet. Das Flüsschen entspringt in Saasen, die Quelle liegt eingezäunt am Rande des alten Dorfkerns. Wer sie sucht, muss nur dem Hinweisschild folgen. Eine andere Attraktion hat Saasen im vergangenen Jahr allerdings verloren. Seit den Neunzigerjahren hatte Erhard Schultheiß in der Faltergasse ein kleines Privatmuseum aufgebaut, vier Etagen luden ein zu einer Zeitreise ins alte, bäuerlich geprägte Oberhessen. Nach dem plötzlichen Tod des betagten Besitzers wurde die Sammlung aufgelöst. Nur ein Teil der Exponate fand im Reiskirchener Heimatmuseum Hirtenhaus Platz.

 

Treffpunkt "Traube"

 

Von den vier oder fünf Gaststätten, die es früher im Dorf gab, hat eine überlebt. In der »Traube« wird deutsche und italienische Küche serviert. Das Lokal ist Treffpunkt für Vereine, Stammtische oder Familienfeiern. Und natürlich für Fastnachter. Ohne einen feucht-fröhlichen Faschingsdienstag, bei dem ein paar Musiker am Tresen zueinander fanden, hätte es die Guggemusik made in Saasen vielleicht nie gegeben.

 

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