02. August 2018, 16:43 Uhr

Lich war einst Backsteinhochburg

02. August 2018, 16:43 Uhr
Die Licher Tonwerke auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1930. Im Hintergrund ist die Gießener Straße zu sehen. (Foto: Arbeitskreis)

Dort, wo heute Licher einkaufen gehen oder im Restaurant auf ihr Essen warten, wurden einst Ziegel gebrannt. Doch nicht nur auf dem Areal des Stadtturmcenters, sondern auch in der nähe des Waldschwimmbades auf einer Wiese sowie in der Ziegelgasse wurden die roten Steine hergestellt. Das neue Buch »Der Ziegelstein – Ziegeleien in Lich, Erinnerungen und Vergessenes« des Heimatkundlichen Arbeitskreises Lich wirft nun einen Blick in dieses spannende Kapitel der Stadtgeschichte. Es wurde am Mittwoch im Rathaus offiziell vorgestellt.

Viele Jahrhunderte lang wurden in Lich Ziegel sowohl für die Dächer der Häuser als auch deren Wände hergestellt. Zunächst geschah dies in sogenannten Feldbrandöfen. Diese erinnernten optisch an Kohlenmeiler. An der Basis des Ofens wurden kleine Tunnel angelegt, durch die Luft zuströmen konnte und das Feuer entzündet wurde. Darüber wurden abwechselnd Lagen aus Ziegelrohlingen und Feinkohle gestapelt. »Die Kohle sorgte für die notwendige Hitze von 1200 Grad«, sagte Autor Hermann Pein. Schließlich wurde das Ganze mit einer Schicht aus Lehm als Außenhaut abgedichtet.

Das Brennen selbst dauerte mehrere Wochen, im Winter musste die Produktion ruhen. Dabei musste die ganze Zeit ein Ziegelbrenner das Feuer im Auge behalten. Die so hergestellten Ziegel waren von wechselhafter Qualität: Während die äußeren Schichten oft nicht richtig durchgebrannt waren, konnten die Steine im Inneren des Ofens anbrennen. Solche Steine findet man in Lich beispielsweise in der Fassade des Kulturzentrums Bezalelsynagoge. Die Licher Maurer Stengler und Winn stellten Steine auf diese Weise bis in die 1920er Jahre auf einer Fläche nahe dem heutigen Waldschwimmbad her.

Auch die Stadt Lich selbst unterhielt eine Ziegelei. Bis 1895 wurden in der Ziegelgasse die Steine hergestellt, berichtet Pein. Aus Kostengründen wurde der Betrieb eingestellt. Die Gebäude wurden bei Bränden in den 1970er/1980er Jahren zerstört.

Ebenfalls verschwunden ist die größte Licher Ziegelei auf dem Areal Am Wall. Sie wurde 1907 von Heinrich Schmidt VIII. zusammen mit seinen beiden Söhnen Hermann und Heinrich gegründet. Um die Fabrik zu bauen, verkaufte er Geschäftsanteile – also Aktien – an Licher Gewerbetreibende und das Fürstliche Haus.

In dem 18-Kammer-Ring-Brennofen wurden die Ziegel wesentlich schneller als auf dem Feld hergestellt: Zehn Tage brauchte sie zum Aufheizen, zwei Tage wurden sie unter Hochtemperatur gebrannt und dann fünf Tage abkühlen gelassen. Danach waren sie noch so heiß, dass sie mit Handschuhen aus dem Ofen geräumt werden mussten.

Unterbrochen vom Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie einen Großbrand in den 1920er Jahren, der lediglich das Maschinenhaus und den Ringofen verschonte, stellte die Fabrik Drainagenrohre, Dachziegel und Backsteine her. Bis 1958 hatten 17 Millionen Dachziegel und 30 Millionen Backsteine und ebenso viele Drainagerohre das Werk verlassen.

Nachdem 1962 der langjährige Leiter Heinrich Schmidt XII. starb, ruhte der Betrieb für drei Jahre. 1965 übernahm Manfred Leisenberg aus Laubach den Betrieb. Er baute die Fabrik in eine vollautomatische Ziegelei um, die nun rund um die Uhr Steine herstellen konnte. Doch die neue Blütezeit des Unternehmens dauert kein Jahrzehnt an. Denn der billiger zu produzierende Hohlblockstein macht dem Mauerziegel deutliche Konkurrenz. Auch Drainagen wurden mittlerweile aus Plastik hergestellt. 1974 wurde der Betrieb eingestellt. Investoren kauften das Grundstück, um hier das Stadtturm-Center zu errichten. Als letztes Bauwerk wurde 1981 der 38 Meter hohe Schornstein gesprengt.

»Ich hab noch in den Trümmern des umgestürzten Schornsteins gespielt«, erinnert sich Uwe Mogk vom Vorstand des Heimatkundlichen Arbeitskreises. Während die älteren Licher das Gebiet rund um die Ziegelei noch als Abenteuerspielplatz in Erinnerung haben, kennen die Jüngeren es nur als Standort des Supermarktes und der Dietrich-Bonhoeffer-Schule.

»Das Gelände ist zuletzt soviel umgebaut worden«, sagte Bürgermeister Bernd Klein bei der Präsentation. »Hier sieht man nun, wie die Flächen früher genutzt wurden.« Die Stadt unterstützte den Druck des Buchs, das für 12 Euro im Heimatmuseum erhältlich ist, mit 500 Euro. »Die alte Ziegelei ist ein Stück Stadtgeschichte, die sie wie die Brauerei geprägt hat«, sagte Klein. »Geschichte hat aber auch immer etwas mit Vergänglichkeit zu tun.«

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