10. Januar 2019, 05:05 Uhr

Meisterbrief

Nicht nur Handwerksmeister fordern Rückkehr zum Meisterbrief

2004 wurde die Meisterpflicht in zahlreichen Handwerken abgeschafft. Handwerker kritisieren, dass seitdem Unerfahrene Betriebe gründen und Ausbildungsplätze fehlen.
10. Januar 2019, 05:05 Uhr
Seit Handwerkspräsident Wollseifer die Wiedereinführung der Meisterpflicht für alle Handwerke in diesen Tagen erneut gefordert hat, nimmt die Diskussion darüber an Fahrt auf. Zustimmung erhält Wollseifer aus dem Landkreis Gießen. (Symbolfoto: dpa) (Foto: Matthias Hiekel (dpa-Zentralbild))

Einen Handwerksbetrieb ohne Meisterbrief leiten? Seit 2004 ist das in vielen Gewerken möglich, man darf etwa Fliesen legen oder Instrumente bauen auch ohne jene Prüfung. Zudem gibt es Unternehmen, die sich auf einzelne Arbeitsschritte spezialisiert haben und so die Meisterpflicht umgehen. Seit Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer die Rückkehr zur Meisterpflicht in vielen Gewerken gefordert hat, ist diese Diskussion neu entfacht. Bei Betrieben im Landkreis Gießen stößt Wollseifers Anliegen auf Unterstützung.

 

Ich-AG bei Großaufträgen überfordert

 

Hartmut Gall führt einen Malerbetrieb in Hungen, ist zudem Obermeister der Malerinnung und Stellvertreter der Kreishandwerkerschaft. Die Abschaffung der Meisterpflicht habe zu großen Problemen geführt, sagt er: »Bei den Fliesenlegern ist es mittlerweile schwer, noch einen Ausbildungsplatz zu finden.« Nach dem Ende der Meisterpflicht seien hier Ich-AGs aus dem Boden geschossen und würden mittlerweile den Markt beherrschen. Nur könnten diese Ein-Mann-Unternehmen keine großen Aufträge annehmen, was besonders die Kommunen bei ihren Ausschreibungen spüren würden. »Wie soll denn ein Mann ein ganzes Schwimmbad fließen?«, fragt Gall rhetorisch.

Zur Ausbildung zum Meister gehört nicht nur das Handwerk selbst, sondern auch wirtschaftliches Handeln, die Kenntnis von Sozialgesetzen und Buchführung. Gesellen, die nach ein paar Jahren Berufserfahrung einen eigenen Betrieb gründen, können dieses Wissen nicht mitbringen. Hier droht bei Problemen schnell der finanzielle Kollaps, sagt auch Gall: »Ein unerfahrener Geselle ist als Betriebschef überfordert.«

 

Probleme bei Mängelhaftung

 

Für die Kunden, die von vermeintlich niedrigen Preisen profitieren wollen, könne dies zu einem zweischneidigen Schwert werden, wenn es etwa um Mängelhaftung geht, warnt der Obermeister. »Größere Betriebe sind für Kunden da sicherer. Ein Ein-Mann-Fliesenlegerbetrieb hat oft nur einen geleasten Bus und Werkzeug für 500 Euro, da fehlt es an Sicherheiten.«

Genauso wie Handwerkspräsident Wollseifer kritisieren Gall und seine Kollegen zudem eine Ungleichbehandlung der Firmen. Während sie Berufsgenossenschaften, Krankenkasse, Rente und vieles mehr bezahlen müssen, würde manches Ein-Mann-Unternehmen lediglich bei der Steuer eine Einnahmen-Überschuss-Rechnung vorlegen und nichts in die Rente einzahlen. Dies verzerre deutlich die Preise.

 

Wer übernimmt Betriebe?

 

Gall sieht ein weiteres Problem: In absehbarer Zeit werden zahlreiche Betriebe in der Region einen neuen Eigentümer brauchen. Er schätzt die Zahl auf rund 3000 in den nächsten zehn Jahren. Derzeit befürchtet er, dass rund die Hälfte mangels Nachfolger oder wirtschaftlicher Überlebensfähigkeit verschwinden wird. Um geeignete Nachfolger zu finden, müssten diese zunächst ausgebildet werden. Nur: Ausbilden dürfen nur Meister oder Personen mit einem Ausbildungsschein – und den haben nicht-meistergeführte Betriebe nur selten.

Unerwartet mag für viele sein, dass auch Handwerker, die selbst die Möglichkeit nutzen, ohne Meisterbrief einen Betrieb zu führen, diese Kritik teilen. »Dass Lehrlinge ausgebildet werden, kommt viel zu kurz«, sagt der Inhaber einer Firma im Landkreis, der anonym bleiben möchte. Er befürchte sonst Nachteile, sagt er. Auch das sagt schon viel über die Gemengelage. Wenn er ausbilden wollte, müsste er erst einmal einen Ausbildungsschein machen, was ihn sechs Wochen kosten würde. »So lange kann ich im Betrieb aber nicht fehlen.«

 

Betriebsgründung ohne Kenntnisse in Buchführung riskant

 

Zudem würden viele recht blauäugig an eine Geschäftsgründung herangehen. Wer ohne Kenntnisse in Buchführung und Steuerrecht sowie einen guten Steuerberater eine Firma eröffne, riskiere Kopf und Kragen, sagt er. »Zunächst läuft es gut. Doch dann kommt nach zwei Jahren das Finanzamt und fordert Nachzahlungen.« Diese können schnell im vier- bis fünfstelligen Bereich ausfallen. Wer da nichts zurückgelegt hat, steht plötzlich vor einem riesigen Problem.

Die Forderung nach einer Rückkehr zur Meisterpflicht kann er daher gut verstehen, hält aber einen praktischen Mittelweg für sinnvoll: Wer jahrzehntelange Erfahrung in seinem Beruf mitbringe, dem solle auch gestattet sein, ein Geschäft zu eröffnen.

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