14. November 2017, 19:16 Uhr

Kriminalfall und Seelenreise

14. November 2017, 19:16 Uhr
Schriftsteller Martin Mosebach zu Gast bei den Wettenberger Deutschfranzosen. (sis)

Vor über einem Jahr wurde an dieser Stelle der aktuelle Roman »Mogador« des preisgekrönten Frankfurter Schriftstellers Martin Mosebach besprochen und in den höchsten Tönen gelobt. Am Sonntagabend war Mosebach von den Wettenberger »Deutschfranzosen« auf die Burg Gleiberg eingeladen worden, um aus dem Werk über einen Kriminalfall und eine Seelenreise vorzulesen. Als Teil des Ausstellungsprojekts »Marokko Momente« war diese Lesung zu verstehen, die im eindrucksvollen Rittersaal abgehalten wurde.

Anspruchsvolle Dramaturgie

»Er ist ein echter Frankfurter Bub und nimmt Nachrichten angeblich nur in Papierform an«, kündigte Norbert Schmidt, Vorsitzender der Deutsch-Französischen Gesellschaft Wettenberg, seinen Gast an. Insgesamt habe Mosebach 17 Preise gewonnen, darunter den Georg-Büchner-Preis und die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt. Er sei ein »genuiner Erzähler und [...] Essayist von ungewöhnlicher stilistischer und intellektueller Brillanz« schrieb die FAZ. Doch sein Roman »Mogador«, dessen Handlung weitgehend in Essaouira an der marokkanischen Atlantikküste spielt, hat auch Kritik eingefahren. Die Beschreibung »aufgeblähter Pseudo-Interkulturalitäts-Verständnis-Roman« fällt und ist am Samstag durchaus nachvollziehbar. Mosebach versteht es unbestreitbar, Situationen und menschliche Begegnungen punktgenau einzufangen. Er verfügt über eine Wortwahl, die ihresgleichen sucht, ist bekannt für Stimmungsbilder, die er nuancenreich in Literatur packt. Doch wer beim Zuhören nicht genau Wort für Wort einfangen kann, ist schnell verloren in der Dramaturgie des Romans. Worum geht es eigentlich, fragt sich mancher am Ende der Lesung.

Patrick Elff, ein junger erfolgreicher Banker, springt nach einem Gespräch im Polizeipräsidium aus dem Fenster und beginnt damit eine gefährliche Reise. Elff hat betrogen und die Entdeckung steht bevor. Also verlässt er seine Welt hierzulande und sucht Hilfe bei einem marokkanischen Finanzmann, der ihm noch einen Gefallen schuldet. Doch auch in Mogador, wie Essaouira vor der Unabhängigkeit Marokkos hieß, erweist sich das Untertauchen als schwierig. Um der Aufmerksamkeit der Polizei zu entgehen, mietet sich Elff nicht in einem Hotel, sondern im Haus der Patronin Khadija ein, einem kleinen Universum, einer verborgenen Welt mit eigenen, weit jenseits des Normalen liegenden Gesetzen: Khadija ist Hure und Kupplerin, Geldverleiherin, Zauberin und Prophetin. Patrick, der sich selbst als einen erlebt, der mehr oder weniger unfreiwillig in seine Tat hinein geschliddert ist, stößt auf eine Frau, die mit ihrem Willen einen Kult bis zur Selbstvergötzung treibt. Zum zweiten Mal in kürzester Zeit übertritt der junge Banker unverrückbar scheinende Grenzen.

»Mogador« ist folglich Kriminalfall und Seelenreise, genaueste Wirklichkeitsbeobachtung und ins Dämonische ausschweifende Fantastik. Weil Mosebach an diesem Abend auf der Burg noch ein wenig aus dem Nähkästchen plaudert, verliert sich die literarische Fantasie ein wenig und man weiß mit wem man es zu tun hat: einem Menschen, der immer wieder aus dem trauten Familienglück flüchtet, seine Werke am liebsten weit weg von zu Hause schreibt und noch nicht ganz angekommen ist, wie es scheint.

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