30. Juli 2018, 18:00 Uhr

"Poesie am Wegesrand"

Laubachs neue Wege zur Poesie

In Londoner U-Bahnen sind »Poems on the Underground«, bei denen freie Werbeflächen mit Gedichten versehen sind, ein Riesenerfolg. In Laubach leiten ab sofort 23 Tafeln mit Gedichten geneigte Leser durch die vermutlich schönsten Winkel der Stadt bei »Poesie am Wegesrand«.
30. Juli 2018, 18:00 Uhr
Eröffnung des »Weges der Poesie« im Schlosspark Laubach: Prof. Dr. Sascha Feuchert, am Pult, hält das Einführungsreferat. (Fotos: tb)

Ihre gestiegenen Ambitionen haben die Touristiker der Stadt – mit gut 60 000 Übernachtungen eine Fremdenverkehrs-Hochburg im Kreis – jüngst präsentiert. Das Konzept umfasst Verbesserungen der Infrastruktur, etwa die neue E-Bike-Route oder die Ruhebänke am Panoramaweg. Nicht vergessen haben sie neue inhaltliche Angebote, wofür zuvörderst der Themenspaziergang »Poesie am Wegesrand – Wege zur Poesie« steht.

Initiiert wurde der von Celina Gräfin zu Solms-Laubach: Sie hatte sich an ein ähnliches Vorhaben ihres Stiefvaters erinnert, konnte sich den gräflichen Park sehr wohl dafür vorstellen. Zumal, wenn dort ein gewisser Rilke mit seinem berühmten »Panther« verewigt würde: Der Dichter pflegte Anfang des 20. Jahrhunderts einen regen Briefwechsel mit Prinzessin Manon zu Solms-Laubach. Die Originale werden im Schlossmuseum gezeigt. Was aber nicht der einzige Bezug des »Weges der Poesie« zu dem Städtchen an der Wetter sein sollte.

 

Rilke und das gräfliche Haus

 

Meist sind die Gedichttafeln an Bäumen befestigt, einige auch an solchen Basaltstelen.
Meist sind die Gedichttafeln an Bäumen befestigt, einige auch an solchen Basaltstelen.

Bei dessen Konzeption, vor allem der Auswahl der Gedichte, konnten die Touristiker von der Expertise eines Laubachers profitieren: Prof. Dr. Sascha Feuchert vom Fachbereich Germanistik der JLU Gießen. Ihm wie dessen Team, vorneweg Elisabeth Thurvold, dankte Laubachs Kulturdezernentin Christine Diepolder bei der Eröffnung des Spazierwegs. Begleitet wurde die kleine Feier von passenden Kompositionen für Klarinette, gespielt von Peter Ehm. Wem in einer Welt der hektischen Aktivität der Sinn nach Innehalten, Nachdenken, Entschleunigen stehe, so Diepolder, für den sei der »Weg der Poesie« der richtige. Dass somit die Kleinode Schlosspark und Ramsberg verknüpft und touristisch zu verwerten seien, fügte sie hinzu.

Insgesamt sind es 23 Gedichte, die nun auf viele Leser hoffen. Im Park selbst sind es Werke aus dem 19. Jahrhundert. Just also aus der Zeit, da der Botaniker Hermann Graf zu Solms-Laubach die dereinst herrschaftlichen Gemüsebeete in einen Landschaftsgarten englischen Stils verwandelte. Bettina von Arnims »Blumen«, Storms »Ein grünes Blatt« oder Hölderlins »Hälfte des Lebens« seien beispielhaft erwähnt.

 

Werke der Moderne am Ramsberg

 

Der Spaziergang über den Ramsberg indes sorgt für Bekanntschaften mit Werken der Moderne: Von Paul Celan (»Die Todesfuge«) ist »Die nachzustotternde Welt« in Emaille gebrannt, von Karl Kraus »Der Hörerin«. Auf dem Hausberg der Laubacher finden sich ebenso Bezüge zu ihrer Stadt: Etwa in dem Gedicht »Der Garten« von Safiye Can. Im Rahmen des Pilotprojektes »Autorenresidenzen im ländlichen Raum« des Hessischen Literaturrats lebte und arbeitete sie um den Jahreswechsel 2017/18 in Laubach.

»Literatur im öffentlichen Raum«, eröffnete Feuchert sein Einführungsreferat, »das klingt zunächst einmal paradox. Denn Lesen verlangt eigentlich Ruhe, Konzentration Kontemplation; und Lesen ist ein individueller Akt.« Erst recht gelte das für Lyrik, verlange einem diese Gattung doch oft ein intensives Nachdenken ab – weil sich der Sinn des Gedichts nicht sogleich erschließe, mitunter der Dichter ein vollständiges Verstehen gar nicht beabsichtige.

Literatur im öffentlichen Raum, das klingt zunächst einmal paradox

Prof. Sascha Feuchert

Der öffentliche Raum mit seinen Geräuschen und Ablenkungen stehe dem konzentrierten Sich-Einlassen auf die Texte eigentlich entgegen. Und doch gebe es überall in der Welt Aktionen, um Poesie in die Mitte des Alltags, den öffentlichen Raum zu holen. Feuchert verwies auf die »Poems on the Underground«: In Londoner U-Bahnen werden freie Werbeflächen mit Gedichten versehen. Ein Riesenerfolg, wie die Auflagen der Anthologien mit den plakatierten Versen zeigten. »Die Gedichte bieten nicht nur kleine Oasen der Entschleunigung und des Nachdenkens im Alltag, sie steigern auch das Interesse an Lyrik nachhaltig.« Für den Professor für Neuere deutsche Literatur mit Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur zugleich der Beleg, dass Werke der Poesie und öffentlicher Raum doch kein Paradox sind, sich sehr wohl »vertragen«.

 

Kostbare Momente

 

Mehr noch: Wer sich, gerade inmitten von Hektik, Masse und Geräuschen, auf Lyrik einlasse, erfahre einen Moment der Sammlung, des Besinnens. »Gerade in unserer Zeit, die dem Diktat des Smartphones mehr zu folgen scheint als allem anderen, sind das überaus kostbare Momente.«

Auch in Laubach sind nun Gedichte in den öffentlichen Raum gepflanzt worden, der freilich ist völlig anderen Charakters als jener in der Londoner Metro. Doch lauern hier neue, andere »Gefahren« der Ablenkung: Schönheiten der Natur, mit denen Schlosspark und Ramsberg nun gemeinsam mit Versen von Hölderlin oder Karl Kraus um die Gunst des geneigten Spaziergängers buhlen. Um mit den Worten der »Moderne« zu sprechen: eine Win-Win-Situation.

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