13. März 2018, 14:11 Uhr

Kraftklub

Kraftklub im Interview: »Eine gute Nacht geht prinzipiell bis 17 Uhr«

Am Mittwoch ist Kraftklub in der Wetzlarer Rittal-Arena. Im Streifzug-Interview erzählt Sänger Felix Brummer von Fans, Idolen und wie es sich anfühlt, musikalisch und textlich fertigerzählt zu haben.
13. März 2018, 14:11 Uhr
Foto: dpa

Die Nacht ist ein bestimmendes Thema auf eurem Album. Was ist für euch eine gute Nacht?

Felix Brummerr (Sänger): Eine gute Nacht geht prinzipiell bis 17 Uhr. Dann sollte man nach Hause gehen. Meine Oma sagt immer: »Nichts Gutes passiert nach 17 Uhr.« Nach 17 Uhr muss man wirklich mal vom Rave abhauen. Während der Produktionsphase (für das Album »Keine Nacht für Niemand«) waren wir in Berlin im Studio. Wir waren tagsüber immer im Studio und sind dann abends ins Nachtleben entfleucht und haben uns Konzerte angeguckt, waren in Clubs, waren unterwegs, waren einfach draußen am Späti. Die Nächte haben wir uns gar nicht im Studio um die Ohren geschlagen. Die Nächte waren wir unterwegs, haben Freunde getroffen und waren halt draußen.Wir sind rumgestromert, haben Sachen erlebt und haben die dann gewissermaßen am nächsten Tag tagsüber im Studio wieder verarbeitet.Wir haben sehr viel geschlafen im  Studio und sind sehr viel nachts unterwegs gewesen.

Wenn irgendwann sich die Gallagher-Brüder zusammenreißen und eine obszöne Festivalgage annehmen, kaufe ich mir für dieses Festival ein Ticket

Felix Brummer

Keine Nacht für Niemand:Wer kam auf dasWortspiel im Titel des Albums?

Brummer: Das ist ein faszinierendesWortspiel, weil uns das immer sehr interessiert hat. Weil es einerseits unsere Liebe und unseren Respekt vor Rio Reiser zeigt. Und auf der anderen Seite...man macht einfach nur aus dem »M« von »Macht« ein »N« für »Nacht«. Und auf einmal dreht sich das. Auf einmal wird es zu einem Motto für Raver. Das fanden wir sehr faszinierend und irgendwie lustig. Rio Reiser ist einfach auch so eine Figur, die uns extrem geprägt und begleitet hat, weil der es einfach geschafft hat, ernst zu nehmende politische Musik zu machen, was ja schon an sich super schwierig ist, Und auf der anderen Seite hat er es geschafft, unpeinliche große Liebessongs zu schreiben. Das ist eine Verbindung, die mich schon immer  fasziniert hat und die ich sehr nacheifernswert finde.

Ihr zitiert auf dem Album unter anderem Element Of Crime, Die Ärzte, DÖF.Wie geht ihr da vor: Kommt da einer ins Studio und sagt: »Hey, ich will dieses Lied dabei haben, weil ich es so mag«?

Brummer: Nein, so theoretisch sind wir da nicht rangegangen. Aber wenn man sich diese Platte sehr intensiv und genau anhört, glaube ich, dass man irgendwann mehr oder weniger ein komplettes Bild davon hat, wo  wir musikalisch herkommen.Wir alle fünf. Wer uns inspiriert hat. Wer uns geprägt hat in unserer Zeit. Wegbegleiter. Da sind ja alle mit dabei. Manche Leute sind sehr präsent, wie Sven Regener und Farin Urlaub. Aber viele sind fast ein bisschen psychoakustisch untergebracht – nur für uns, dass wir wissen: Die  sind da mit drauf. Das war eher ein organischer Prozess, dass wir gemerkt haben, da muss noch das und das  mit rein, damit wir uns vollständig fühlen mit der Platte.

Wir haben bestimmt alle schon einmal schlimme Gedanken gehabt, wenn es um andere Personen geht. Das will man gar nicht laut sagen. Entstand so auch  Dein Lied«?

Brummer: Das Lied ist auch aus der Perspektive einer faszinierenden Figur geschrieben: die Figur des gebrochenen Typen. Die Figur der kaputten Männlichkeit. Klar: Das Leben ist zusammengebrochen, die Beziehung ist vorbei und alles fühlt sich taub an. Aber er kommt darüber hinweg. Und es ist ja alles gar  nicht so wild, und morgens scheint ja wieder die Sonne. Aber dann kriegst du mit: Nee, Momentchen mal. Da stimmt irgendwas überhaupt nicht. Und dann bekommst du mit: Du bist mitten in einer Rachefantasie  von ihm. Der Ausbruch mit der unglaublich emotionalen und bösartigsten Art, seine Ex-Freundin quasi zu schmähen. Als Hörer wird man zu einer Art Komplize gemacht, weil es sich so schön bricht mit dieser catchy Melodie und mit diesen schönen Streichern. Aber es ist natürlich vollkommen klar, dass es reine Fiktion ist.

Der Sänger Felix Brummer der Band Kraftklub steht am 08.09.2017 bei der Verleihung des Preises für Popkultur des "Vereins zur Förderung der Popkultur" im Tempodrom in Berlin. Foto: Gregor Fischer/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Der Sänger Felix Brummer der Band Kraftklub steht am 08.09.2017 bei der Verleihung des Pre...

Ich fand den Song »Fan von Dir« ein bisschen gemein, weil Menschen ja wirklich so denken. In dem Lied  heißt es unter anderem: »Ich wär auch gern Gewinner statt ständig zu verlieren/Doch ich bin leider für immer, für immer nur Fan von dir.«

Brummer: Sobald man das als Liebeslied sieht, dann wird es ein bisschen creepy. In meinem direkten Umfeld gibt es immer noch Leute, erwachsene Menschen, die wirklich so sehr Fan sind – von  Fußballvereinen, von Bands – dass sie früh aufwachen und denen sich das Herz zusammenzieht, wenn sie sich daran erinnern, dass sie gestern verloren haben. Sie leiden also richtig physisch mit ihrem Verein. Das fand ich einfach immer schon sehr faszinierend, diese Fanfigur, dieses Fansein bis zur Selbstaufgabe.

Plötzlich, für dieses dritte Album, waren wir in einer Situation, als ob das Korsett gesprengt war. Wir waren dann wieder völlig frei

Felix Brummer

Wart ihr früher auch Fans von Bands und musstet weit für Konzerte fahren?

Steffen Israel (Keyboarder): Das mussten wir, weil früher die coolen Bands immer einen großen Bogen um Chemnitz gemacht haben. Bevor  die Bands nach Chemnitz gekommen sind, sind sie nach Leipzig und nach Dresden gefahren. Deswegen ist man öfter dann da hingefahren und hat sich Konzerte angeguckt.

Für wen würdet ihr denn heute weit fahren?

Brummer: Also wenn irgendwann sich die Gallagher-Brüder entschließen sollten, sich mal zusammenzureißen und irgendeine obszöne Festivalgage annehmen, dann kaufe ich mir für dieses Festival ein Ticket. Ich tippe einfach ins Blaue hinein: In den nächsten fünf Jahren werden Oasis auf dem Glastonbury spielen. Und wenn das passiert, werde ich zum Vorverkaufsstart auf der Glastonbury-Seite sein und mir ein Ticket kaufen.

Ihr musstet euch nach zwei Alben entscheiden, in welche Richtung ihr gehen wollt: Einfach so  weitermachen oder was ändern.

Brummer: Genauso war das. Das erste Album war so ein urplötzlicher Mega-Erfolg, womit niemand gerechnet hätte. Das zweite Album kam dann relativ schnell danach. Da haben wir einfach mal mehr oder weniger weitergemacht. Dann standen wir auf einmal vor dem dritten Album und haben festgestellt, dass wir sowohl musikalisch als auch textlich fertigerzählt hatten. Also wir hatten erzählt, wo wir herkommen, wer wir sind. Dann haben wir auf der zweiten Platte noch reflektiert, wie es ist, dann tatsächlich berühmt geworden zu sein. Und musikalisch war das auch einfach: Immer schneller, immer lauter. Es sollte noch  mehr abgehen. Es sollte noch mehr krachen. Es sollte noch mehr ballern. Und auch da waren wir irgendwie am Ende der Fahnenstange angekommen. Plötzlich, für dieses dritte Album, waren wir in einer Situation, als ob das Korsett gesprengt war. Wir waren dann wieder völlig frei. Haben alles ausprobiert. Ohne Not sind wir wieder viel langsamer geworden. Die Platte ist musikalisch viel entspannter als die anderen Platten. Textlich ist sie viel freier. Die ist viel weiter weg von den tatsächlichen autobiografischen Geschichten. Man könnte es hochtreiben: viel mehr Songwriting, einfach Geschichten erzählen. Und das hat uns, glaube ich, ganz gutgetan.

Felix, du schreibst Texte, indem du viele Zitate sammelst.Wo hast du sie dieses Mal her?

Brummer: Ich bin wie ein Schwamm. Ich sauge alles in meiner Umgebung auf. Ich habe eine Sammlung von  ganz vielen Sprüchen, die ich gut finde, und vielen Ideen. Unglaublich viel davon wird nie zu einem Song werden, weil es dann doch nicht so lustig oder so tiefschürfend war, wie ich es in dem Moment fand. Aber ja, da sind auf jeden Fall viele Sachen drauf, die weit weg sind von meinen persönlichen Erfahrungen. Aber da muss man auch irgendwann hinkommen, weil man ansonsten nur dieWahl hat, sich textlich zu wiederholen, immer wieder davon zu singen »Hey wir sind übrigens die fünf Typen aus dem Osten«. Das stimmt. Dann kommt man an den Punkt, dann sammelt man kuriose Geschichten. Dann versucht man, in Perspektiven von faszinierenden Figuren zu schlüpfen.

Ihr kleidet euch jetzt in Rot. Das Album ist in Rot.Warum?

Brummer: Weil das die Farbe der Liebe ist. Auf der anderen Seite ist es auch die Farbe der Wut. Irgendwie ist das ein ganz interessanter Grat, auf dem man sich da bewegt. Ich finde es tatsächlich ganz geil, dass es so eine Attacke-Farbe ist, das Album aber eigentlich relativ entspannt ist. Das ist ein schöner Gegensatz.

Womit hat euer Album angefangen?

Brummer: Wir haben zum ersten Mal in unserer Karriere eine Pause eingelegt. Und zwar keine Pause, die irgendwann einen Schlusspunkt hatte, sondern wir haben wirklich gesagt: »Okay, heute ist das letzte Konzert. Jetzt machen wir eine Pause auf unbestimmte Zeit « Und dann ist ein kurioser Effekt eingetreten. Sobald klar war, dass wir jetzt erst mal gar nichts mehr machen müssen außer Urlaub und Chillen, hatten wir wieder Mega-Bock, zusammen Musik zu machen, und haben eigentlich ab dem Moment schon wieder  angefangen, Sachen zu machen.Weil dieser komplette Druck weg war. Es war ganz locker: nur fünf Kumpels im Proberaum, die neue Musik zusammen schreiben.

Info

Es gibt noch Karten

Ein explosiver Festivalsommer mit Headline-Shows bei Rock am Ring, Rock im Park und vielen weiteren Festivals sind Kraftklub nicht genug: Die Band setzt in diesem Frühjahr ihre »Keine Nacht für Niemand «-Tour durch die Schweiz, Österreich und Deutschland fort. An diesem Mittwoch sind sie in Wetzlar. Beginn um 20 Uhr, Einlass ab 18:30 Uhr. Es gibt noch Karten an der Abendkasse.

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