16. April 2018, 10:14 Uhr

Von oben

Ohne Queckborn ginge es Gießen schlecht

Der Reichtum Queckborns liegt unter der Erde. Dort sprudelt so viel Wasser, dass es seit 124 Jahren auch für Gießen reicht. Ein Ortsporträt.
16. April 2018, 10:14 Uhr
Mit rund 1400 Einwohnern Grünbergs zweitgrößter Stadtteil: Queckborn. (Foto: Henß)

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In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Will man dieses Dorf beschreiben, so muss man von seinem Wasserreichtum sprechen. Vor allem Gießen weiß den zu schätzen, denn aus Queckborns Quellen trinkt diese Stadt – und das bereits seit 124 Jahren. Klar, auch die »Cappörner«, wie der Volksmund die Bewohner des heutigen Grünberger Stadtteils nennt, haben ihren Nutzen. Und zwar lange bevor die Tiefbrunnen niedergebracht wurden, also lange vor dem Bau des heute denkmalgeschützten Wasserwerks der Stadtwerke Gießen Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Geologie nämlich meinte es schon immer gut mit der Siedlung, die 1108 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Seit Jahrhunderten speiste das aus dem Vogelsberg strömende Wasser nicht nur die Brunnen im Dorf, sondern und vor allem das Quellgebiet am Ortsrand: »Fast ungenutzt floss das helle, kristallklare Wasser Tag und Nacht, Jahr um Jahr«, schrieb der Chronist Wilhelm Scheld. Die Wiesen seien einst wohl zum Bleichen des Leinentuchs genutzt worden, Ende des 19. Jahrhunderts jedoch hätten die Frauen nur noch selten in dem klaren Wasser den Seifenschaum aus Wäsche gespült.

 

Schwarze Null dank Gießen

1893 jedoch änderte sich das: Fortan sollten die Queckbörner gar geldwerte Vorteile aus ihrem naturgegebenen Wasserreichtum ziehen. Mit der damaligen Vertragsunterzeichnung nämlich war nicht nur sichergestellt, dass der Durst der auf über 20 000 Seelen gewachsenen Bevölkerung Gießens gestillt würde. Überdies erhielten auch die Einheimischen das wertvolle kühle Nass ins Haus geliefert – und zwar »für lau« und auf ewig.

Von den 150 Litern Freiwasser pro Person – für Landwirte gibt’s Extrakonditionen – profitiert auch Marie Herber. 81 Jahre ist sie alt, in Queckborn aufgewachsen und dem Dorf treu geblieben. Sie kennt es wie kaum eine Zweite, hat sie sich doch – auch gemeinsam mit ihrem Mann Robert Herber (†) – mit seiner Geschichte beschäftigt und sie aufgeschrieben. Erinnert sei hier nur an ihr Buch »Woher sie kamen, wohin sie gingen« über die Auswanderung im 19. Jahrhundert.

Um nochmals auf die monetären Effekte des Wasserreichtums für das Dorf insgesamt zurückzukommen: Der Verkauf der Förderrechte an Gießen brachte Queckborn 1893 32 000 Reichsmark ein. Just genau die Summe, mit der die Kommune damals in der Kreide stand.

 

In Hausschuhen gefreit

Der Gemeinderat hatte überdies in harter Verhandlung erwirkt, dass die Stadtwerke nicht nur die 20-Kilometer-Leitung nach Gießen, sondern auch das Netz im Dorf selbst bauten. Ihr Wasserwerk steht aus technischen und geschichtlichen Gründen unter Denkmalschutz, ab und an angebotene Führungen sind sehr zu empfehlen.

Marie Herber kann das nur bestätigen. 1936 wurde sie in Queckborn geboren, hat viel aus der jüngeren Geschichte des Dorfs zu erzählen. Wie damals Usus, musste sie als junges Mädchen in der Landwirtschaft helfen. Auch wenn die nur klein war, die Eltern schließlich hatten eine Holzwaren- und Kastenfabrik.

»Während des Krieges«, erzählt sie dann, »hatten wir viele Evakuierte in unserem Dorf.« So kam’s, dass in Queckborns Gassen neben dem Oberhessischen Frankfurter und Düsseldorfer Dialekt zu hören war.

Nicht anders als anderswo sollte nach dem Krieg die Wohnraumzwangsbewirtschaftung zum häufigen Gesprächsthema werden. Die »Flüchtlinge«, wie es seinerzeit hieß, kamen meist aus dem Sudetenland und Ungarn. Einige blieben, erwarben am Münsterer Berg Bauland – den Quadratmeter zu 1,70 Mark.

Auch in Queckborn gab es schon mal »Zoff« zwischen Neubürgern und Einheimischen. Nicht nur wegen der anderen, katholischen Konfession. Und besonders mit den jungen Männern aus Ungarn, die mit ihrem »feurigen« Temperament gut bei den jungen Damen angekommen seien.

Marie Herber beeindruckte das offenbar wenig: Ihr späterer Ehemann Robert Herber hatte sie auf »Hausschuhen gefreit«. Wie das? Der begabte Mandolinenspieler wohnte schon immer um die Ecke. Apropos: Mit Musik und Gesang hatten und haben es die Bewohner unseres heutigen Dorfes »von oben« gern zu tun. Der Gesangverein »Jugendtreu« geht bereits ins 143. Jahr. Schon passé ist dagegen eine andere Freizeitbeschäftigung: Queckborn gehört zu den wenigen Dörfern Oberhessens mit einem Freibad. 1938 war das im heutigen Gewerbegebiet – bis in die 1990er bekannt durch die landesweit vertriebenen »Jäger-Treppen« – gebaut worden. Heute steht an der Stelle des Bades übrigens das Gebetshaus der Brüdergemeinde.

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