31. Dezember 2018, 13:05 Uhr

Kircheneinsturz

Nach dem Kircheneinsturz bekam Leihgestern 1908 eine neue Kirche

Vor 110 Jahren wurde das neue Gotteshaus eingeweiht. Gegen den Neubau hatte sich die politische Gemeinde gesträubt – bis sie ein Sturm vor vollendete Tatsachen stellte.
31. Dezember 2018, 13:05 Uhr
Das eingestürzte Dach liegt im Kirchenschiff.

Es ist ein kleines architektonisches Meisterwerk, das dort in Leihgestern steht: die evangelische Kirche. Die beeindruckenden Mauern aus Basalt und Blasenbasalt. Ein durch Zwerchhäuser (die seitenschiffartigen Giebel) aufgelockertes Dach, welches an prominente Kirchenbauten aus England und Irland erinnert. Dazu der massive Kirchturm. Auf den ersten Blick könnte man denken, dass die Kirche bereits Jahrhunderte alt ist. Jedoch wurde sie erst vor 110 Jahren eingeweiht.

Die Gläubigen in Leihgestern hatten selbstverständlich bereits vorher eine Kirche, in der Gottesdienste abgehalten, Weihnachten gefeiert und geheiratet wurde. 1237 wurde erstmals schriftlich eine Kapelle in dem Ort erwähnt. Die Autoren der Festschrift »100 Jahre Kirchweihe« vermuten, dass eine Wand dieser Kapelle bis 1906 Bestandteil der Nordwand des Kirchenschiffs war.

 

Turm bereits jahrhunderte alt

In dem ehemals katholischen Gotteshaus kamen nach der Reformation die Protestanten zusammen. Zwischen 1594 und 1598 wurde der Ostturm umgebaut und erhielt sein heutiges Aussehen. Ein Jahrhundert später wurden unter anderem im Kirchenschiff rundum Emporen eingebaut und eine Orgel aufgestellt.

Während die Kirche 1697 einen prachtvollen Anblick geboten haben muss, war dies 200 Jahre später nicht mehr der Fall. Pfarrer Karl Stark meldete 1891 einen erheblichen Reparaturbedarf beim Dekanat an. Zudem reichten die 380 Plätze in dem Gotteshaus längst nicht mehr aus – hatte die Kirchengemeinde doch mittlerweile rund 1350 Mitglieder.

 

100 Mark Entschädigung für Opfer

Der Kirchenvorstand beschloss am 28. August 1899, den Bau eines neuen Kirchenschiffs in die Wege zu leiten. Bei der politischen Gemeinde Leihgestern biss man mit diesen Plänen allerdings auf Granit: Der Gemeinderat lehnte die Neubaupläne ab. Trotzdem beauftragte der Kirchenvorstand den Kirchenbaumeister Ludwig Hofmann, zwei Entwürfe auszuarbeiten: Demnach würde ein Anbau an die vorhandene Kirche 60 000 Mark, ein Neubau 75 000 Mark kosten. Doch auch die neuen Pläne werden beide von der politischen Gemeinde 1905 abgelehnt.

Die Kirche im Jahr 2018.
Die Kirche im Jahr 2018.

 

Orgel durch Balken zertrümmert

Ein Jahr später kam man um einen Neubau nicht mehr herum: Am 31. Mai 1906 zog in den Abendstunden ein heftiger Sturm über das Dorf. Mehrere Gebäude in Leihgestern wurden beschädigt. Windböen brachten das Dach des Kirchenschiffs zum Einsturz. Ein Teil der Konstruktion stürzte auf den Hof sowie den benachbarten Spielplatz der Kleinkinderschule, weitere Reste des Dachs brachten das Deckengewölbe des Kirchenschiffs zum Einsturz. Die Orgel, Baujahr 1694, wurde zerstört.

Glück im Unglück: Zum Zeitpunkt des Einsturzes fand kein Gottesdienst in der Kirche statt. Eine Frau wurde jedoch durch herabstürzende Trümmer verletzt, ihr linker Unterarm war gebrochen. Die Versicherung wollte ihr zunächst aufgrund »höherer Gewalt« kein Schmerzensgeld zahlen. Erst nach energischem Einschreiten des Pfarrers erhielt sie 100 Mark Entschädigung.

 

Neubau für 74 000 Mark

Der Eifer des Kirchenvorstands zahlte sich nun aus: Die Pläne von Kirchenbaumeister Ludwig Hofmann lagen in der Schublade bereit. Die politische Gemeinde stimmte nun dem Vorhaben ebenfalls zu. Im Herbst 1906 wurde das alte Kirchenschiff abgerissen, am 9. Mai 1907 der Grundstein für den Neubau gelegt, im Herbst stand bereits das Dach. Mit einem Festzug wurde schließlich die Kirche am 9. August 1908 eingeweiht. 74 000 Mark kostete der Neubau letztendlich.

Herzstück des Kircheninneren ist die Orgel von Förster & Nikolaus aus Lich. Beim Kirchenvorstand sieht man sie als Glücksfall für die Gemeinde an. »Das Instrument wird von Organisten, die schon in den größten Kirchen gespielt haben, für ihren besonders guten Klang gelobt«, sagte Anja Träger-Piske. So finden hier regelmäßig Konzerte statt.

 

Ein Fenster überstand den Einsturz

Wenn man sich im Kirchenschiff umschaut, kann man heute noch einige Spuren der alten Kirche finden. Beispielsweise das Rundfenster in der Giebelwand. Das 1892 von der Kunstglaserei Müller in Quedlinburg hergestellte Kunstwerk aus Buntglas überstand den Einsturz. Es fand auch in der neuen Kirche einen besonderen Platz. Damit die Kirche im Gegensatz zu ihrem Vorgänger noch viele Jahrhunderte überdauern kann, wird sie nun regelmäßig renoviert und saniert.

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