09. August 2018, 15:54 Uhr

Outlet-Gegner im Interview

Outlet-Gegner Olaf Bappert im Interview: "Wir sind keine Eintagsfliege"

"Ich konnte im Leben noch nie verlieren". Olaf Bappert, Vorsitzender der BI Garbenteich, erklärt im Interview, was ihn antreibt - und warum ein Outlet-Center aus seiner Sicht gefährlich ist
09. August 2018, 15:54 Uhr
Olaf Bappert. Foto: chh

Herr Bappert, was macht Sie zuversichtlich, dass am 19. August jeder vierte Pohlheimer in die Wahlkabine geht und gegen das Outlet-Center stimmt?

Olaf Bappert: Die Resonanz von fast 3000 Unterschriften im Vorfeld des Bürgerentscheids zeigt, dass das Interesse in Pohlheim da ist. Nachdem der Investor Neinver in die Kampagne eingestiegen ist und auch wir jede Menge Werbung machen, glaube ich, dass die Wahlbeteiligung erreicht wird.

Der Termin liegt noch in der Urlaubszeit, er fällt auch nicht mit der Landtagswahl zusammen, was möglich gewesen wäre. Das ist ungünstig für Sie.

Bappert: Der Wahltermin ist definitiv ungünstig. Aber auch für die Befürworter des Outlet-Centers.

Sie als Gegner haben aber das Problem, dass bei zu geringer Beteiligung der Bürgerentscheid gescheitert ist.

Bappert: Das ist natürlich ein Vorteil für den Bürgermeister. Deshalb hat er den Termin auch bewusst gewählt. Er hat von Anfang an rund um die Diskussionen um das Outlet-Center nie den Willen der Bürger respektiert oder den Umgang mit den Gegnern zugelassen. Man will sich ja gar nicht mit den Gegenargumenten befassen.

Was würden Sie tun, wenn statt der erforderlichen 3500 Pohlheimer nur 3000 ihre Stimme abgeben, dabei aber eine überwältigende Mehrheit gegen das Outlet stimmt?

Bappert: Wenn der Bürgermeister dann den Bürgerentscheid für gescheitert erklären würde, würde er den Wählerwillen nicht respektieren. Dann würde was passieren, dann könnte es zu Protest kommen. Er muss berücksichtigen: Er ist gerade mal mit 4051 Stimmen gewählt worden.

Sie haben mal gesagt, ein Outlet-Center wäre das kleinste Übel für Garbenteich. Ist das noch immer Ihre Meinung?

Bappert: Ja. Aber wir denken nicht nur bis zu unserer eigenen Haustür. Wir sehen ein Outlet-Center als extrem gefährlich für Pohlheim und die ganze Region an. Schauen Sie sich den Lkw-Verkehr in Dorf-Güll an. Schauen Sie sich die aussterbenden Dorfkerne an. Der Outlet-Plan ist eine kurzfristige Denkweise und hat nichts mit moderner Stadtentwicklung zu tun. Zumal Pohlheim keine eigentliche Stadt ist, sondern aus sechs Dörfern besteht.

Haben Sie schon einen Plan, was Sie dann nach dem Bürgerentscheid machen?
 

Bappert: Unabhängig vom Ausgang des Bürgerentscheids planen wir 2021 zur Kommunalwahl anzutreten.
 

Als was? Als Partei?

Bappert: Als unabhängige Wählergruppe. Wir sind keine Eintagsfliege. Es macht auch keinen Sinn, sich nur auf diesen Bürgerentscheid zu konzentrieren. Es muss eine Veränderung in den Köpfen der Leute in Pohlheim und auch im Parlament stattfinden. 2021 könnten wir da drin sitzen und Rederecht haben.
 

Sollte ein Outlet-Center abgelehnt werden, könnte für Sie etwas Schlimmeres auf der Fläche entstehen, oder nicht?

Bappert: Die latente Gefahr besteht. Die Fraktionen im Stadtparlament können drei Jahre lang nicht mehr dasselbe beschließen. Dann haben wir 2021, die nächste Kommunalwahl. Dann wird die Gewerbefläche wieder Thema. Zehn Prozent der Stimmen in Pohlheim für eine unabhängige Wählergruppe wären nicht unrealistisch. Aber seit 18 Jahren interessiert sich niemand für die Fläche des alten Aufstellungsbeschluß. Und jetzt soll plötzlich ein Investor dastehen? Das ist doch lächerlich.

Rechtlich ist ein Factory-Outlet-Center laut Regionalplan eigentlich ohnehin nicht möglich.

Bappert: Nach Rechtslage ist es zwar grundsätzlich nicht möglich. Aber wir alle wissen: Vor Gericht und auf hoher See weiß man nie, was passiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass seriöse Geschäftsleute wie Neinver und Entwickler Jörg Fischer sich so in ein Projekt reinhängen, wenn sie sich nicht hundertprozentig sicher sind, dass sie das Outlet-Center und die Autobahnauffahrt genehmigt kriegen.

Wie sind aus Ihrer Sicht die Kräfteverhältnisse zwischen den Befürwortern und den Gegnern des Outlet-Centers?

Bappert: Man hat uns jegliche Knüppel zwischen die Beine geworfen. Die Stadt hat bewusst uns behindert, wo sie uns behindern konnte. Zum Beispiel bei der Vergabe der Volkshalle. Wir hatten uns für den 16. August eingetragen, da hieß es: besetzt. Wir sind dann auf den 9. August ausgewichen. Plötzlich ist die Halle jetzt am 16. August für den Bürgermeister frei. Aber was das finanzielle Kräfteverhältnis betrifft, spielen wir im Gegensatz zu Neinver in der Kreisklasse.

Wie hoch ist denn Ihr Budget?

Bappert: Für den gesamten Bürgerentscheid liegt er bei grob 7400 Euro. Einnahmen haben wir durch Mitgliedsbeiträge, Beiträgen aus dem Vorstand und drei große Spenden einzelner Personen. Die Videos auf unserer Internetseite haben viel Geld gekostet. Dazu kommen Postwurfsendungen, Anzeigen.

Es fällt auf, dass Sie in den Diskussionen immer wieder auf die persönliche Ebene gehen, vor allem gegen den Bürgermeister.

Bappert: Es war nie die Absicht, jemanden unter der Gürtellinie zu treffen. Dass der ein oder andere in der Bürgerinitiative emotional tiefer drin steckt und irgendwann mal das Ventil aufgeht, wenn von Stadt oder Gegnerseite geschossen wird, ist das verständlich. Wir kämpfen mit Herzblut und extrem vielen Emotionen.
 

Schaden Sie sich dadurch nicht selbst?

Bappert: Klar. Wir sind weit entfernt von einer Partei, die alles über Fakten und ohne Emotionen bringt. Der ein oder andere hasst mich dafür. Das stört mich nicht, bringt mich eher zum Schmunzeln.

Welches Argument gegen ein Outlet-Center ist für Sie ausschlaggebend?

Bappert: Es ist nicht zukunftsträchtig. Neinver erhält diese Läden maximal vier Jahre und verkauft sie dann wieder. Wer sagt denn, dass das Ding in sieben Jahren tot ist, weil nicht die erwarten drei Millionen Besucher kommen, sondern nur eine Million. Dann haben wir da oben eine Ruine stehen.

Hätten Sie damals eine Bürgeriniative gegründet, wenn Sie nicht direkte Anwohner gewesen wären?

Bappert: Nein. Ich würde es heute auch nicht mehr machen. Hätte ich damals gewusst, was auf mich zukommt, hätten wir uns einfach aus dem Staub gemacht. Aber wir haben schon so viel Zeit und Energie investiert. Was ich mache, mache ich richtig oder lasse es.

Was treibt Sie denn an?

Bappert: Ich konnte im Leben noch nie gut verlieren. Aber es gibt viel für mich zu gewinnen: Lebensqualität.

Am Ende scheitert das Outlet-Center und es kommt doch etwas Schlimmeres. Dann haben Sie dennoch verloren.

Bappert: Es kann nichts Schlimmeres kommen. Drei Jahre darf nicht wieder ein Aufstellungsbeschluss gefasst werden. Dann ist die Kommunalwahl, dann ist es das Thema der Wahl. Dann kann sich ein neuer Bürgermeister dazu positionieren. Vielleicht trete ich ja gegen Schöffmann an.

Das haben Sie vor?

Bappert: Bis dahin ist noch ein wenig Zeit. Das muss gut bedacht werden. Wir werden uns auf jeden Fall in den kommenden Wochen mit den Fraktionen der SPD und Grünen an einen Tisch setzen und überlegen wer ein guter Gegenkandidat wäre.

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