04. Februar 2019, 10:00 Uhr

Von oben

Lollar ist keine Schönheit, aber ein Schmelztiegel der Kulturen

Lollar ist wahrlich keine malerische Stadt, aber lebendiger als andere Orte im Lumdatal. Ein eisernes »Wirtschaftswunder« befeuerte einst die Entwicklung. Und dann gab es da noch ein Kuriosum.
04. Februar 2019, 10:00 Uhr
Als Industriestandort hat Lollar eine rasante Entwicklung genommen. Am unteren Bildrand erstreckt sich das Gewerbegebiet Süd Richtung Gießen, links oben an der Bahnstrecke ist das Bosch-Werk (früher Buderus) zu sehen. (Luftbild: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

Zum Dossier


Wer durch Lollar fährt, wird eines nicht finden: einen schmucken alten Ortskern, der zum Verweilen einlädt. Trotzdem ist der Ort reich an Einzelhandel, Gastronomie, kleinen Läden – nur eben nicht in einer beschaulichen Fußgängerzone, sondern vor allem entlang der stark befahrenen Ortsdurchfahrt, die unten Gießener, oben Marburger Straße heißt. Links und rechts des Asphalts reiht sich ein Werbeschild an das nächste. Um der Masse an Leuchtreklame Einhalt zu gebieten, hat das Stadtparlament vor Kurzem Ortsrecht geändert.

Lollar, erstmals 1242 erwähnt, ist eine besondere Stadt: vielleicht weniger gemütlich, aber irgendwie lebendiger als andere Orte im Lumdatal. Das hat auch mit der industriellen Prägung zutun – und mit Menschen, die aus anderen Ländern kamen und hier Arbeit und eine neue Heimat fanden. Die Stadt mit dem Eisengießer an der Hauptstraße als Wahrzeichen ist so auch zu einem Schmelztiegel verschiedener Religionen, Kulturen und Nationalitäten geworden.

 

Günstige Lage zwischen Gießen und Marburg

Die günstige Lage – zwischen Gießen und Marburg, an Lahn und Lumda – beschert Lollar seit Langem Standortvorteile. Bereits 1850 machte der erste Zug hier Station. Die Main-Weser-Bahn schuf eine wichtige Verbindung zwischen Nord- und Südwestdeutschland. Lollar war nun eng am stählernen Puls der Zeit.

Doch die für den Ort so prägende Industrialisierung wäre um ein Haar ausgeblieben: Als Justus Kilian 1846 den Bau einer Eisenhütte beantragte, lehnten die Gemeinderäte ab. Sie fürchteten, der Brennstoff Holz könne sich verteuern. Kilian ließ nicht locker, schließlich wurde ab 1854 die Hedwigshütte gebaut.

Wenige Jahre später kaufte das Unternehmen Buderus den Betrieb. Die »Villa Buderus«, ein neugotisches Schlösschen neben der Hütte, ließ die wirtschaftliche Macht weithin sichtbar werden. Auch die Arbeitersiedlung »Kolonie«, hessenweit die erste ihrer Art, entstand infolge des Lollarer »Wirtschaftswunders«. Der Industriestandort und damit auch die Stadt wuchsen kräftig.

 

Arbeitskräfte aus Süd- und Südosteuropa

Das Werk, heute zu Bosch gehörend, strahlte ab Ende der 1950er auch über Deutschland hinaus: Arbeitskräfte aus Süd- und Südosteuropa, die »Gastarbeiter« genannt wurden, verstärkten die Belegschaft. Zunächst seien einige Italiener nach Lollar gekommen, berichtet Stadtrat Willi-Ludwig Hofmann. Der damalige Buderus-Chef sei dann selbst in die Türkei gereist, um Arbeitnehmer anzuwerben.

Dass diese Arbeiter auch Familien hatten und viele sich eine dauerhafte Existenz in Deutschland aufbauen wollten, daran dachte damals kaum jemand. Doch über die Jahrzehnte haben sie Lollar mit geprägt – zum Beispiel in Sachen Gastronomie: Gute Pizzerien, renommierte Eisdielen, deren Inhaber mit dem Wagen auch Runden durch die Nachbarorte drehen, aber auch Döner-Restaurants und Teestuben prägen das Ortsbild. Eine Vielfalt, von der viele Orte in der Region nur träumen können.

 

Ein Stück Lollar im Hessenpark

Zuwanderung hat zudem zu religiöser Vielfalt in Lollar geführt. Auch der jesidische und alevitische Glaube werden hier gepflegt. Außerdem leben im Ort zahlreiche Muslime, die ihren Glauben in zwei Moscheen praktizieren. An der Lollarer Grundschule gehört – einmalig im Landkreis – islamischer Religionsunterricht zum Fächerkanon.

Auch die Volksgruppe der Kurden ist mittlerweile in Lollar recht stark vertreten. Und Vertriebene, die nach dem Zweiten Weltkrieg hier eine neue Heimat fanden, brachten ihren katholischen Glauben mit. Heute gehen Katholiken aus dem Lumdatal entweder in Londorf in den Gottesdienst – oder in Lollar. Die sehr alte Dorfkirche steht noch immer, aber nicht mehr in Lollar. Wie das geht? Das Gotteshaus wurde abgetragen, durch einen Neubau ersetzt – und in den 1980ern im Hessenpark wieder aufgebaut.

 

Politisches Kuriosum 2002

Über Jahrzehnte war Lollar eine Arbeiter-hochburg – und tief rot geprägt. Die SPD holte bis 1993 bei Kommunalwahlen regelmäßig die absolute Mehrheit, berichtet Willi-Ludwig Hofmann. Doch auch hier haben die Genossen inzwischen an Boden verloren.

Ein politisches Kuriosum gab es 2002: Das Stadtparlament wollte Bürgermeister Gerd Bocks abwählen lassen, doch die Wähler entschieden anders. Als Konsequenz legten 30 Parlamentarier ihr Mandat nieder. Die Stadtverordnetenversammlung war beschlussunfähig, die Politik stellte sich neu auf. Stadt darf sich Lollar übrigens erst seit 1974 nennen. Drei Jahre zuvor waren durch die Gebietsreform Odenhausen, Ruttershausen und Salzböden eingemeindet worden.

 

1200 Schüler an der CBES

Als Bildungsstandort ist Lollar aus dem Lumdatal nicht wegzudenken. An der Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) werden rund 1200 junge Menschen unterrichtet. Es ist zwischen Grünberg und Gießen die einzige Schule, die Schüler bis zum Abitur begleitet. Außergewöhnlich: Die CBES hat eine Zweigstelle. Die Gesamtschule in Allendorf ist ihr seit wenigen Jahren als Standort angegliedert. Zur CBES gehört auch ein Hallenbad, das Waldschwimmbad befindet sich am anderen Ende der Stadt.

Wie das Zweistromland an Lahn und Lumda sich weiter entwickeln wird, darüber sind Statistiker uneins: Zurzeit hat Lollar (Kernstadt) rund 6700 Einwohner. Das Land prognostiziert der Kommune bis 2030 einen leichten Bevölkerungsrückgang, der Kreis einen Anstieg um sieben Prozent. Potenzial ist jedenfalls da: Vielfalt an Industrie und Gewerbe, gute Verkehrsanbindung, Schulen vor Ort. Vielleicht keine Stadt zum Dahinschmelzen, aber ein noch immer aktiver Schmelztiegel.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arbeitnehmer
  • Buderus AG
  • Entwicklung
  • Hessenpark
  • Kulturen
  • Lumdatal
  • SPD
  • Schönheit
  • Von oben
  • Wirtschaftswunder
  • Lollar
  • Jonas Wissner
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 / 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.