25. August 2017, 20:17 Uhr

Mildes Urteil trotz »extremer Gefahr«

25. August 2017, 20:17 Uhr

Mindestens 365 Dateien mit kinderpornografischem Inhalt hatte die Polizei auf dem Handy eines 30-jährigen Mannes sichergestellt. Bilder und Videos, die er über WhatsApp auch an andere gesendet hatte. Nun musste sich der Bewohner der Schottener Reha dafür vor dem Landgericht Gießen verantworten. Er wurde zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt.

Auf den Dateien, die der geständige Angeklagte zwischen Februar 2015 bis Juni 2017 verschickt hatte, war auch der Missbrauch von Kleinstkindern zu sehen.

Für das Gericht war der Fall ein äußerst diffiziler, da es neben der Schwere und Anzahl der Taten auch die besondere Persönlichkeit des Angeklagten bewerten musste. Der 30-Jährige, so Richter Heiko Söhnel, sei der Sohn alkoholabhängiger Eltern. Der Alkoholmissbrauch während der Schwangerschaft sei wohl auch die Ursache einer Hirnschädigung. »Seine Lernbehinderung verfehlt nur knapp das im Strafgesetzbuch eingeführte Merkmal des Schwachsinns«, erklärte sein Anwalt.

Die kernpädophile Neigung des Mannes war erstmals 2007 aufgefallen, als er zwei fünf und sechs Jahre alte Mädchen in eine Spielsituation verwickelte, eine aufforderte, sich von ihm küssen zu lassen und auch im Genitalbereich küsste. Dafür wurde er damals zu 10 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Es blieb zwar die einzige »Hands-On-Tat«, wie Fachleute den tätlichen Übergriff auf Kinder nennen.

Er verließ danach das elterliche Umfeld und lebt seitdem in der Schottener Reha. Dort wurden auf seinem Handy kinderpornografische Dateien bemerkt. Das Amtsgericht Büdingen verurteilte ihn deshalb im Januar 2015 zu einer weiteren Bewährungsstrafe. Als ernste Warnung aber schien er es nicht wahrzunehmen. »14 Tage später hat er diesen Mist wieder auf seinem Handy gehabt«, sagte sein Anwalt.

Auch deshalb forderte die Staatsanwältin diesmal zwei Jahre und zehn Monate Haft sowie die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik, um die Gesellschaft so vor weiteren Taten zu schützen. Sie sehe beim Angeklagten ein »enorm dranghaftes Verhalten« und eine extrem hohe Gefahr, dass er weiterhin einschlägige Delikte begehen werde. Es gebe eine »Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent, dass der Angeklagte zu ›Hands-On-Delikten‹ neigt«, dass er, wenn die Gelegenheit bestehe, sich auch real an Kindern vergreife.

Obwohl durch Medikamente der Testosteronspiegel des Angeklagten auf Kastrationsniveau liege, fühle er immer noch einen Drang, sich Kindern zu nähern. Die Staatsanwältin beschrieb, »dass der Angeklagte einen ganz anderen Blick erfährt, wenn er Kinder sieht.« Er könne diesen Drang nicht steuern. Es sei nur dem Zufall geschuldet, »dass der Angeklagte noch nicht in die Situation gekommen ist, seinem Drang zu folgen«, sagte sie. Er habe selbst eingeräumt, »wenn ich Kinder sehe, denke ich, ich kann ja nichts machen, weil die Eltern in der Nähe sind.«

Der Anwalt des Angeklagten plädierte dafür, den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von höchstens zwei Jahren zu verurteilen und diese nochmals unter schärfsten Auflagen zur Bewährung auszusetzen. »Die Gefährlichkeit, die hier beschrieben wird, sehe ich nicht«, sagte er noch. Seit der Angeklagte in Schotten lebe, gebe es keine »Hands-On-Problematik« mehr.

Eine Haft und die Unterbringung in der Psychiatrie hätten für seinen Mandanten unumkehrbare Folgen. Nicht nur, dass er seine Arbeit, die ein wesentlicher Lebensinhalt sei, verlöre. Es sei weder absehbar, wann sein Mandant aus der Psychiatrie entlassen werde, noch wo er dann leben könne. Eine Rückkehr in die Schottener Reha sei dann nicht möglich. Diesem Appell schloss sich auch der Angeklagte in seinem Schlusswort an. Er betonte, dass er bereit sei, sich ambulant psychiatrisch behandeln zu lassen.

Keine Unterbringung in Psychiatrie

In seiner Urteilsbegründung verwies Richter Söhnel darauf, dass dem Angeklagten das Unrecht seiner Handlungen durchaus bewusst gewesen sei. Dennoch sprach er sich gegen eine Unterbringung in der Psychiatrie aus. Das sei das schärfste Schwert der Justiz. »Da kommt man vielleicht nicht mehr raus«, sagte er. »Der Unterschied zwischen sich kinderpornografische Schriften verschaffen und das machen, was auf den Bildern zu sehen ist, ist ein ganz erheblicher«, so der Richter.

Es sei nicht so, führte er weiter aus, »dass wenn der Angeklagte hier die Tür verlässt, er irgendein Kind von der Straße zerrt«. Deshalb setzte er nicht nur die Freiheitsstrafe, sondern auch eine mögliche Unterbringung in der Psychiatrie zur Bewährung aus.

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