15. August 2018, 11:20 Uhr

Outlet-Center

Outlet-Investor im Interview: "Kein Sargnagel für den Einzelhandel"

Am Sonntag entscheiden die Pohlheimer, ob Investor Neinver ein Outlet bauen kann. Sebastian Sommer, Deutschland-Chef der Firma, im Interview über Auswirkungen auf den Einzelhandel.
15. August 2018, 11:20 Uhr
So in etwa könnte das Outlet-Center aussehen (Symbolfoto: dpa/Patrick Seeger) (Foto: Patrick Seeger (dpa))

Es könnte am kommenden Sonntag beim Bürgerentscheid spannend werden. Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Pohlheimer für die Outlet-Pläne stimmen?

Sebastian Sommer: Ich möchte keine Prognose abgeben. Unabhängig von der Vorarbeit von jeglicher Seite enden Bürgerentscheide in der Regel sehr knapp. Ich würde mich daher über ein knappes Ergebnis nicht wundern. Ich glaube, dass die Mindestbeteiligung erreicht wird. Dann muss man schauen, was die Bürger entscheiden.

Es gibt kein Outlet in Deutschland, das nicht vor Gericht gelandet ist. Ein Gutachten darf kein Gschmäckle haben

Der Autor

Was würde es für Sie bedeuten, wenn die Pohlheimer das Outlet am Sonntag ablehnen?

Sommer: Dann haben die Pohlheimer erst mal die Bremse reingehauen.

Sebastian Sommer (Foto: pm)
Sebastian Sommer (Foto: pm)

Heißt das, das Outlet-Projekt wäre dann gestorben? Oder würden Sie drei Jahre warten, um das Projekt wieder anzugehen?

Sommer: Ich glaube eher, dass sich dann in den nächsten zwei, drei Jahren an anderer Stelle etwas in Mittelhessen tut, wahrscheinlich durch unsere Mitbewerber. Es kann in Mittelhessen faktisch nur ein Outlet-Center geben, das gibt das Gesetz des Marktes vor. Wir würden dann natürlich schauen, ob wir da mitspielen können.

Hat Neinver selbst in Mittelhessen alternative Standorte im Blick?

Sommer: Nein. Unser Fokus liegt voll auf dem Bürgerentscheid. Wenn dabei das Outlet-Center mehrheitlich abgelehnt würde, dann würde, glaube ich, jeder verstehen, dass wir uns umschauen. Daran möchte ich aber gar nicht denken.

Was passiert, wenn der Bürgerentscheid für Sie erfolgreich endet?

Sommer: Dann geht es an die Arbeit, dann haben wir ein Mandat. Dann können wir anfangen, Gutachten in Auftrag zu geben. Das wird dann sechs bis zwölf Monate dauern. Dabei werden auch die Stabilität des Einzelhandels und das Handelsvolumen der Region begutachtet. Dann können wir einschätzen, wie groß die Abflüsse der Kaufkraft in der Region sein könnten, wenn ein Outlet kommt.

Könnte ein Gutachten für Sie das Aus bedeuten?

Sommer: Das könnte es, wenn zum Beispiel ein gewisses Sortiment eingeschränkt werden müsste, weil es dem Einzelhandel in der Region nicht zuträglich wäre. Das ist tatsächlich eine Gretchenfrage. Keine Gemeinde wird uns einen Aufstellungsbeschluss geben, wenn wir nachweislich in einem Sortiment Kaufkraft abschöpfen würden.

Es gibt die Befürchtung, dass Sie die Gutachten nach Ihren Vorstellungen gestalten könnten: »Wes Brot ich ess…“

Sommer: Diese Gutachten müssen vor Gericht standhalten. Es gibt kein Outlet in Deutschland, das nicht in irgendeinem Planungsschritt vor Gericht gelandet ist. Wenn Sie dann ein Gutachten haben, das ein G’schmäckle hat, sind Sie schlecht beraten.

Sie haben am Donnerstag auf der Diskussion der BI einen Mangel an Sachlichkeit beklagt. Ein sachliches und stichfestes Argument aber ist doch, dass ein Outlet-Center in einem Unterzentrum wie Pohlheim nicht zulässig ist.

Sommer: Das ist ein Grundsatzproblem des deutschen Planungsrechts. Outlet-Center zählen als großflächiger Einzelhandel, für sie zählen dieselben Parameter wie für Shopping-Center. Outlet-Center aber sind touristische Ziele. Sie funktionieren nur selten in der Innenstadt. Außerden benötigen Marken wie zum Beispiel Nike Distanz zum regulären Handel in der Innenstadt. Dann rutsche ich automatisch heraus aus dem Versorgungsbereich und damit auch aus dem Planungsrecht heraus. Der Weg führt daher über Abweichungsverfahren. Wir müssen mit Gutachten überzeugen.

Einzelhändler in Gießen befürchten Umsatzeinbußen.

Sommer: Ich verstehe da jeden Einzelhändler. Da ist erst mal das klassische Handelssterben, den Warenhäusern geht es immer schlechter. Wenn da jetzt noch ein Outlet kommt: Ist das nicht der Sargnagel? Da kann man sich aber getrost andere Städte mit Outlet-Centern in der Nähe anschauen: Soltau, Neumünster, Zweibrücken, Wertheim. Da gibt es Erfahrungswerte, nachdem das erste Outlet in Deutschland vor 20 Jahren in Betrieb gegangen ist: Die befürchteten Effekte sind dort nicht eingetreten. Die Frage ist: Was braucht man, dass diese Effekte nicht eintreten? Welche Richtlinien schreibe ich als Kommune dem Outlet-Betreiber in sein Aufgabenbuch?

Sie erwähnen Zweibrücken: Dort mussten tatsächlich Geschäfte schließen.

Sommer: In Zweibrücken musste das Sportschuhgeschäft schließen. Der Betreiber hat dann jedoch ein Geschäft im Outlet eröffnet und ist damit bis heute sehr erfolgreich. Alle deutschen Outlets haben bislang deutlich geringere Auswirkungen gehabt als ursprünglich prognostiziert. Im Fall Zweibrückens haben wir zudem mit innerstädtischen Händlern und der regionalen Gastronomie kooperiert, wir haben uns aktiv in die Werbegemeinschaft eingebracht und haben uns im City-Marketing engagiert. Wir sind überzeugt davon, dass wir auch in Pohlheim viele positive Effekte für Mittelhessen realisieren können.

Am Donnerstag haben Sie eingeräumt, dass die Landtagswahl für Sie durchaus entscheidend ist.

Sommer: Jeder Genehmigungsprozess eines Outlets geht über die Legislaturperiode einer Stadtverordnetenversammlung und eines Landtags hinaus. Aber wir müssen unabhängig davon den normalen planungsrechtlichen Weg gehen. Von den Outlets in Deutschland sind nur zwei – in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg – gegen den Wunsch einer Landesregierung durchgeboxt worden. Das ist aber zehn, 15 Jahre her, alle Landesbehörden sind inzwischen bestens vorbereitet.

Es gibt Bedenken, dass Outlets nicht zukunftsträchtig sind, der Kampf gegen das Online-Geschäft sei nicht zu gewinnen.

Sommer: Das ist ein wesentliches Thema. Aber was ist der Hauptimpuls, um in einem Outlet-Center einkaufen zu gehen? Das ist kein reiner Schnäppchenkauf mehr. Man sucht Outlets als Ausflugsziel auf, auch im Rahmen eines Kurzurlaubs. Wir treten in den Wettbewerb um die Freizeit der Verbraucher. Im Wettbewerb um das Schnäppchen dagegen ist das Internet schneller. (Foto: pm)

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