17. Juni 2017, 18:00 Uhr

Jugendkammer

Psychologin hält Opfer für glaubhaft

Ein 66-Jähriger aus Heuchelheim muss sich vor dem Landgericht wegen sexuellen Missbrauchs verantworten. Jetzt haben Sachverständige erläutert, warum sie dem elfjährigen Opfer glauben.
17. Juni 2017, 18:00 Uhr
(Foto: dpa/Symbolbild)

Im Prozess vor der Jugendkammer des Gießener Landgerichts gegen einen 66-jährigen Angeklagten wegen sexueller Übergriffe an einem zur Tatzeit elfjährigen Jungen in Heuchelheim kamen jetzt die Sachverständigen zu Wort. In den drei bisherigen Prozesstagen hatte der 66-Jährige zwar sexuelle Handlungen an dem Nachbarjungen zugegeben, aber heftig bestritten, dass es zu Geschlechtsverkehr oder ähnlichen Handlungen gekommen sei. Da er schon seit Jahren impotent sei, könnten die Aussagen des Jungen nicht stimmen.

 

Krankheit verdrängt

 

Der Junge hatte hingegen von Handlungen in den Jahren 2015 und 2016 berichtet. Und zwar beschrieb er die Vorgänge sehr genau und in allen Einzelheiten. Aber ist die Aussage des Jungen, der seit seiner Geburt an Autismus, also an einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung leidet, wirklich glaubhaft? Das Gericht hat deshalb Gutachter beauftragt, die den Jungen auf seine Glaubwürdigkeit hin überprüft haben.

Die Gießener Fachärztin für Psychoanalyse, Sabine Gebhard, kam zu dem Ergebnis, dass sich der heute Zwölfjährige im Autismus-Spektrum befindet, es für ihn also schwierig sei, sich vorzustellen, was andere Menschen denken oder fühlen. Im sozialen Umfeld wisse er deshalb oft nicht, wie er sich verhalten soll. Auch haben Autisten häufig Schwierigkeiten mit unpräziser Sprache, die erst aus dem sozialen Kontext heraus erschlossen werden kann.

Die alleinerziehende Mutter des Jungen habe diese Probleme lange Zeit nicht wahr haben wollen, sie habe die Krankheit ihres Sohnes verdrängt oder zumindest verniedlicht. Autismus sei zwar unabhängig von der Intelligenzentwicklung, jedoch gehören Intelligenzminderungen zu den häufigsten Behinderungen bei Autisten. So auch bei dem Opfer.


Details, die man sich nicht ausmalen kann
 

Der Junge habe ein besonders ausgeprägtes Interesse an dem Thema Sex. Eine Betreuerin berichtete, »das war teilweise schon unangenehm, weil er nicht nur in allen möglichen Kraftausdrücken über Sex sprach, Pornos im Internet anschaute, sondern mit Handzeichen sexuelle Handlungen nachzuahmen versuchte«.

Die Gerichtspsychologin Sonja Fahr hielt seine Aussage schon allein aufgrund seiner Krankheit »für absolut glaubhaft und wahr«. »Denn für Lügen braucht man eine gewisse Intelligenz und Kreativität, darüber hinaus auch noch zumindest einen Schuss Emotionalität. Über all das hat das Opfer nicht verfügt«, sagte die Sachverständige. Er habe über Details bei der Missbrauchshandlung gesprochen, die er sich aufgrund seiner Krankheit nicht vorstellen oder ausmalen könne, sondern die er selbst erlebt haben müsse. Anders könne man seine nahezu identischen Aussagen vor der Polizei und dem Gericht nicht bewerten.

Es folgte das medizinische Gutachten über den Gesundheitszustand des Angeklagten. Zweifel an seiner Aussage, dass er seit Jahren impotent sei und schon deshalb keinen Geschlechtsverkehr mit dem Opfer gehabt haben könne, waren bei der Aussage seiner Ehefrau am vorhergehende Verhandlungstag aufgetreten. Die hatte berichtet, dass der Angeklagte auch in letzter Zeit immer wieder den ehelichen Beischlaf eingefordert habe. Darauf habe sie sich nicht eingelassen.

 

DNA-Spuren im Keller

 

Der Urologe Thorsten Dittmar bescheinigte dem Angeklagten in seinem Gutachten tatsächlich medizinische Probleme mit seiner Potenz. »Lust auf Sex hat er weiterhin, aber sein Körper und vor allem sein Geschlechtsorgan spielen da oftmals nicht mehr mit.« Auf die Frage des Gerichts, ob er Erektionen haben könne, sagte der Sachverständige, es seien »erhebliche Störungen« vorhanden.

Das DNA-Gutachten zu den Spuren auf der Matratze im Keller, das vom Gericht vorgelesen wurde, kommt zum Schluss, dass Spermienspuren vom Angeklagten und Hautschuppen vom Jungen dort anhafteten.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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