07. September 2018, 22:07 Uhr

Lernen ohne Druck

07. September 2018, 22:07 Uhr
Szene aus dem Film »Das Prinzip Montessori«, der in Lich gezeigt wird. (Foto: Verleih)

Geduldig schaut der vierjährige Géraud monatelang zu, was seine Klassenkameraden machen. Manche ordnen Formen, andere rechnen, gießen Flüssigkeiten um, schneiden Obst, backen Brot oder erkunden die Klang- und Geräuschwelt mittels Glocken und Rasseln. Géraud braucht Zeit, um herauszufinden, was ihn selbst interessiert. Basierend auf der Methode der italienischen Reformpädagogin Maria Montessori (1870 bis 1952) zeichnet sich die Arbeitsatmosphäre in der französischen Vorschulklasse gerade dadurch aus, dass Lehrer Christian seinen Schülern viel Freiraum lässt, ihren eigenen Rhythmus zu entwickeln und selbstständig zu lernen. Regisseur Alexandre Mourot begleitet den Schulalltag der zweieinhalb bis sechsjährigen Kinder in seiner überaus sehenswerten Dokumentation »Das Prinzip Montessori« über einen längeren Zeitraum. Zur Premiere am Donnerstag im Kino Traumstern stellte sich Brigitte Johannsen, Schulleiterin der Montessorischule in Mühlheim am Main, den Fragen des vorwiegend weiblichen Publikums. Bei Johannsen verhält es sich ähnlich wie beim Regisseur: Sie wollte, dass es ihren Kindern besser als ihr selbst ergeht und sie eigenverantwortlich, ohne Druck lernen. Bewusst sprach sie im Traumstern von »Lernbegleitern« – und eben nicht Lehrern – , die das Vertrauen der Heranwachsenden in individuelle Fertigkeiten förderten.

Kamera stört Kinder nicht

Der Film vermittelt anschaulich eine Vorstellung davon, wie Christian seine Schüler in teils nur wenige Wochen währenden Phasen hoher Aufnahmebereitschaft animiert, die Konzentration auf bestimmte Tätigkeiten wie Lesen zu fokussieren. Alle Kinder sind ständig in Bewegung, beschäftigen sich hingebungsvoll mit diversen Dingen, ruhen dabei in sich selbst.

Regisseur Alexandre Mourot übernimmt eine ähnliche Rolle wie Christian, beobachtet die Kinder mit wachen Augen in ihrer Empfänglichkeit für Neues. Besonders bemerkenswert daran: Die Schüler widmen sich ihrer Arbeit derart leidenschaftlich, dass sie sich durch die Kamera offenbar kaum gestört fühlen. Zuweilen helfen ältere Kinder Neulingen bei schwierigen Aufgaben, dabei herrscht meist ein respektvolles Klima. Im Gegensatz zu konventionellen Schulen werden Belohnung und Tadel vermieden, vielmehr versucht Christian, besondere Neigungen zu erkennen.

Wie Johannsen im Publikumsgespräch äußerte, ging es Montessori sehr wohl um Leistung, solle das Potenzial eines Kindes ausgeschöpft werden – allerdings in einem anderen Sinn als gewöhnlich. Schüler dürften durchaus Fehler machen, würden sich jedoch Zuversicht aneignen, irgendwann zum Ziel zu gelangen. Der Lernbegleiter zeige, wie Material richtig zu behandeln sei und rege ihre Kreativität an. Die Kinder könnten sich recht frei bewegen, die Regeln seien aber klar vorgegeben, denn: »Mit Freiheit ist nicht Beliebigkeit und Orientierungslosigkeit gemeint.«

Wie Johannsen weiter erläuterte, liefere der Lehrer eine Einführung, steuere die Kinder dadurch bei der Verwendung der Gegenstände. Mit älteren Kindern verhalte es sich im Prinzip so ähnlich; Johannsens Schule reicht bis zur zehnten Klasse. Wohlgemerkt seien sich die Kinder im Klaren darüber, mit wie viel Arbeit es verbunden sei, das Abitur zu schaffen – gerade deshalb sei die Förderung der Eigenverantwortlichkeit in jungem Alter so wichtig. Entscheidend sei allerdings auch, wie tief das Vertrauen der Eltern in den selbstständigen Reifungsprozess der Kinder reiche. Nicht wenige Eltern seien gestresst, wenn der Nachwuchs ohne Klassenarbeiten nach Hause komme. »Gegen den Strom schwimmen« sei auch anstrengend, resümierte Johannsen.

»Das Prinzip Montessori« läuft noch bis Sonntag um 19.30 Uhr sowie kommenden Montag und Dienstag um 17.30 Uhr im Kino Traumstern.

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