07. März 2017, 12:00 Uhr

Traumstern-Matinée

»Privatisierung bedeutet Beraubung«

Regisseur Christoph Schuch diskutiert im Anschluss an die Vorstellung seines Films »Europa – ein Kontinent als Beute« mit dem Publikum im Licher Kino.
07. März 2017, 12:00 Uhr
Die Finanzkrise, ihre Folgen, Machtverschiebungen und die Angst der Bevölkerung werden in dem Dokumentarfilm von Christoph Schuch gut strukturiert nachgezeichnet. (Foto: pm)

»Griechenland, Spanien, Portugal – wir sprechen nicht von Zentralafrika, sondern von Ländern im Herzen Europas«, sagt der populäre Wirtschaftserklärer Dirk Müller im neuen Dokumentarfilm von Christoph Schuch. »Europa – ein Kontinent als Beute« ist der Titel einer sehr eindringlichen Dokumentation der politischen und finanziellen Schieflage, wie sie sich aktuell auf der ganzen Welt zeigt.

Zur Matinee im Kino Traumstern war Regisseur und Autor Schuch zu Gast und freute sich nach der Filmvorführung über eine sehr anregende und mit neuen Erkenntnissen beladene Diskussion. Der Filmdreh begann bereits 2013. Doch wegen fehlender finanzieller Mittel zog sich das Projekt in die Länge und schlussendlich fällt das krisengebeutelte Griechenland für manche Zuschauer am Sonntag zu sehr hinten unter.

Da Schuch selbst zeitweise in Portugal Film studiert hat, lag es nahe, dort auch zu drehen, mit Aktivisten zu sprechen und die Szene fernab von Lobbyisten und Machthabern zu beleuchten. Im spanischen Valencia etwa traf das Filmteam ein engagiertes Duo, das alternative Stadtführungen anbietet. So wird die wirtschaftliche Destruktion aufgezeigt. So wurde in der von Opernkultur freien Stadt in ein Opernhaus investiert, anstatt für dieselbe Summe an Staatsgeldern 80 öffentliche Schulen zu realisieren.

»Privatisierung bedeutet Beraubung«, wird vom linkspolitischen Fabio de Masi im Film sehr präzise formuliert. Hier liegt die große Stärke der Dokumentation: Müller, de Masi und der Schweizer Friedensforscher Daniele Ganser können die Finanzkrise und ihre Folgen, die Machtverschiebungen und das Spiel mit der Angst der Bevölkerung sehr gut strukturiert nachzeichnen. Was in einer TV-Talkshow meist nicht erreicht wird, kann Schuchs Film allemal: mitunter komplexe Zusammenhänge plausibel erklären. Beispielsweise, warum es für die USA wichtig ist, einen Keil zwischen Russland und Deutschland zu treiben. Zwischen den Rohstofflieferanten und die besten Ingenieure der Welt. Kameramann Reiner Krausz setzt sehr starke Bilder ein, die die Kraft der sprachlichen Informationen sehr raffiniert unterstreichen. Da stehen etwa wartende Passanten hinter einer gläsernen Wand an der Bushaltestelle. Die Distanz zwischen Machthabern, den Fädenziehern im politischen Zirkus und der Masse, die die Entscheidungen »von oben« ausbaden muss, springt dem Zuschauer förmlich ins Auge. Es scheint den Entscheidern an jeglichem Bezug zur Realität zu fehlen.

»Die Politik ist sehr dreist und korrupt. Der liebe Herrgott sieht alles und hört alles – so wie die NSA. Wir haben eine moderne Gottheit erschaffen«, bringt es Müller auf den Punkt. Schon 1969 habe der damalige amerikanische Präsident Johnson einem griechischen Parlamentarier gedroht, Griechenland wie eine Fliege zu zerquetschen, wenn sich dieses Land nicht in Gehorsam übe. Also mal eben kurz die Machtverhältnisse erklärt.

Auch die Feindbildgenese der Medien spricht der Schweizer Ganser an. Solange ein Machthaber die vier wichtigsten Zeitungen, Radio- und Fernsehsender kontrolliere, könnten immer wieder dieselben Geschichten erzählt werden, um das Volk zu beeinflussen. Das Internet aber könne man nicht kontrollieren. Ganser hat zwei sehr NATO-kritische Bücher geschrieben und spricht dem linkspolitischen Regisseur Schuch in vielerlei Hinsicht aus der Seele. »Wir müssen raus aus der Gewaltspirale!«

Schuch kommt selbst aus der Friedens- und Umweltbewegung und war vor 15 Jahren erstmals mit einem Film in Lich zu Gast. Sein Besuch am Sonntag hat sich in jedem Fall gelohnt. Menschen sind miteinander ins Gespräch gekommen. Menschen, die nun wissen, dass sie mit ihrem Wunsch nach Frieden und Mitspracherechten nicht alleine sind.

Der Film wird im Traumstern noch mehrmals gezeigt, die Termine stehen aber noch nicht fest.

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